Der Vogel hebt ab gen Heiliges Land

Israel war eines der ersten Ziele in der Geschichte des deutschen Flugverkehrs. Pionierarbeit leistete vor 70 Jahren Condor.
Von Gundula Madeleine Tegtmeyer

Im Jahr des 70-jährigen Bestehens knüpft Condor an seine Pionier-Geschichte an: Geplant ist, ab Mai 2026 wieder regelmäßig von Frankfurt den Tel Aviver Flughafen Ben-Gurion anzufliegen, sofern es die momentane Lage erlaubt.

Mit der Aufnahme des israelischen internationalen Flughafens in das Streckennetz wird eine Destination angeflogen, die für die Anfänge des deutschen Ferienflugverkehrs steht. Die Entscheidung für die Wiederaufnahme der Strecke Frankfurt-Tel Aviv kommentiert David Carlisle, Vizepräsident Network Planning & Partnerships Condor, wie folgt: „Wie kaum eine andere Stadt verbindet Tel Aviv Tradition und Moderne – wirtschaftlich stark, kulturell lebendig und von großer Bedeutung für die Geschichte von Condor. Die Anbindung dieser Weltstadt an Europa und Nordamerika über unseren wachsenden Hub Frankfurt ist für uns anlässlich unseres 70-jährigen Jubiläums etwas ganz Besonderes.“

Foto: Condor
Das erste Logo von Condor

Mit der Destination Tel Aviv stärkt Condor die Verbindung zu Israel über das Drehkreuz Frankfurt und bietet Reisenden und Pilgern aus Europa und Nordamerika künftig zusätzliche direkte Reisemöglichkeiten in das Heilige Land. Das begrüßt auch Uwe Becker, Antisemitismusbeauftragter der Hessischen Landesregierung: „Damit stärkt Condor auch die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel, denn gemeinsames Verständnis füreinander erwächst aus Begegnungen und dem Kennenlernen. Und keine Begegnung wirkt nachhaltiger als persönliche Erfahrungen vor Ort. Die neue Verbindung ist damit auch eine zusätzliche Brücke der Verständigung und des Austausches, und davon kann es in den gemeinsamen Beziehungen unserer Länder gerade in der gegenwärtigen Zeit nicht genug geben.“

Im Jahr 1927 wurde Syndicata Condor Ltda. als eine Lufthansa-Tochtergesellschaft in Brasilien gegründet. Sie flog ab 1941 als Serviços Aéreos Condor. 1942 ging das Unternehmen als Serviços Aéros Cruzeiro do Sul Ltda. an die brasilianische Fluggesellschaft VARIG über. Inspirationsquelle für den Namen Condor war der Kondor, ein in Südamerika beheimateter Greifvogel. Es ist der größte flugfähige Vogel, der majestätisch über den Anden kreist.

Deutsche Fluggesellschaft zehn Jahre nach dem Weltkrieg

Am 21. Dezember 1955 wurde die Deutsche Flugdienst GmbH von den vier Gesellschaftern Norddeutscher Lloyd, Hamburg-Amerika-Linie, Deutsche Lufthansa und Deutsche Bundesbahn ins Leben gerufen. Die Gründung einer deutschen Fluggesellschaft zehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg war nur möglich, weil die Siegermächte die Genehmigung des Luftverkehrs wieder an die Bundesrepublik übertrugen. Der Heimatflughafen war damals wie heute Frankfurt am Main. Die Flotte war zunächst bescheiden, sie bestand aus vier zweimotorigen Propellermaschinen, mit jeweils 36 Sitzen.

Foto: Condor
Kabinenraum eines Condor-Flugzeuges 1956

Bereits vier Monate nach Gründung und pünktlich zu Ostern, startete am 29. März 1956 der touristische Flugbetrieb des Unternehmens mit einem Pilgerflug in einem zweimotorigen Propellerflugzeug des englischen Typs Vickers Viking gen Heiliges Land. Es sollte eine abenteuerliche und beschwerliche Reise für die amerikanische Pilgergruppe werden.

