„Streitbar“, aber „würdig“: Dieter Nuhr mit Leo-Baeck-Preis geehrt

Der Kabarettist Dieter Nuhr erhält den Leo-Baeck-Preis. Ausgezeichnet wird er für sein öffentliches Engagement gegen Antisemitismus. Im Vorfeld der Veranstaltung gab es jedoch Kritik an der Wahl des Zentralrats.
Von Martin Schlorke
Feierliche Übergabe des Leo-Baeck-Preises durch den Zentralrat der Juden mit Vizepräsident Abraham Lehrer, Dieter Nuhr, Josef Schuster, Dieter Nuhr, Ahmad Mansour, und Vizepräsident Mark Dainow (v.l.n.r.)

BERLIN (inn) – Für sein Eintreten gegen Antisemitismus hat der Zentralrat der Juden am Mittwoch in Berlin den Kabarettisten Dieter Nuhr mit dem Leo-Baeck-Preis ausgezeichnet. Nuhr ist der erste Komiker, der die höchste Auszeichnung des Zentralrats erhält.

Zentralratspräsident Josef Schuster nannte im Rahmen der Festveranstaltung Nuhr einen „streitbaren“ Kabarettisten – wohl als Anspielung auf die mediale Kritik an der Wahl des Preisträgers. Der Zentralrat zeichne Nuhr allerdings nicht wegen seines Humors oder seiner Bühnenprogramme aus, fuhr Schuster fort. Vielmehr nutze Nuhr seine Reichweite und seine Bekanntheit aus, um auf Doppelstandards in der deutschen Medienlandschaft beim Thema Israel hinzuweisen.

Damit werde Nuhr – trotz Widerspruchs von Medien und Kollegen – seiner Verantwortung als Person des öffentlichen Lebens gerecht. „In einer Zeit, in der Antisemitismus eine Normalisierung erfährt, stehen Sie an der Seite der jüdischen Gemeinschaft – hier in Deutschland genauso wie in Israel.“ Damit sei Nuhr ein „würdiger Träger“ des Leo-Baeck-Preises.

Schuster äußerte zudem den Wunsch, dass Nuhr auch zukünftig seinen Kollegen den Spiegel vorhält, wenn Doppelstandards und antisemitische Stereotype repliziert werden.

Mansour kritisiert bequemen Kampf gegen Antisemitismus

Laudator Ahmad Mansour lobte ebenfalls Nuhrs Mut, Wahrheiten und unbequeme Dinge anzusprechen. Nuhr habe stets klar betont, dass die Hamas den Krieg hätte jeden Tag beenden können. Er sei einer der wenigen Menschen im Kulturbetrieb gewesen, der diese „einfache Wahrheit“ ausgesprochen habe. Auch habe Nuhr die Medien kritisiert, wenn sie verharmlosend von „Geiselaustausch“ schrieben. Schließlich wurden israelische Zivilisten gegen verurteilte Mörder ausgetauscht.

Der Psychologe und Autor Mansour bemängelte zudem, dass es eine „bequeme Form“ gibt, gegen Antisemitismus einzustehen – nämlich, wenn dieser von rechts komme. Aber das koste nichts. Nuhr allerdings benenne Antisemitismus auch dann, wenn er „aus der politischen Linken, dem akademischen Milieu, der progressiven Identitätspolitik, dem Klimaktivismus oder dem Islamismus kommt“. Für Mansour hat Nuhrs Arbeit deswegen „eine seltene, eine notwendige, eine rettende Relevanz“.

Antisemitismus bei Kulturschaffenden

Nuhr selbst zeigte sich am Abend dankbar für die Auszeichnung. Er sei „sehr stolz“, weil ihm diese Auszeichnung nicht als Komiker, sondern für seine Haltung als Mensch verliehen wird. Dennoch sei es „ein bisschen gruselig“, dass man in Deutschland einen Preis dafür bekommt, dass man als Künstler kein Antisemit ist, sagte er vor mehreren Hundert geladenen Gästen.

Aus Sicht von Nuhr ist Antisemitismus unter Linken und Kulturschaffenden „eher die Regel als die Ausnahme“. Das verstöre ihn. Zudem beobachte er, dass „Menschen heute wieder mitlaufen, sich offensichtlich gedankenlos einfügen in eine sich moralisch überlegen fühlende Menge“. Genau in diesem Raum entstehe Böses. „Und wir können nicht mehr tun, als dagegenhalten, argumentieren – und Witze machen.“

Nach der Bekanntgabe Nuhrs als Preisträger wurde der Zentralrat für seine Wahl kritisiert. In Nuhrs Show „Nuhr im Ersten“ trat auch die Kabarettistin Lisa Eckart auf. Diese spielt in ihrem Bühnenprogramm mit antisemitischen Stereotypen. Etwa wenn sie sich über angeblich lange Nasen von Juden lustig macht. Auch die „Jüdische Allgemeine“ hatte etwa 2021 Eckarts Auftritte als „unerträglich“ bezeichnet.

Mit dem Leo-Baeck-Preis ehrt der Zentralrat der Juden in Deutschland seit 1957 Persönlichkeiten, die sich für die jüdische Gemeinschaft und gegen Antisemitismus engagieren. Vor Nuhr erhielt ihn zuletzt BVB-Präsident Hans-Joachim Watzke. Weitere Preisträger sind der designierte Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg, Cem Özdemir (Grüne), die frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel, der Vorstandsvorsitzende von Axel Springer SE, Mathias Döpfner, und der frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider.

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3 Kommentare

  1. Der beste und mutigste Satz von Dieter Nuhr: Antisemitismus unter Linken und Kulturschaffenden ist „eher die Regel als die Ausnahme“. Meine Ehefrau liebt Dieter Nuhr, sie wäre gern bei der Feierlichen Übergabe dabei.

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  2. Ich kenne Herrn Nuhr als Humoristen nicht genügend, um mir ein Urteil bilden zu können. Die Laudatio von Ahmad Mansour und die Worte, die Nuhr dann gesagt hat, haben mich allerdings überzeugt, dass der Preis gerechtfertigt ist.

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  3. Es bleibt dabei. Wir brauchen solche Gegenkräfte in einer medial einseitig gepolten Welt unbedingt. Andere Meinungen; das ist etwas was all Jene überhaupt nicht mögen, die meinen, sich allein in die ersten Reihen setzen zu dürfen.

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