Durchhalteparolen und Trauer

Die israelische Tageszeitung „Yediot Aharonot“ gibt mit ihrer Gestaltung und den ausgewählten Geschichten die aktuelle Stimmung in Israel wieder. Andere Zeitungen und elektronische Medien könnten genauso als Vorlage dienen. Der Gaza-Konflikt beherrschte die Mittwochsausgabe des Massenblattes – was sonst noch in der Welt passierte, erfuhr der Leser nicht.
Die Titelseite der Tageszeitung "Yediot Aharonot" vom 23. Juli 2014

„Wir sind stark.“ Neben der Balkenüberschrift der „Yediot Aharonot“ befindet sich ein Bild des drusischen Generals Rassan Aladschan aus dem Dorf Schfaram in Galiläa. Sein Gesicht ist von Verletzungen gezeichnet. Aladschan war von Kämpfen in Gaza verwundet worden, lag im Krankenhaus und kehrte wieder zu seiner Brigade der Golani-Truppen zurück. Über dieser Durchhalteparole eines „Helden“, der von Arabern beschimpft worden ist, weil er gegen den „palästinensischen Widerstand“ kämpft, sind Fotos von acht lächelnden jungen Männern abgebildet. Darüber der Titel: „Namen von acht gefallenen Soldaten freigegeben.“
Auf der Frontseite empfiehlt Nachum Barnea der israelischen Regierung in einem Kommentar, innerhalb weniger Tage die Operation „Beständige Klippe“ zu beenden und alle Truppen aus Gaza abzuziehen. Sollte die Hamas weiter Raketen abschießen, könnte Israel eine neue Operation starten, mit dem Namen „Sturer Felsen“, und dann mit aller Gewalt in Gaza einmarschieren. Laut Barnea könnte Israel so die Initiative ergreifen. Die Hamas hat bisher alle fünf ausgerufenen Waffenruhen ausgeschlagen und mit Raketensalven gebrochen. Barneas Idee klingt allerdings nicht sehr überzeugend.