Der Jungfernflug war als 14-tägige Rundreise geplant und führte über Beirut, Damaskus und Jerusalem nach Luxor und Kairo. Passagiere waren zahlungskräftige Angehörige und Zivilangestellte der US-Streitkräfte, Reiseveranstalter Hans Geisler hatte gezielt in den Kasernen der GIs geworben. Denn für die meisten Deutschen war eine Pilgerreise nach Jerusalem in den ersten Nachkriegsjahren – sie kostete gut 2.000 Deutsche Mark – unerschwinglich.

Werbefilme in Offizierskasinos

Um dennoch ausreichend Passagiere werben zu können, war Hans Geisler wochenlang mit seinen 16mm-Farbfilmen, die er auf seinen Reisen in den Nahen Osten gedreht hatte, von einer amerikanischen Kaserne zur nächsten getingelt. Er führte sie kostenlos in Offizierskasinos vor.

Die anstrengende Tingeltour zahlte sich aus: Geisler gelang es, rund 100 Passagiere für den Ostertrip in das Heilige Land gewinnen zu können. Die Fluggäste wurden auf drei Flugdienst-Maschinen verteilt. die erste startete am 29. März 1956, zwei weitere hoben am folgenden Tag in Frankfurt am Main ab.

In Ostjerusalem war Hans Geisler in den 1950er Jahren bekannt wie ein bunter Hund, ein Hüne von einem Mann, den die Einheimischen „Mr. Hans“ nannten. Er war zu jenem Zeitpunkt der einzige deutsche Reiseveranstalter, der regelmäßig Touristen in die Stadt brachte.

Für die frisch gegründete Deutsche Flugdienst stellte dieser Erstflug eine besondere logistische Herausforderung dar, denn die Flugroute war alles andere als einfach und auch die Planungs-Vorlaufzeit war äußerst knapp bemessen. Flugkapitän Lacy kommandierte den Erstflug.

Schon der erste Streckenabschnitt nach Beirut stellte für die Vickers-Viking-Maschinen  eine Herausforderung dar, denn die Propellerflugzeuge waren zu dem Zeitpunkt nicht mit einer Druck­kabine ausgestattet und mussten daher die Alpen weiträumig umfliegen.

Über Nizza und Athen

Da die günstigere Ost-Route durch den Eisernen Vorhang versperrt war, ging der Flug zunächst entlang des Rhône-Tals nach Nizza, wo zum ersten Mal aufgetankt wurde; ein weiterer Stopp zum Auftanken musste in Athen eingelegt werden. Nach fast elf Stunden Flugzeit, die zwei Zwischenlandungen nicht mitgerechnet, erfolgte schließlich die Ankunft in Beirut. Der Libanon galt einst als die Schweiz der Levante und seine Hauptstadt Beirut als das Paris des Nahen Osten. Hans Geislers Besichtigungsprogramm bot seinen amerikanischen Pilgergästen vielfältige Einblicke, auch in das lebendige Nachtleben der Stadt.

Von Beirut aus ging es nach einem kurzen Zwischenstopp in Syriens Hauptstadt Damaskus weiter nach Jerusalem, wo die Maschine auf dem Flughafen Kalandia, gelegen an der Ausfallstraße nach Ramallah, landete. Vor Errichtung des Flughafens Ben-Gurion war der von den Briten erbaute Flughafen der einzige im Mandatsgebiet Palästina. Er wird auch Atarot nach der benachbarten frühen jüdischen Siedlung genannt, die ihrerseits nach dem in der Gegend gelegenen gleichnamigen biblischen Ort benannt worden war (Josua 16,2): Und ⟨die Grenze⟩ ging aus von Bethel nach Lus und ging hinüber zum Gebiet der Arkiter, nach Atarot.

Der Flughafen lag in unmittelbarer Nähe zur Grenzmauer zum Westjordanland und wurde nach der „Zweiten Intifada“ 2001 aus Sicherheitsgründen geschlossen.

Folgen Sie uns auf Facebook und X!
Melden Sie sich für den Newsletter an!

