Ein Bummel entlang des Unabhängigkeitspfades

Der Unabhängigkeitspfad in Tel Aviv lässt die Zeit der israelischen Staatsgründung lebendig werden. Er lädt nicht nur am Nationalfeiertag zu einem Bummel ein.
Von Gundula Madeleine Tegtmeyer

Der israelische Nationalfeiertag Jom HaAzma’ut erinnert an die Unabhängigkeitserklärung vom 14. Mai 1948, dem 5. Ijar 5708 nach dem hebräischen Kalender. Neben offiziellen Zeremonien auf dem Herzlberg und andernorts im Land sowie einem Rahmenprogramm, wie etwa Flugschauen, sind Ausflüge, Grillfeste, Picknicks und Konzerte an diesem denkwürdigen Tag beliebt. Die Armee öffnet teilweise ihre Stützpunkte für die Öffentlichkeit.

Allen Bedrohungen zum Trotz feierten Israelis im Rahmen der Möglichkeiten und in Übereinstimmung der Vorgaben des Heimatfront-Kommandos, hebräisch: Pikud HaOref, auch in diesem Jahr diesen denkwürdigen Tag. Das Heimatfront-Kommando ist eine regionale Einheit der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte, die 1992 gegründet wurde. Es ist primär für den Schutz der Zivilbevölkerung in Israel bei Kriegen, Terrorangriffen und Naturkatastrophen verantwortlich. Zu den Aufgaben gehören Such- und Rettungseinsätze, die Leitung des Zivilschutzes, die Warnung vor Angriffen, zum Beispiel per App, und die Koordination von Hilfsmaßnahmen.

Und ich kam zu den Weggeführten, die am Fluss Kebar wohnten, nach Tel-Abib und setzte mich zu denen, die dort wohnten, und blieb dort unter ihnen sieben Tage ganz verstört. 

Hesekiel 3,15

Eine unterhaltsame und lehrreiche Tour über die Gründungsgeschichte Tel Avivs und des Staates Israel ist ein Bummel in der Küstenmetropole über den Unabhängigkeitspfad, den Schvil HaAzma‘ut. Dieser einen Kilometer lange Stadtgeschichtspfad führt mitten durch das kulturelle und politische Zentrum der Stadt. Er verbindet zehn wichtige historische Stätten, die jeweils Einblicke in die faszinierende Geschichte Tel Avivs, der 1909 gegründeten jüdischen Stadt am Mittelmeer, gewähren.

Der erste Kiosk

Ein beliebter Treff- und guter Startpunkt für die Tour ist der erste Kiosk Tel Avivs, gelegen am Rothschild-Boulevard, Ecke Herzl-Straße. Das deutsche Wort „Kiosk“ leitet sich vom persisch-türkischen gōše ab, was mit „Ecke“ oder auch „Winkel“ übersetzt werden kann. Das türkische kōsk für „Gartenpavillon“, auch „Lusthaus“, hielt im 18. Jahrhundert über das französische kiosque Einzug in Europa. Kioske waren ursprünglich offene Gartenhäuser, die sich über die Zeit im 19. Jahrhundert zu kleinen Verkaufsstellen entwickelten, an denen Zeitungen verkauft wurden.

Foto: Gundula M. Tegtmeyer
Der einstige Kiosk ist heute eine Espressobar

Der Unabhängigkeitspfad kann auf eigene Faust erkundet werden. An der Touristeninformation bekommen Besucher ausgedruckte Wegweiser in vielen Sprachen, inklusive Deutsch. Technikaffinen erklären die Mitarbeiter die kostenlose App mit GPS für Mobiltelefone. Wer alleine unterwegs ist, aber auf dem Pfad gerne Gesellschaft hätte, kann in der App eine von drei lokalen Berühmtheiten bitten, virtuell mitzulaufen: Die Auswahl besteht aus Shlomo Arzi, einem beliebten israelischen Rock- und Popsänger, alternativ Begleitung durch die Schauspieler Rivka Michaeli oder Tal Mosseri.

Der Pfad zeichnet die vier Jahrzehnte zwischen der Gründung Tel Avivs im Jahr 1909 bis zur Ausrufung des Staates Israel im Mai 1948 nach. Beginnen Sie am Rothschifld-Boulevard 10 und folgen Sie im Uhrzeigersinn der in den Bürgersteig eingelassenen Messinglinie. Zu den wichtigsten Stationen auf der Route gehören die Unabhängigkeitshalle, in der Premierminister David Ben-Gurion 1948 die Staatsgründung Israels verkündete, und das Gründerdenkmal. Es ist den Familien gewidmet, die Tel Aviv einst erbauten. Entlang des Weges befinden sich auch die erste hebräische Oberschule der Stadt und das historische Hauptquartier der Haganah.

Einen Kilometer zieht sich der bronzefarbene Streifen im Boden entlang der Geschichte. Embleme an den Sehenswürdigkeiten, wie etwa vor der Statue des ersten Bürgermeisters Meir Dizengoff, zeigen an, an welcher Stelle am Zeitstrahl man sich befindet. „Virtual Reality“ macht es möglich: An jeder Sehenswürdigkeit werden die Besucher zeitlich zurückgesetzt und über die historisch relevanten Ereignisse informiert. Historische Aufnahmen geben einen Eindruck von den Anfängen, hebräische Lieder aus den jeweiligen Jahren runden die Zeitreise ab.

