Wenige Tage vor dem israelischen Unabhängigkeitstag hat die Nationalbibliothek Israels ein besonderes Vermächtnis erhalten: Das persönliche Archiv von Orde Charles Wingate. Der britische Generalmajor (1903–1944) gilt weithin als Vater des modernen Guerillakrieges und als Schlüsselfigur in der Geschichte des vorstaatlichen Israels. Als überzeugter christlicher Zionist bekannte er sich offen zum Recht des jüdischen Volkes auf einen eigenen Staat.
Der Nachlass gewährt Einblicke in seine Kampfdoktrin, Aktivitäten und Gedanken, die im vorstaatlichen Israel dem Kern der heutigen Israelischen Verteidigungsstreitkräfte zugrunde liegen. Unter dem Konvolut an Dokumenten sind auch sein handschriftliches Hebräisch-Vokabelheft, ein persönliches Tagebuch, Pläne zur Bekämpfung des arabischen Aufstands, detaillierte Pläne zum Aufbau einer Armee für den jüdischen Staat und Fotografien.
Hinzu kommen Dokumente, wie etwa Berichte über gezielte Kommandoeinsätze und über Waffenbeschlagnahmungen, Angriffspläne, Geheimdienstberichte sowie über die Special Night Squads (SNS). Diese britisch-jüdische Einheit zur Aufstandsbekämpfung operierte in Galiläa und im Jesreel-Tal. Persönliche Notizen zeugen von seiner ideologischen Weltanschauung und seinen exzellenten Verbindungen zur zionistischen Führung im britisch verwalteten Mandatsgebiet Palästina.
Wingate war bekannt für seine große Sympathie mit dem zionistischen Projekt. 1938 initiierte er die Special Night Squads und entwickelte eine innovative Kampfdoktrin, die auf Offensivaktionen, präziser Aufklärung, Eigeninitiative und verdeckten Nachtoperationen basierte. Er formierte kleine Angriffseinheiten britisch geführter jüdischer Kommandos mit Granaten und leichten Infanteriegewehren. Diese Spezialeinheit, die SNS, war äußerst wendig und bewahrte während des arabischen Aufstands (1936–1939) dutzende jüdische Siedlungen vor der Zerstörung.
Unter seiner Führung sammelten junge Kämpfer erste Erfahrungen in offensiven Einsätzen, darunter spätere Haganah-Schlüsselfiguren wie Mosche Dajan oder Jigal Allon. Orde Wingates Kampfdoktrin beeinflusst bis heute militärische und polizeiliche Strategien weltweit. Innerhalb des Jischuw – der jüdischen Gemeinde vor der Staatsgründung – war er als HaJedid, „Der Freund“ bekannt.
Kontakte zu zionistischen Führern
Wingate wurde 1903 in eine strenggläubige christlich-zionistische Familie geboren, die der Plymouth-Brüder-Bewegung angehörte. Er studierte an der Royal Military Academy in Woolwich und erhielt 1923 sein Offizierspatent bei der Royal Artillery. Von 1928 bis 1933 diente er im Sudan und wurde 1936 als Stabsoffizier nach Palästina versetzt.
Während seiner Dienstzeit wurde er Geheimdienstoffizier; er knüpfte enge Kontakte zu hochrangigen zionistischen Führern, darunter Chaim Weizmann, Moshe Scharett und anderen. Seine Haltung hinsichtlich des Rechts des jüdischen Volkes auf einen eigenen Staat provozierte Widerstand im britischen Establishment und führte 1939 zu seiner Versetzung mit dem Vermerk „Einreise nach Palästina verboten“, was Wingate`s Unterstützung für die zionistische Sache jedoch keinen Abbruch tat.
Kritik gegen ihn wurde auch aufgrund seiner oftmals brutalen Vorgehensweise gegen die Araber erhoben. Die SNS-Einheiten galten als „perfekt geölte Tötungsmaschinen“, während ein anderer britischer Beamter sie als „einfach nur Schlägerbande“ bezeichnete.
Abneigung und Brutalität gegen Araber
Wingate hegte eine tiefe Abneigung gegen Araber und schrie nach einem Angriff der Haganah im Juni 1938 auf ein Dorf an der Grenze zwischen dem britischen Mandatsgebiet Palästina und dem Libanon die Kämpfer an: „Ich glaube, ihr seid alle völlig ungebildet in eurem Ramat Jochanan, dem Ausbildungsstützpunkt der Haganah, da ihr nicht einmal den elementaren Gebrauch von Bajonetten beim Angriff auf dreckige Araber kennt: Wie könnt ihr nur euren linken Fuß vorsetzen?“. Seine Taktiken waren brutal, aber wirksam, wie etwa bei der Niederschlagung des arabischen Aufstands.
Im September 1938, nachdem eine Mine den jüdischen Anführer der Siedlung Ein Harod, Chaim Sturman, getötet hatte, führte Wingate eine Vergeltungsaktion im arabischen Viertel von Beisan nahe des Explosionsortes durch. Er befahl „die Tötung jedes Arabers, der in der Nähe des Angriffs angetroffen wird“.