Keine Angaben zu palästinensischen Toten

Auf Seite 2 zeigt eine Landkarte des Gazastreifens die Orte, wo Israel angreift. Darunter statistische Angaben zu den israelischen Toten, der Zahl der getroffenen oder angegriffenen Stellungen und getöteten Hamas-Kämpfer, sowie der von der Hamas auf Israel abgeschossenen Raketen. Kein Wort zu palästinensischen Opfern im Gazastreifen.
Seite 3 ist dem „Verschlossenen Himmel“ gewidmet. Internationale Fluggesellschaften haben ihre Flüge nach Israel eingestellt, weil eine nicht-abgefangene Rakete der Hamas zwei Kilometer vom Ben-Gurion-Flughafen, in Jehud, ein Haus zerstört hat. Opfer gab es keine. Aber amerikanische Fluggesellschaften flogen vorübergehend nicht mehr nach Israel. Dem Beispiel folgten Lufthansa, Austrian, Swiss, KLM, Turkish, Air France, Alitalia, Korean Air, Air Berlin und andere. Tausende Touristen sind in Israel gestrandet. Ein „globaler Stau“ entsteht für Israelis in aller Welt. Allein EL AL und British Airways fliegen noch nach Tel Aviv. Doch sie allein können den Ansturm verzweifelter Fluggäste kaum bewältigen.
Die Seiten 6 und 7 sind dem vermissten und vermutlich gefallenen Soldaten Oron Schaul gewidmet. Die Hamas behauptet, Schaul zu halten. In Ramallah und Gaza wurde das mit Jubel als „Sieg“ gefeiert. Für jede Information über sein Schicksal müsse Israel einen „hohen Preis“ zahlen. Seite 8 ist mit einem Bild von Premierminister Benjamin Netanjahu und UNO-Generalsekretär Ban Ki-Moon der Diplomatie gewidmet. „Gebt Gas“ lautete der Titel. Die Armee solle sich beeilen, vor einem Waffenstillstand so viele Ziele wie möglich zu zerstören. Danach hätten Israel und die Hamas alle denkbaren Kriegsziele erreicht. Alle diplomatischen Bemühungen um eine Waffenruhe stecken in der Sackgasse.
Auf Seite 9 hat EL AL eine Anzeige mit patriotischem Zeitgeist geschaltet: „Wir werden immer bei euch sein, auf der ganzen Strecke“ und „Wir haben kein anderes Land“. Verschwiegen wird, was vielen Israelis sauer aufgestoßen ist, wie es im Radio formuliert wurde: EL AL nutzt das kriegsbedingte Monopol mit drastisch erhöhten Flugpreisen.
Auf Seite 10 werden die Terrortunnel der Hamas, der Raketenbeschuss und der Boykott Israels durch ausländische Fluggesellschaften als „strategische Gefahr“ kommentiert. Aus Geheimdienstkreisen werden da Zahlen geliefert, die von Zahlen anderswo abweichen: Von 9.000 Raketen im Besitz der Hamas seien 3.500 am Boden zerstört und 2.150 auf Israel abgeschossen worden. Von 350 Raketen mit Reichweite nach Tel Aviv befänden sich nur noch 150 in den Arsenalen. Gemäß dem bisherigen Tempo von 5 solcher Raketen pro Tag, reiche das noch für einen ganzen Monat.
Auf Seite 12 wird die Gerüchteküche thematisiert. Über soziale Netzwerke werden aus Boshaftigkeit die Namen vermeintlich gefallener Soldaten verbreitet. Deren Familienangehörige geraten in Panik. Unter den verhafteten Tätern seien Sanitäter und fromme Soldaten.
Die Seiten 16 bis 25 sind gefallenen Soldaten und deren Begräbnissen gewidmet, illustriert mit großformatigen Bildern weinender Kinder und Frauen. Dazwischen das Tagebuch des „Engels der Verletzten von Sadschaija“, eines Sanitäters, der die Verwundeten in dem umkämpften Vorort von Gaza versorgt. Auf der TV-Seite 28 behauptet die Schauspielerin Orna Banai: „Ich bin falsch verstanden worden.“ Sie hatte Israels Einmarsch kritisiert und ist heftig beschimpft worden. Darunter ein Artikel zu Pizza- und Gebäckspenden für die kämpfenden Truppen. Ebenso wird erklärt, wie man sich als Klingelton die Hymne der Golani-Brigade auf das Handy laden kann.
Nach ein paar Seiten Reklame und Todesanzeigen ist eine Karikatur abgedruckt. Sie zeigt, wie Schüler im Gazastreifen neben abschussbereiten Raketen sitzen und von einem vermummten bewaffneten Hamas-Kämpfer unterrichtet werden. Gemeint sind zwei UNO-Schulen, in denen die Hamas Raketen versteckt hatte. Das hatte UNO-Generalsekretär Ban in größte Verlegenheit gebracht.

Schlussseite für den scheidenden Staatspräsidenten

Auf Seite 34 unter einem Bild mit Explosion und Rauchwolken in Gaza ist ein Artikel über palästinensische Opfer. Beschrieben werden Eltern und ihre zwei Kinder, die nach Israel evakuiert wurden und jetzt „glücklich sind, in einem israelischen Hospital zu liegen“.
Auf der letzten Seite, die meist „Bunten Themen“ gewidmet ist, ist ein Bild des Staatspräsidenten Schimon Peres zu sehen, der zwischen Umzugskartons vor leergeräumten Bücherregalen steht. Ein Offizier erklärt dem 90-Jährigen anhand einer auf Kisten ausgebreiteten Landkarte den Gazakrieg. In normalen Zeiten hätte dieses Bild auf der Titelseite gestanden. Denn es symbolisiert den letzten Arbeitstag des legendären Staatspräsidenten. Mit dessen Abschied aus dem Amt am Donnerstag und der Vereidigung von Reuven Rivlin als neuer Präsident geht in Israel eine historische Ära zu ende.
In der Beilage und im Wirtschaftsteil geht es mit kriegsrelevanten Geschichten ähnlich weiter. Nur der Sportteil ist weitgehend frei von „aktuellen Ereignissen“. Was sonst in der Welt passiert, erfährt der israelische Zeitungsleser derzeit nicht.

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