Das kulinarische Angebot auf dem Jungfernflug war überschaubar, denn eine Bordverpflegung gab es auf den Pionierflügen noch nicht. Der Proviant wurde entweder von den Hotels zubereitet, in denen die Pilgergruppe übernachtete, oder die Crews kauften auf dem lokalen Mark ein. Die Unterkünfte waren einfach, in Jerusalem verstand man in den 1950er Jahren unter der Klassifizierung „mit fließend Wasser“ einen einzigen Wasserhahn, für das ganze Hotel!

Sehenswürdigkeiten als Ausgleich für Strapazen

Die Sehenswürdigkeiten und Heiligen Stätten Jerusalems versöhnten die amerikanischen Pilger und Pilgerinnen mit den Reisestrapazen. Nach ausgiebigen Besuchen der Grabeskirche, der Klagemauer und des Felsendoms ging die Reise weiter nach Ägypten. Dort standen Luxor, Theben, Karnak und das Tal der Könige auf dem Besichtigungsprogramm, bevor es weiter nach Kairo und zu den Pyramiden ging.

Für den Rückflug wurde dieselbe Flugroute gewählt: Vom Land am Nil zunächst wieder nach Athen und von dort über Nizza und das Rhône-Tal nach Frankfurt am Main. In den Condor-Annalen ist überliefert, dass viele der amerikanischen Touristen dem großen und verlockenden Souvenir-Angebotes auf den einheimischen Märkten nicht widerstehen konnten, so manch einer in einen Kaufrausch geriet. Die erstandenen Teppiche fanden keinen Platz mehr im begrenzten Stauraum und wurden kurzerhand im Kabinengang während des langen Heimflugs transportiert. Heutzutage undenkbar.

Im Jahr 1958 zählte die Condor bereits rund 66 000 Passagiere im Jahr. Die Deutsche Flugdienst GmbH übernahm 1961 die 1957 gegründete Condor-Luftreederei des Oetker-Konzerns, wodurch der Name Condor gerettet wurde. Ab dem 1. November 1961 nannte sich das Unternehmen Condor Flugdienst GmbH; damit kehrte ein traditionsreicher Name in die Lufthansa-Familie zurück.

Erste Langstreckenflüge

Die ersten Langstreckenflüge nach Thailand, Sri Lanka und in die Dominikanische Republik wurden 1966 eingeführt. Das Jahr 1971 markiert einen Meilenstein der Unternehmensgeschichte: Als erster Ferienflieger der Welt setzte Condor die Boeing 747, den Jumbo, mit fast 500 Sitzen ein, seinerzeit das größte Passagierflugzeug auf dem Markt. Aufgrund der geringen Nachfrage musste das Flugunternehmen die beiden Maschinen 1997 ausmustern.

Über viele Jahre gehörte Condor zum Konzern der Lufthansa. 2006 trennten sich die Wege und Condor schlüpfte unter das Dach des britischen Reisekonzerns Thomas Cook. Der Name Condor blieb, abgesehen von einer kurzen Unterbrechung: Unter der Leitung von Stefan Pichler verschwand Anfang der 2000er-Jahre der Markenname Condor an den Flugzeugen, was großen Unmut in der Reisebranche und bei den Flugpassagieren auslöste. Die Entscheidung, den Schriftzug Condor zu tilgen, wurde rückgängig gemacht.

Der bekannte deutsche Ferienflieger Condor ist ursprünglich eine Gründung der Oetker-Gruppe, eines hundertprozentigen Familienunternehmens mit Sitz in Bielefeld, gegründet 1891. Der Jungfernflug vor 70 Jahren zur ersten Pilgerrundreise in das Heilige Land und Ägypten am 29. März 1956 markiert die Geburtsstunde des Condor-Ferienfliegers, ein Begriff, den etabliert zu haben die Fluggesellschaft bis heute für sich beansprucht.

Die Zeiten, in denen Pilger und Pilgerinnen über Teppiche im Flugzeuggang zu ihren Sitzplätzen kletterten, gehören der Vergangenheit an. Die moderne Flugzeug-Flotte bietet genügend Stauraum für Souvenirs aus dem Heiligen Land.

Bitte beachten Sie unsere Kommentar-Richtlinien

Schreiben Sie einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Israelnetz-App installieren
und nichts mehr verpassen

So geht's:

1.  Auf „Teilen“ tippen
2. „Zum Home-Bildschirm“ wählen