Die Stationen des Schvil HaAzma‘ut

Station 1 ist Tel Avivs erster Kiosk. Er wurde 1910 errichtet und war in den 1920er-Jahren einer von etwa 100 Kiosken in der Stadt. Besonders beliebt war seinerzeit eine erfrischende türkische Limonade. Heute ist der Kiosk eine Espressobar.

Station 2 ist der Nahum-Gutman-Mosaikbrunnen, er liegt direkt am Rothschild-Boulevard in Richtung Tiefgarage. Nahum Gutman (1898–1980) war ein bedeutender israelischer Künstler, der in seinem unverwechselbaren Kunststil dem Geist und der Vitalität der aufstrebenden israelischen Nation Ausdruck verschaffte, die Idee der jüdischen nationalen Wiedergeburt im Land Israel. Gemeinsam mit anderen Künstlern strebte Gutman an, eine künstlerische Sprache für zionistische Projekte zu etablieren. Dieses Mosaik mit dem Titel „Klein-Tel Aviv“ wurde 1971 in Auftrag gegeben und stand ursprünglich auf dem Bialik-Platz. Es zeigt Betrachtern Motive aus dem Leben im historischen Jaffa bis in die Anfänge von Tel Aviv.

Gehen Sie zwischen den Gebäuden hindurch, vorbei an einem Denkmal für Hauptmann Alfred Dreyfus, der fälschlicherweise 1894 in Frankreich des Hochverrats angeklagt und erst 1906 – nach jahrelangen Prozessen derjenigen, die von seiner Unschuld überzeugt waren, wie etwa Émile Zola – rehabilitiert wurde. Wir erreichen nun die dritte Station, das ehemalige Wohnhaus von Akiva Arieh Weiss (1868–1947) an der Ecke zur Ahad-HaAm-Straße. Weiss war der Initiator und Leiter des Projekts zur Gründung Tel Avivs, der „ersten hebräischen Stadt“ in Palästina.

Die vierte Station entlang der Route existiert nicht mehr. Hier stand einst die erste Hebräisch-sprachige Schule, das Hebräische Herzlia-Gymnasium. 1962 musste es dem Bau des Schalom-Turms weichen. Das erste Stockwerk beherbergt eine sehenswerte Ausstellung, sie zeigt anschaulich einige Höhepunkte der Entwicklung Tel Avivs, darunter auch die Geschichte des Herzlia-Gymnasiums, das kein gewöhnliches Gymnasium war. Es wurde 1905 in Jaffa gegründet und sollte jüdischen Schülern in Palästina eine moderne und umfassende Bildung ermöglichen und die hebräische Sprache fördern. Es betonte das historische Erbe des jüdischen Volkes sowie seine enge Verbindung zum Land Israel. Das Gymnasium war eines der ersten Gebäude in Tel Aviv und stand am oberen Ende der Herzlstraße. Als es dem Schalom-Turm weichen musste, zog es in die Jabotinsky-Straße um, wo es sich heute befindet.

Die Große Synagoge ist die fünfte Haltestelle auf der Erkundungstour. Folgen Sie der Ahad-HaAm-Straße bis zur zweiten Abzweigung links zur Allenby-Straße. Ein Stück weiter sehen Sie bereits die Fassade der Großen Synagoge, die das spirituelle Zentrum Tel Avivs werden sollte, denn hier sollten alle Einwohner der Stadt an Zeremonien und Veranstaltungen im Rahmen eines gemeinsamen religiösen Brauchs teilnehmen können. Die Lechi-Organisation verfügte über ein geheimes Waffenlager im Keller der Synagoge, bis es von den Briten entdeckt und ausgehoben wurde.

Lechi ist ein Akronym für hebräisch Lochamei Cherut Israel, deutsch: „Kämpfer für die Freiheit Israels“ auch als „Stern-Bande“ bekannt. Es war eine zionistische paramilitärische Organisation, die von Avraham („Jair“) Stern im britischen Mandatsgebiet Palästina gegründet wurde. Ihr erklärtes Ziel war die gewaltsame Vertreibung der britischen Behörden aus Palästina, um die uneingeschränkte Einwanderung von Juden und die Gründung eines jüdischen Staates zu ermöglichen. Sie hieß zunächst Nationale Militärorganisation in Israel, wurde aber wenig später in Lechi umbenannt. Die Gruppe spaltete sich 1940 von der Irgun ab, um den Kampf gegen die Briten im Zweiten Weltkrieg fortzusetzen, wobei die Lechi fragwürdige Bündnisse, wie etwa mit dem faschistischen Italien und Nazi-Deutschland im Kampf gegen die britische Vorherrschaft als Mandatsmacht über Palästina, in Betracht zog und anstrebte.