Bei ihren Überfällen führten Wingates Männer – auf sein Geheiß hin – mitunter unverhältnismäßige Kollektivstrafen durch, so auch die Tötung unschuldiger Araber, die sich zufällig im Dorf aufhielten, aber nicht an der Sprengung einer Öl-Pipeline beteiligt waren. In einem anderen Fall drang die SNS in ein Dorf ein, stellte alle männlichen Dorfbewohner in einer Reihe auf und erschoss jeden achten Mann.
Diese harschen Methoden wurden von Wingates britischen Vorgesetzten scharf kritisiert. Der israelische Schriftsteller Joram Kaniuk (1930–20213) beschrieb Wingate in seiner Biographie als brutal sowie die Operationen der SNS-Aufstandsbekämpfungseinheit als zunehmend rücksichtlos und drastisch.
Im Mai 1939 wurde Orde Wingate nach Großbritannien versetzt. Während des Zweiten Weltkriegs diente Wingate in verschiedenen Kriegsschauplätzen in Afrika und Asien. 1944 kam er bei einem Flugzeugabsturz auf dem Weg von Burma nach Indien ums Leben.
Sportzentrum nach Wingate benannt
In Anerkennung für seinen Einsatz, den Weg zu einem jüdischen Staat zu ebnen, wurde In Israel ein Sportzentrum nach Orde Charles Wingate benannt. Das Wingate-Institut, gegründet 1957 in Netanja, dient als Trainingsstätte für israelische Nationalmannschaften verschiedener Disziplinen und fungiert als Basis für das Fitnesstraining der israelischen Streitkräfte. Darüber hinaus werden mehrere Plätze als Austragungsorte für die Makkabiade genutzt. Das Sportzentrum ist eine führende Ausbildungsstätte für Sportlehrer, Trainer und Übungsleiter, organisiert Freizeitcamps und fördert populäre Sportarten in Israel. 1989 wurde dem Wingate-Institut der Israel-Preis für Sport verliehen.
Mit Inkrafttreten des Gesetzes über das Nationale Exzellenzinstitut für Sport im Jahr 2017 wurde das Wingate-Institut als staatliche Körperschaft unter der Aufsicht des Ministeriums für Kultur und Sport eingetragen. Es wurde offiziell in „Nationales v Exzellenzinstitut für Sport“ umbenannt.
Das Dokumenten-Konvolut ist eine Schenkung des Londoner Geschäftsmannes Clive Lewis und zukünftig in der Nationalbibliothek Israels der Öffentlichkeit zugänglich. Sallai Meridor, NLI-Vorsitzender, betont: „Es handelt sich um ein Archiv von besonders hohem nationalem Wert, das wesentlich zum Verständnis von Wingates Persönlichkeit und seinem Einfluss auf die Gestaltung der zukünftigen Sicherheits- und Verteidigungskräfte des Landes beiträgt.“
Wingates Nachlass dokumentiert nicht nur militärische Innovationen. Vielmehr gibt er auch Einblicke in die persönliche Überzeugung eines christlichen Mannes, der als britischer Offizier eine tiefe Verbundenheit zum zionistischen Projekt, der Gründung eines jüdischen Staates, entwickelte.
4 Kommentare
Ein „brutal, rücksichtslos und drastisch auftretender Mann“, da wüsste ich jetzt doch gerne die „christlichen Überzeugungen“ dieses Mannes, der Araber zutiefst hasste, aber streng gläubig und christlich erzogen wurde. Irgendwie passt da was für mich nicht zusammen.
@ Ella : Rassismus (und Antisemitismus) gibt es halt auch bei Christen, das ist traurig, aber Realität. Der Brite war in der Tat heftig, die Kollektifstrafen, die Ermordung nachweislich Unschuldiger erinnern an Vorgänge aus dem Zweiten Weltkrieg…aber hier geht es um einen Briten, das ändert natürlich alles (Vorsicht, dieser Satz kann Spuren von Ironie enthalten).
Da hast du Recht mit den Christen. Aber ich gehe da mit @Klaus, nicht jeder Zweck heiligt die Mittel. Dass dieser „Zionist“ so geehrt wird mit Sportzentrum usw., da höre ich die Trollgruppe jetzt schon, nicht ganz ungerechtfertigt.
Er war ein Exzentriker, sein Profil entsprach in etwa dem, was wir heute als Soziopathen bezeichnen würden, brutal und unduldsam selbst gegenüber den eigenen Untergebenen.
Er führte ausser der SNS später auch die Gideon Force in Afrika und noch später die Chindits in Burma.
Obwohl er als großer Freund des Yishuv im damaligen Palästina galt und im heutigen wiedererrichteten Israel geehrt wird, habe ich
eine sehr gespaltene Meinung zu diesem Mann.
Auch wenn seine Methoden vielfach zum Erfolg führten, heiligt der Zweck nicht jedes Mittel, genau das wird heute in unfairer Weise den Israelis vorgeworfen, in seltenen Fällen nicht ganz unberechtigt, wie ich zugeben muss.
Daher halte ich es für sehr richtig, wenn Zamir die Integrität der Truppen anmahnt und beabsichtigt, solche Verhaltensweisen ohne Ansehen des Ranges oder der Person auszumerzen. Die Zahal sollte sich nicht so beschmutzen, wie es der Feind tut.
SHALOM