Pionier kinetischer Kunst

Der Künstler Ja'acov Agam erhält in diesem Jahr den Israel-Preis. Er gilt als Pionier der kinetischen Kunst.
Von Gundula Madeleine Tegtmeyer

Der Israel-Preis ist die höchste Kulturauszeichnung des jüdischen Staates. Er wird am Vorabend des israelischen Unabhängigkeitstages für herausragende Leistungen in Bereichen wie Wissenschaft, Kunst, Kultur und Verdienste um das jüdische Volk oder den Staat verliehen. Der Preis wurde 1953 auf die Initiative des damaligen Bildungsministers Ben-Zion Dinur hin gestiftet, der selbst diese hohe Auszeichnung in den Jahren 1958 und 1973 zuerkannt bekam. In diesem Jahr kommt im Bereich Kunst diese große Ehre Ja’acov Agam zu.

Das Preiskomitee begründet seine Entscheidung wie folgt: Agams Werk stelle einen Beitrag zur israelischen und internationalen Kunst über sieben Jahrzehnte dar. Er habe die Grenzen der sogenannten Plastikkunst gesprengt und neue visuelle Sprachen der kinetischen Kunst und der Pop-Art entwickelt.

Das Komitee betont in seiner Begründung ferner, was es als zentrales innovatives Element in Agams Werk bezeichnet: „Die Idee des inneren Wandels, sowohl innerhalb des Kunstwerks selbst als auch durch die sich verändernde Perspektive des Betrachters. Seine Werke verbinden visuelle und musikalische Elemente in Bewegung, Raum und Zeit und spiegeln eine dynamische und sich ständig erneuernde Realität wider. Seine Kunst verkörpert das Konzept, dass Kunst in Bewegung und ständiger Veränderung sein muss – genau wie die Realität selbst ständig neu geschaffen und geformt wird.“

Wie das Komitee feststellte, konzentriert sich Agams Werk auf die Integration von Zeit und Bewegung in die plastische Kunst. Es wurzelt in einem jüdisch-philosophischen Ansatz des ständigen Werdens und des unendlichen Wandels. Er gilt als Künstler, der den Betrachter zum aktiven Teilnehmer macht, da sich Bilder oder Skulpturen entsprechend der Bewegung des Betrachters im Raum physisch verändern.

Bewegung als zentrales Element

Bei der kinetischen Kunst ist Bewegung ein zentrales Element, entweder durch echte, vom Kunstwerk selbst erzeugte Bewegung (mechanisch, elektronisch) oder durch scheinbare Bewegung (optische Illusion, Op-Art), die durch den Betrachter oder die Anordnung entsteht. Diese Kunstform nutzt Technologie, Licht, Klang und den Raum, um Werke zu schaffen, die dynamisch sind. Oft beziehen sie den Betrachter aktiv ein, um eine neue Wahrnehmung von Kunst zu ermöglichen.

Da sich die kinetische Kunst in der Dreidimensionalität ausprägt, lässt sie sich als Gattung der Skulptur und der Objektkunst kategorisieren. Die kinetische Kunst wurde in den 1950er und 1960er Jahren populär. Ihre vormodernen Ursprünge liegen in den kunstgewerblichen mechanischen Apparaten und ästhetischen Wasserspielen der Barockzeit, circa 1600 bis 1750.

In der Moderne sind ihre Anfänge in den kinetischen Licht- und Bewegungsobjekten Marcel Duchamps und Man Rays ebenso zu finden wie in den konstruktivistischen Maschinen der Künstler Wladimir Tatlin, Naum Gabo, László Moholy-Nagy und Alexander Rodtschenko. Zwei weitere bedeutende Vertreter der Kinetik sind Alexander Calder und Jean Tinguely. Calder ist berühmt für die Erfindung der „Mobiles“, schwebende mobile Skulpturen, die sich sanft durch die Luft bewegen. Beide Künstler arbeiten mit gefundenen Materialien und Objekten und führen damit das Konzept des Object trouvé fort.

Pionier der kinetischen Kunst

Der 97-jährige Ja’acov Agam gilt als Pionier der kinetischen Kunst und als einer der erfolgreichsten und international anerkanntesten Künstler Israels. Die kinetische Kunst ist nicht zu verwechseln mit dem Kinetismus, bei dem die Bewegungen ohne äußere Einflüsse in den Werken zum Ausdruck kommen.

Agams Skulptur „Peaceful Communication with the World“ (Friedliche Kommunikation mit der Welt) ist eine Variante der klassischen kinetischen Kunst, bei der Kinder unterschiedlicher Größe die Skulptur unterschiedlich wahrnehmen. Agam arbeitet fast ausschließlich mit Skulpturen, von denen viele sehr groß sind.

Eines seiner bekanntesten Werke ist die Chanukka-Menora, sie steht in New York City. Seine Skulpturen sind in vielen Städten auf der ganzen Welt zu sehen. Retrospektiven wurden im Guggenheim-Museum in New York, im „Musée National d’Art Moderne“ in Paris und im „Tel Aviv Museum of Art“ gezeigt. Einzelausstellungen fanden unter anderem in der Marlborough-Gerson Gallery in New York, dem „Museo de Arte Moderno“ in Mexiko und dem Jüdischen Museum in New York statt.

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Neben seiner Tätigkeit als Künstler hält Agam Vorträge an Universitäten und Fachkongressen zum Thema Kunstvermittlung. 1968 war er Gastdozent an der Harvard University für einen Kurs über visuelle Kommunikation. Einige seiner pädagogischen Ansätze zur Verbesserung der kognitiven und kreativen Fähigkeiten von Kindern wurden in Israel umgesetzt.

