JERUSALEM (inn) – Die israelischen Archäologen Yosef Garfinkel und Sarah Krulwich haben auf bemalten Keramiken Hinweise auf prähistorisches mathematisches Denken im Nahen Osten gefunden.
Die rund 8.000 Jahre alte Funde enthüllen den Forschern zufolge ein bemerkenswertes Verständnis für Symmetrie und Raum. Zudem enthalten die Kunstwerke aus der Halaf-Kultur wohl eine der frühesten Darstellung von Pflanzen.
Ihre Ergebnisse veröffentlichten Garfinkel und Krulwich, beide von der Hebräischen Universität in Jerusalem, im „Journal of World Prehistory“ im Dezember.
Bemerkenswerte Funde
Die Halaf-Kultur, so benannt nach einem zentralen Fundort in Nordsyrien, erstreckte sich über das nördliche Mesopotamien, die nördliche Levante und Teile der Türkei. Sie hatte je nach Schätzung ihre Blütezeit zwischen 6200 und 5500 vor Christus und ist vor allem für ihre bemalte Keramik bekannt.
Als Motive finden sich neben geometrischen Mustern auch (stilisierte) Abbildungen von Menschen, Tieren – und eben Pflanzen. Für ihre Arbeit untersuchten die Jerusalemer Archäologen hunderte Keramiken aus 29 Fundorten in Syrien und dem Irak. An den einzelnen Orten habe man nur wenige mit Pflanzen bemalte Tonscherben gefunden. Die „herausragende Bedeutung der pflanzlichen Motivik“ werde erst in der Zusammenschau deutlich, schreiben sie in ihrer Studie.
Symmetrische Darstellung von Pflanzenmotiven
Bei der Untersuchung legten Garfinkel und Krulwich ihren Fokus insbesondere auf die Art der Gestaltung – und fanden Symmetrie und geometrische Anordnungen. „Diese Muster zeigen, dass mathematisches Denken lange vor dem Schreiben existierte“.
Als Beispiel führen die Archäologen die Darstellung von Blütenblättern auf der Innenseite von Schalen an. Der Kreis wird in symmetrische Einheiten von 4, 8, 16, 32 und in einem Fall sogar 64 Einheiten eingeteilt. Diese mathematische Zahlenfolge sei kein Zufall, meinen die beiden Forscher. Der praktische Nutzen habe womöglich darin gelegen, den Ertrag von gemeinsam bebauten Feldern gerecht unter den Familien aufzuteilen. (mw)
3 Antworten
Der acht tausend Jahre alte Fund ist historisch sehr wertvoll, weil dieser zeigt, dass die Menschen schon vor der Entwicklung der Schrift anfingen logisch zu denken. Ich selbst habe jetzt dazu gelernt, denn ich dachte immer, dass die Menschen erst primitive Schriftarten entwickelten und dann erst mathematische Beschreibungen von Sachverhalten entwickelten, weil, viele Schüler und Schülerinnen schon den 1990er-Jahren Probleme in Mathematik hatten und damals Mathematiknachhilfe sehr teuer war.
Danke für den Bericht. Archäologie aus Israel ist und bleibt bemerkenswert erfolgreich.
Natürlich glaube ich nicht „an exakt 8.000 Jahre“, aber das muss ich mir ja auch nicht erklären…
Herzlichen Dank für diesen wunderbaren Artikel! 👍👍👍 Anregend, aufregend . . .
Dem Verfasser oder der Verfasserin (mw) des Israelnetz-Artikels bin ich besonders dankbar für den Hinweis auf den am 05.12.2025 online veröffentlichten unfangreichen Originalbeitrag von Yosef Garfinkel und Sarah Krulwich („The Earliest Vegetal Motifs in Prehistoric Art: Painted Halafian Pottery of Mesopotamia and Prehistoric Mathematical Thinking“) im „Journal of World Prehistory“!
PDF, 38 Seiten – spannender Lesestoff fürs Wochenende . . . und darüber hinaus.
OT: Ich habe unter anderem zu Weihnachten Norbert Kunischs „Ornamente geometrischer Vasen. Ein Kompendium“ und André Pichots „Die Geburt der Wissenschaft. Von den Babyloniern zu den frühen Griechen“ geschenkt bekommen.
Die Forschungsergebnisse der beiden Jerusalemer Archäologen ergänzen und (vor allem) erweitern das, was Pichot zu den frühen Geburtsstätten der Wissenschaft, vor allem der Mathematik und der Botanik, zu sagen wusste.
Symmetrie der Blütenblätter: Es wäre interessant zu erfahren, wie eine morphologisch orientierte Botanikerin, z.B. Frau Prof. Claßen-Bockkoff von der Uni Mainz, die Forschungsergebnisse von Yosef Garfinkel und Sarah Krulwich beurteilt . . .