Das Leben der Jesus-Nachfolger in Israel und den Palästinensergebieten

Der Nahost-Konflikt scheint dauerpräsent in den Medien. Seit mehr als zweieinhalb Jahren befindet sich die Region im Ausnahmezustand. Wie geht es den Menschen in Israel und den palästinensischen Gebieten? Eindrücke von Ruben Sill
Von Israelnetz

Der Nahost-Konflikt scheint dauerpräsent in den Medien. Seit mehr als zweieinhalb Jahren befindet sich die Region im Ausnahmezustand. Wie geht es den Menschen in Israel und den palästinensischen Gebieten?

Immer wieder reise ich nach Israel, um dort befreundete Gemeinden zu treffen und Projekte von messianischen Juden und arabischen Christen anzuschauen, die wir vom Philippus-Dienst unterstützen. In diese Region zu reisen heißt immer auch, das Land und die Menschen darin neu wahrzunehmen, im Moment vielleicht in besonderer Weise. Denn die vergangenen zweieinhalb Jahre mit all ihren inneren und äußeren Spannungen sind an niemandem spurlos vorbeigegangen und prägen den Alltag noch immer.

Dieses Mal besuche ich bewusst auch bestimmte Orte, um etwas von der kollektiven Erfahrung zu spüren. Dazu gehört Bethlehem.

Bethlehem – zwischen Einbruch und Aufbruch

Eine Stadt, die uns traditionell eher aus der Weihnachtsgeschichte bekannt ist, liegt heute im palästinensischen Westjordanland (Westbank) und ist überwiegend muslimisch-arabisch geprägt. Die christliche Community bildet hier nur noch eine Minderheit, ist aber sehr aktiv und ein Licht für den Ort. Hier besuche ich einen Freund.

Mit dem Auto fahren wir durch die Straßen und Gassen der Stadt, an manchen Mauern und Checkpoints vorbei. Ich stelle viele Fragen und mein Freund erzählt aus seinem Alltag. Sein Vater ist Leiter einer Gemeinde und sie bewirtschaften nahe der jordanischen Grenze ein wenig Land.

Bis zum 7. Oktober 2023 lebten die meisten Menschen in Bethlehem von ihrer Arbeit in Israel. Jeden Morgen gingen Hunderte ihren geregelten Berufen auf der anderen Seite der Grenze nach und kehrten abends zurück. Zum anderen lebt Bethlehem vom Tourismus. Gerade zur Weihnachtszeit pilgern sonst Menschen von überall aus der Welt in die Stadt. Beide Einkommensquellen brachen nach dem 7. Oktober abrupt weg.

Das merke auch ich: in meinem Hotel mit 200 Zimmern bin ich der einzige Gast, seit Monaten ist dies die Lage. So eine bedrückende Situation macht etwas mit den Menschen. Man sieht es ihnen auf der Straße nicht an, in den Gesprächen ist es immer wieder Thema.

Foto: Ruben Sill
In Bethlehem bleiben die Touristen aus

Mein Freund ist ein Hoffnungsträger. Und das bedeutet für ihn auch ganz praktisch: Es geht nur, wenn wir gemeinsam mit Israel einen Weg finden, auf Augenhöhe, im Miteinander, im Frieden. Von manchen seiner Freunde wird er dafür sogar als Zionist bezeichnet, obwohl er sehr gerne Palästinenser ist. Sein Herz ist auf das Reich Gottes ausgerichtet.

So erfahre ich dann auch während unserer kleinen Tour durch Bethlehem, dass er Wochen zuvor mit einigen jungen Leuten sehr tiefe Gespräche über den Glauben und ihre Gottesbeziehung hatte. Es folgte ein weiteres Treffen mit weiteren Fragen. Die jungen Leute brachten weitere junge Leute mit sich. Inzwischen ist der „Hauskreis“ auf über 20 Personen angewachsen, die sich gemeinsam auf den Weg gemacht haben in der Nachfolge Jesu.

Solche Geschichten erfüllen mein Herz mit Freude und ermutigen mich im Vertrauen auf den Herrn. Was mir auffällt: jede Münze hat immer zwei Seiten. Die Situation in Bethlehem mag anstrengend sein, doch bringt sie die Menschen an tiefe Lebensfragen und weckt einen Hunger nach mehr. Da braucht es Menschen, die Licht für sie sind. Egal, wie die Umstände sind.

Als ich am nächsten Tag die Stadt wieder verlasse, werde ich am Checkpoint von einem israelischen Soldaten gefragt, woher ich komme. „From Germany.“ Er heißt mich herzlich willkommen in Israel und fragt, wohin ich jetzt fahren wolle. Als ich ihm antworte, dass ich zur Gedenkstätte des „Nova-Festivals“ fahren möchte, schaut er mich überrascht an: „Oh, have a good time.“ Es scheint ihn zu irritieren, dass ich mir als nicht-Israeli diesen Ort anschauen möchte. Alle Israelis, denen ich davon erzähle, sagen mir, wie wichtig es sei, dort hinzufahren, obwohl manche von ihnen selbst noch nicht da waren, aus Angst, es könnte sie emotional überfordern.

