JERUSALEM (inn) – Eine Neudatierung antiker Samen wirft neues Licht auf die Geschichte des alten Israel: Die Festung Ein Chazeva in der Arava-Wüste könnte bereits durch das Königreich Israel erbaut worden sein, nicht erst durch die Assyrer Jahrzehnte später.
Ein Chazeva liegt rund 25 Kilometer südlich des Toten Meeres. Die einstige Festung diente in antiker Zeit der Kontrolle von Handelswegen. Sie weist ein quadratisches Grundmuster mit einer Seitenlänge von 100 Metern auf. Die Überreste einer Festung im heutigen Jordanien, Tell el-Cheleifeh drei Kilometer östlich von Eilat, ähnelt dieser Struktur. Daher gehen Archäologen davon aus, dass beide Bauwerke auf einen Architekten zurückgehen.
Annahmen revidiert
Aufgrund weiterer baulicher Merkmale nahmen Forscher bislang an, dass die Assyrer beide Festungen erbauten. Diese lagen an einträglichen Handelsrouten und dienten aufgrund ihrer Imposanz auch der Machtausstrahlung.
Der Archäologe Doron Ben-Ami von der Israelischen Altertumsbehörde ließ nun Samen aus den einstigen Getreidespeichern untersuchen. Laut dem Ergebnis stammen diese aus der ersten Hälfte des achten vorchristlichen Jahrhunderts, zwischen 791 und 772 vor Christus. Die Assyrer hatten das Nordreich Israel erst 722 vor Christus, also Jahrzehnte später erobert.
Neudatierung mit Folgen
Der Befund überraschte Ben-Ami, eine erneute Überprüfung weiterer Samen bestätigte diesen aber. Für ihn kommt nur das Nordreich Israel als Erbauer infrage, nicht etwa das Südreich Juda oder das Königreich Edom. Das Nordreich sei die einzige Macht in der Region gewesen, die damals die entsprechenden Mittel gehabt habe. Das zeigten sowohl archäologische Funde wie auch der biblische Bericht.
Infolge der Neudatierung unterzogen die Forscher auch die architektonischen Merkmale eine Neubewertung. Sie kamen zu dem Schluss, dass es Übereinstimmungen mit dem Baustil im Nordreich des 9. Jahrhunderts während der Dynastie Omri (bis 841) gebe.
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Die Bibel im Licht der Archäologie
Dass das Nordreich auch Stellungen weit im Süden hatte, ist in dem biblischen Geschichtsbuch 2. Könige nachzulesen (14.23.25): „Im fünfzehnten Jahr Amazjas, des Sohnes des Joasch, des Königs von Juda, wurde Jerobeam, der Sohn des Joasch, König über Israel und regierte zu Samaria einundvierzig Jahre. … Er stellte wieder her das Gebiet Israels von dort, wo es nach Hamat geht, bis an das Meer der Araba …“
Ben-Ami betonte gegenüber der Nachrichtenseite „Times of Israel“, bei der Archäologie gehe es nicht um den Versuch, die Funde den biblischen Erzählungen anzupassen. Vielmehr können die neu gewonnenen Erkenntnisse Licht auf darauf werfen.
Laut Ben-Ami machten Händler von der arabischen Halbinsel in der Regel Station in Cheleifeh am Golf von Akaba. Von dort hatten sie zwei Möglichkeiten für den weiteren Weg nach Norden: Die Ostroute über Chazeva oder eine Westroute über die dortige Festung Kuntillet auf der Sinai-Halbinsel. Archäologen haben für letztere ebenfalls Verbindungen zum Nordreich nachgewiesen, es handelte sich also um eine Art Außenposten.
Ben-Ami zeigte sich angetan über die Neubewertung. „Das ist das Schöne an Archäologie“, erklärte er. „Über Jahre ist man von einer bestimmten These gefangen … und dann findet man heraus, dass man sich im Dunkeln bewegt hat, dank eines Haufens Samen.“ Die Ergebnisse veröffentlichte Ben-Ami Ende April in dem wissenschaftlichen Magazin „Levant“. An der Untersuchung beteiligt waren die Archäologen Ehud Weiss von der Bar-Ilan-Universität, Tali Erickson-Gini von der Altertumsbehörde sowie Elisabetta Boaretto vom Weizmann-Institut in Rechovot, eine Spezialistin für die Radiokarbonmethode. (df)