Gehen Sie nun die Allenby Street zurück und biegen Sie in die Sderot-Rothschild-Straße ein. Wir erreichen das Haganah-Museum, es markiert die sechste Station auf dem Unabhängigkeitspfad und ist im einstigen Wohnhaus von Eliahu Golomb (1893–1945) untergebracht. Golomb war Gründungsmitglied der Haganah und gehörte ihrem Kommandorat an. In seiner Funktion reiste Golomb viel und beschaffte Waffen für die Kämpfer der Haganah.

Foto: Gundula M. Tegtmeyer
Soldatinnen nach dem Besuch des Haganah-Museums

Die Organisation und Finanzierung der illegalen Einwanderung Ende der 1930er Jahre wurde maßgeblich von Golomb geleitet. Golomb sah die Haganah als integralen Bestandteil der zionistischen Bewegung und lehnte daher die Existenz radikalerer Verteidigungsorganisationen wie der Irgun Zeva’i Le’umi ab. Er war entschieden gegen diejenigen, die wahllose Angriffe gegen Araber befürworteten, sprach sich jedoch für eine aktive Konfrontation mit arabischen Aggressoren aus. Berl Katznelson und Eliahu Golomb arbeiteten eng mit Wladimir Jabotinsky von der Revisionistischen Partei zusammen, um die Verteidigungsbemühungen der Juden zu vereinen.

Die israelische Notenbank hat ihren Sitz an der siebten Station, in der Lillenblum-Straße 37/ Ecke Nahalat-Binjamin-Straße. Das Besucherzentrum präsentiert die Geschichte des israelischen Finanzsystems und beherbergt eine umfangreiche Ausstellung von Banknoten und Münzen aus der Zeit vor der Staatsgründung bis heute.

Kehren Sie nun zum Rothschild-Boulevard zurück, wo an der achten Station des Pfades das Tel-Aviv-Gründungsdenkmal – 1949 entworfen von Nahum Gutman anlässlich des 40. Jubiläums der Stadtgründung – auf dem Mittelstreifen des Rothschild-Boulevards­ errichtet wurde. Es trägt die Namen der Familien, die 1909 die Siedlung Ahusat Bait gründeten, aus der später Tel Aviv hervorging.

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Unweit vom Denkmal der Gründer stehen wir an der neunten und vorletzten Station vor einer Statue, in Bronze gegossen sitzt von Meir Dizengoff hoch zu Ross. Dizengoff (1861–1936), geboren als Meer Yankelevich Dizengof, war ein zionistischer Führer und Politiker, Leiter der Stadtplannung (1911-1922) und erster Bürgermeister von Tel Aviv. Dizengoffs Wirken im Osmanischen Reich und im britischen Mandatsgebiet Palästina trug maßgeblich zur Gründung des Staates Israel bei.

Ein beleuchtetes Symbol macht an dieser Stelle auf dem Rothschild-Boulevard auf die Hausnummer 16 aufmerksam. An der zehnten Station befindet sich die Unabhängigkeitshalle, das Beit HaAzma‘ut. Es ist der einstige Wohnsitz von Meir Dizengoff und der historische Ort, an dem am 14. Mai 1948 David Ben-Gurion die Unabhängigkeitserklärung Israels unterzeichnete und verlas. Hier wurde der Staat Israel gegründet, acht Stunden vor dem Ende des britischen Mandats.

Von Bürgermeister Huldai initiiert

Der Pfad, initiiert von Ron Huldai, der seit 1998 Bürgermeister von Tel Aviv-Jafo ist, endet an der Unabhängigkeitshalle. Als gestalterische Vorbilder des Schvil HaAzma‘ut dienten – unter anderem – der „Freedom Trail“ in Boston und die Frankfurter Paulskirche, in der 1848 die Nationalversammlung für ganz Deutschland tagte. Eine besondere Herausforderung bei der Konzeption war, die verschiedenen Sehenswürdigkeiten miteinander zu verbinden, um so mehr, als sie teilweise von unterschiedlichen Organisationen verwaltet werden.

Um eine allgemeine und inklusive Erzählung schaffen zu können, berief Huldai ein Komitee aus 25 Frauen und Männern aus verschiedenen sozialen Gruppen Israels. Ferner sollte der Pfad möglichst nicht in die urbane Gestaltung eingreifen, seine Benutzung kostenlos sein und die Stadtgeschichte mit der des Landes verbunden werden, da Tel Aviv großen Anteil an der Gründung des jüdischen Staates hat.

Das Beit HaAzma‘ut wurde aufwendig renoviert und unter Bewahrung seines historischen Charakters in den Zustand von 1948 zurückversetzt. Es beherbergt eine Ausstellung zur Unabhängigkeitserklärung und zur Gründung Tel Avivs. Die Unabhängigkeitshalle ist ein zentraler Anlaufpunkt für Einheimische und Besucher gleichermaßen, die die Wurzeln des modernen Staates Israel verstehen möchten.

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2 Kommentare

  1. Espressobar, zeugt von einer engen Verbindung der 2 Länder: Italien-Israel. Marina, beste Espresso-Köchin von allen, will unbedingt hin.

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  2. Es ist wundervoll, dass man durch einen Bummel über den Unabhängigkeitspfad die Epoche der israelischen Staatsgründung nachvollziehen kann.

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