Nova-Gelände – Wenn sich Trauer mit Freude mischt

Das Nova-Festival-Gelände ist unweit der Grenze zum Gazastreifen, in karger, staubiger Landschaft mit einigen Bäumen, die ein wenig Schatten spenden. Das Musik-Festival war eines der ersten Ziele des Hamas-Anschlags am 7. Oktober. Hunderte junge Menschen verloren in wenigen Stunden ihr Leben.

Als ich dort ankomme, fällt mir auf, wie viele Menschen trotz eines ganz normalen Arbeitstages dort sind. Daneben bewegen sich erste kleine Touristengruppen, Soldaten sind im Bus angereist. Auf dem Gelände bewege ich mich zu den verschiedenen Stationen: die Bühne, die Getränke-Bar, ein Müllcontainer – alles Tatorte.

Die Geschehnisse vom 7. Oktober sind genau aufgelistet und mit sehr persönlichen Geschichten der Opfer verknüpft. Die Bilder berühren mich. Mehrmals bei diesem Rundgang laufen mir Tränen übers Gesicht. In der Mitte des Geländes ist von jedem Opfer ein Foto aufgerichtet.

Foto: Ruben Sill
Auf dem Gelände des Nova-Festvials ist eine Gedenkstätte für die Opfer entstanden

Als ich in die vielen jungen Gesichter schaue und dabei die spazierenden Menschen um mich herum wahrnehme, wird mir diese besondere Spannung im Leben der Israelis neu bewusst: manche stehen an einem Foto, weinen, liegen sich in den Armen. Daneben läuft jemand vorbei, mit lauter Stimme freudig am Telefonieren. Ich empfinde es als unpassend, aber merke gleichzeitig: beides darf sein in dieser Gesellschaft. In die Freude mischt sich Trauer, in die Trauer mischt sich Freude. Es wirkt gegensätzlich, aber es ist die für mich so typisch israelische Art, mit dem Leben umzugehen.

Auf dem Weg zum Parkplatz schaue ich auf die vielen frisch gepflanzten Bäume, für jedes Opfer einer. Ich spreche ein Gebet und weiß: „Jesus, meine Hoffnung lebt! Das Leben wird immer hervorbrechen.“

Sderot – Stadt des Lebens

Ich fahre in das 20 Minuten entfernte Sderot, direkt an der Grenze zum Gazastreifen. Sderot ist eine besondere Stadt. In den letzten Jahren fielen fast täglich aus Gaza abgeschossene Raketen nieder. Egal, wo man sich in der Stadt befindet, kann man fußläufig innerhalb von 15 Sekunden einen Schutzbunker erreichen. Statt einer Sirene erfolgt bei Raketenalarm eine Durchsage; damit die Kinder durch das laute Heulen nicht traumatisiert werden.

Hier treffe ich Pastor Mikael, Leiter einer messianischen Gemeinde, ein sehr demütiger und hingebungsvoller Mann. Nach einem gemeinsamen Abendessen zeigt er mir einige Orte, an denen die Hamas mitten in der Stadt gewütet hat – Bushaltestellen, Kreuzungen, das Polizeigebäude. Ich sehe blutige und zerstörerische Bilder vom 7. Oktober vor mir, während ich dort an Ort und Stelle stehe – friedlich und im warmen Licht der Straßenlaterne. Meinem Kopf fällt es schwer, die so unterschiedliche Realität von damals und jetzt zu verbinden.

Foto: Ruben Sill
Der Blick von Sderot in den Gazastreifen

Mikael fährt mit mir zu einem Aussichtspunkt am Rande der Stadt, mit Blick in den Gazastreifen, nur wenige hundert Meter entfernt. Dort, wo früher am Abend der Himmel von den Lichtern der Stadt erhellt wurde, ist nun eine dunkle Fläche. Ich spüre meine innere Spannung. Mikael erzählt mir, dass Sderot aufgrund der vielen Raketenangriffe oft als „Stadt des Todes” bezeichnet wurde. Daher haben er und seine Frau ihre messianische Gemeinde bewusst „City of Life“ (Stadt des Lebens) genannt, weil Leben von ihr ausgehen soll – nicht nur für die Menschen in Sderot, sondern auch für die vielen Menschen in Gaza.

Zwischen den Besuchern am Aussichtspunkt richten Mikael und ich unseren Blick auf beide Seiten der Grenze. Wir beginnen zu beten, dass die Menschen auf beiden Seiten Jesus, den Messias, erkennen mögen; dass der Geist Gottes Herzen berühren und tiefgreifend verändern möge; dass Gott den Menschen auf beiden Seiten in ihrem Zerbruch, ihrer Trauer und ihrer Wut begegnen möge …

Sodass man eines Tages nicht nur von der „Stadt des Lebens“, sondern von der „Region des Lebens“ reden wird – weil unsere Hoffnung lebt!

Ruben Sill ist im Leitungsteam des Philippus-Dienstes, der sich für Versöhnung und Zusammenarbeit zwischen messianischen Juden und christlichen Arabern im Heiligen Land einsetzt.

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