Atomstreit: Enthüllungen sollen Übertreibung zeigen

JERUSALEM (inn) – Im September 2012 warnte Israels Premierminister Benjamin Netanjahu bei den Vereinten Nationen vor dem iranischen Atomprogramm. Nun berichten Medien, der Regierungschef habe dabei Geheimdienstinformationen deutlich zugespitzt. Israelische Experten erklären hingegen, die Berichte enthielten nichts Neues.
Der Zeitschrift „The Guardian“ liegen Papiere des südafrikanischen Geheimdienstes mit Informationen zum iranischen Atomprogramm vor.
Netanjahu hatte damals in einer emotionalen Rede vor den Vereinten Nationen erklärt, der Iran werde spätestens im Jahr 2013 mit der letzten zum Waffenbau notwendigen Stufe der Uran-Anreicherung beginnen. Seine Ausführungen über die Bedrohung hatte der Premier anhand der cartoonartigen Zeichnung einer Bombe veranschaulicht. Der arabischsprachige Fernsehsender „Al-Dschasira“ sowie die britische Zeitung „The Guardian“ berichteten am Dienstag, Netanjahu habe seinerzeit stark übertrieben. Dies gehe aus Geheimdienst-Dokumenten hervor, die der Zeitung vorlägen. Demnach habe der Mossad im Oktober 2012 Informationen an den südafrikanischen Geheimdienst weitergegeben. Diese besagten, dass der Iran „derzeit keine Aktivitäten unternimmt, die zum Waffenbau notwendig sind“. Aus Regierungskreisen in Jerusalem hieß es am Montag, der veröffentlichte Bericht widerspreche Netanjahus Aussagen nicht. In den Papieren werde erklärt, dass der Iran den Reaktorbau und die Uran-Anreicherung vorangetrieben habe und damit schneller in der Lage sein werde, Atombomben zu bauen.

„Keine Geheimnisse“

Der Tageszeitung „Jerusalem Post“ zufolge handelt es sich bei den von „Al-Dschasira“ veröffentlichten Berichten nicht um Original-Dokumente des Mossad, sondern um Papiere des südafrikanischen Geheimdienstes SAS, dem Informationen des Mossad zugrunde lagen. Der israelische Journalist und Experte für Militär und Geheimdienst, Jossi Melman, schreibt in der „Jerusalem Post“, die veröffentlichten Dokumente enthielten „keine Geheimnisse“. Jedem, der die Berichte der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) lese, seien die dort genannten Fakten bekannt. Auch die Aussage, dass der Iran „keine Aktivitäten unternimmt, die zum Waffenbau notwendig sind“, sei nicht neu. Zur Produktion der Atomwaffen sei auf 93 Prozent angereichertes Uran nötig. Dies habe der Iran damals nicht besessen und besitze es auch heute noch nicht, so Melman. Die Beziehungen zwischen Israel und Südafrika haben sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten beständig verschlechtert. Die Geheimdienste kooperierten zwar, aber nicht sehr eng, schreibt Melman. Er äußerte Zweifel daran, dass der Mossad dem SAS tatsächlich streng geheime Informationen über den Iran weitergeben würde. „Wir brauchen kein südafrikanisches Dokument, um zu wissen, dass es einen Keil zwischen den Ansichten und Einschätzungen der israelischen Geheimdienste und Netanjahu gibt. Aber sie weichen nicht in Fakten und Details voneinander ab, sondern bei den Interpretationen und Auswirkungen. Es ist kein Geheimnis, dass der Mossad und der Militärische Geheimdienst (AMAN) in der Vergangenheit und heute die vom Premierminister geäußerten Warnungen nicht teilen“, schreibt Melman weiter. Die Veröffentlichung der südafrikanischen Papiere erfolgt nur wenige Tage vor Netanjahus geplanter Rede vor dem US-Kongress. Am 3. März will sich der Premier dort unter anderem zum iranischen Atomprogramm äußern.

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