In Israel zählen zu seinen bekanntesten Werken der Feuer- und Wasserbrunnen auf dem Dizengoff-Platz und die Fassade des Dan Hotels in Tel Aviv. Seine Kunst findet sich in der Präsidentenresidenz in Jerusalem, in den Galerien von Beilinson, im Tel-HaSchomer- und dem Hadassah-Krankenhaus sowie im Israel-Museum. Im „Tel Aviv Museum of Art“ begrüßt eines seiner großformatigen Werke die Besucher am Eingang des ursprünglichen Museumsflügels.

Kunstmuseum in seiner Geburtsstadt

Ja’acov Agam wurde am 11. Mai 1928 als Ja’acov Gipstein in Rischon LeZion geboren. Dort wurde 2018 das nach ihm benannte Kunstmuseum eröffnet, das sich ausschließlich seinem künstlerischen Lebenswerk widmet.

Es zeigt sechs Jahrzehnte von Agams einflussreichen Werken, die sich mit der Wahrnehmung durch Farbe, Form und Gestalt auseinandersetzen. Hinzu kommen Gemälde, Drucke und Installationen bis hin zu Experimenten in der interaktiven digitalen Kunst. Mit dynamischen Mustern, wechselnden Perspektiven und lentikulären Techniken lädt Agam Betrachter ein, seine Kunst zu erleben.

Die Werke erwecken durch geometrische Muster, Kontraste und Farbverläufe den Eindruck von Pulsieren, Vibrieren oder Fließen, ohne sich tatsächlich zu bewegen, eine scheinbare Bewegung, auch Op-Art genannt. Op-Art, die Optical Art, ist eine Kunstrichtung der 1960er Jahre. Sie arbeitete mit geometrischen Formen, Linien und Farbkontrasten, um den Betrachter durch optische Täuschungen zu fesseln, Bewegung, Flimmern oder räumliche Tiefe zu erzeugen. Dadurch wirkt das unbewegte Bild für das Auge lebendig; eine interaktive, oft schwindelerregende Wahrnehmungserfahrung entsteht.

Bekannte Vertreter und Vertreterinnen der Op-Art sind Victor Vasarely, Fernand Lèger und Bridget Riley. Ihre Inspiration aus Agams Schaffen ist nicht zu leugnen, wobei Agams Einfluss auf dem Gebiet der interaktiven visuellen Kunst unübertroffen bleibt. Darüber hinaus nahm er auch Impulse der ästhetischen und mathematischen Theorien des Schweizer Architekten Max Bills (1908–1994) auf. Als Maler war Bill einer der Vertreter der Zürcher Schule der Konkreten.

Sohn eines Rabbiners

Ja’acov Agam war Sohn eines Rabbiners. Die häusliche tiefe Spiritualität sowie die ihn umgebende Natur haben ihn als Künstler maßgeblich geprägt. Schon als Kind beobachtete Agam die Wirkung des Windes auf die Sanddünen. Diese fortwährende Bewegung prägt sein Werk, in dem sich die allmählichen Veränderungen in der Natur in fesselnden, prismatischen Kompositionen widerspiegeln, die sich aus verschiedenen Blickwinkeln verwandeln. Es geschieht auch in Mustern, die optische Effekte erzeugen, und in den Skulpturen, die sich mit einer vorbeiziehenden Brise bewegen.

In den 1940er Jahren studierte Agam bei dem israelischen Maler Mordecai Ardon (1896–1992) an der Bezalel-Schule für Kunst in Jerusalem. In Zürich lernte er bei dem Schweizer expressionistischen Maler Johannes Itten, Begründer der Farbtypenlehre.

Itten betrieb neben seiner Lehrtätigkeit als Kunstmaler am Bauhaus Weimar auch Untersuchungen zur Wirkung von Farben. Dabei interessierte ihn als Maler das Zusammenwirken von Form und Farbe.

„Mein Ziel ist es, die Sichtbarkeit als Möglichkeit in einem Zustand des fortwährenden Werdens zu zeigen.“ 

Ja’acov Agam

Zudem wurde Agam von den abstrakten Arbeiten des russischen Malers Wassily Kandinsky inspiriert. 1951 ging er nach Paris, wo er am Atelier d’art abstrait und an der „Académie de la Grande Chaumière“ studierte. Zwei Jahre später, 1953, hatte er seine erste Einzelausstellung bei der Galerie Craven. 1955 nahm er an der ersten internationalen Ausstellung für kinetische Kunst in der Galerie Denise René und 1964 in Kassel an der documenta III teil, um nur einige Stationen zu nennen.

Eine der innovativen Techniken, die Agam entwickelte, war der Agamograph. Dabei wird ein Lentikulardruck (Wackelbild) verwendet, sodass auf einem einzigen Werk mehrere Bilder zu sehen sind. Diese erschließen sich dem Betrachter, wenn er sich um das Werk herumbewegt. Ja’acov Agams Kunst bezieht den Betrachter als Teilnehmer ein, so auch seine raumgroße kinetische Installation, die er 1972 bis 74 für den Elysée-Palast schuf; heute befindet sie sich im Pariser Kunstmuseum Centre Pompidou.

Seit seiner Rückkehr aus Frankreich nach Israel im Jahr 2017 lebt Ja’acov Agam in Tel Aviv.

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2 Antworten

  1. Es ist immer schoen, wenn Vorgänge in der Natur, wie z. B. Veränderungen von Sanduenen in der Natur oder Wellenbewegungen des Wassers in größeren Seen, Flüssen oder des Meeres in Kunstwerken verarbeitet werden.

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