Israel setzt Razzien nach Entführung fort

RAMALLAH / NABLUS (inn) – Israel habe die Entführung der drei Jugendlichen möglicherweise erfunden, um internationale Kritik von sich abzulenken. Diese Ansicht hat der palästinensische Außenminister Riad al-Maliki am Sonntag geäußert. Unterdessen wurden bei Razzien im Westjordanland zwei weitere Palästinenser getötet.
Seit der Entführung vor anderthalb Wochen haben die Sicherheitskräfte mehr als 300 Palästinenser festgenommen.

„Sie haben keinen Beweis, dass die Hamas hinter der Operation steckt“, sagte Al-Maliki der saudischen Zeitung „A-Schark al-Awsat“. „Ohne Beweis gibt es drei mögliche Szenarien für den Fall: Die Entführung könnte ein kindisches Spiel von Seiten der Israelis sein, um die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, sie könnte Teil eines größeren Spieles sein, um die Israelis von Angreifern zu Opfern zu machen, oder vielleicht wurden sie wirklich entführt.“ Selbst dann könnten die Talmudschüler die Opfer „jüdischer Verbrecher, palästinensischer Verbrecher oder palästinensisch-jüdischer Verbrecher“ geworden sein, welche die Entführung „für ihre eigenen persönlichen Ziele“ durchgeführt hätten.
Die israelischen Sicherheitskräfte setzten derweil ihre Operation „Kehrt zurück, Brüder“ fort. In der Nacht zum Sonntag kamen bei Razzien in Nablus und Ramallah gemäß der palästinensischen Nachrichtenagentur „Ma‘an“ zwei Palästinenser ums Leben. Der 36-jährige Ahmad Said Suod Chalid war demnach im Flüchtlingslager Al-Ein in Nablus auf dem Weg zur Moschee. Nach Angaben von Augenzeugen forderten Soldaten ihn auf, nach Hause zurückzukehren. Als er sich weigerte, habe ein Armeeangehöriger auf ihn geschossen.
Aus dem Militär hieß es, das Opfer habe sich den Soldaten „in bedrohlicher Weise genähert“. Sie hätten Warnschüsse abgegeben und dann auf den Verdächtigen geschossen. „Erste Untersuchungen legen nahe, dass der Verdächtige mental instabil war.“ Der Vorfall werde weiter untersucht.
In Ramallah wurde die Leiche des 30 Jahre alten Mahmud Ismail Atallah Tarifi auf dem Dach eines Geschäftsgebäudes entdeckt. Auf dem gegenüberliegenden Haus waren israelische Scharfschützen stationiert. Nach dem israelischen Abzug aus der Autonomiestadt begannen Palästinenser, ein örtliches Polizeirevier der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) mit Steinen und Felsbrocken anzugreifen. Sie waren ärgerlich darüber, dass die PA-Sicherheitskräfte die Straßen für die Soldaten freigeben. Ein im Internet verbreitetes Video legt nahe, dass die palästinensische Polizei mit scharfer Munition reagierte. Das Video ist hier zu sehen: http://www.ynet.co.il/articles/0,7340,L-4532935,00.html.
In manchen Medien und sozialen Netzwerken wurde berichtet, Tarifi sei von palästinensischen Sicherheitsoffizieren getötet worden. Deshalb forderten seine Familie und die Terrorgruppe Islamischer Dschihad, zu der er gehörte, eine Autopsie. Diese ergab laut „Ma‘an“, dass der 30-Jährige von israelischen Truppen mit einem M16-Gewehr erschossen worden sei.

Widersprüchliche Berichte über Tod durch Herzinfarkt

Während einer Razzia am Samstag erlag ein weiterer Palästinenser einem Herzinfarkt. Der Zwischenfall ereignete sich in der Ortschaft Haris bei Salfit in Samaria. Aus örtlichen Quellen hieß es, Dschamil Ali Abed Dschabir habe versucht, israelische Soldaten daran zu hindern, sein Haus zu durchsuchen.
Adel Masalha von der regionalen Verbindungseinheit des Militärs bestritt dies gegenüber der palästinensischen Nachrichtenagentur: „Die israelische Armee hat Dschabirs Haus nicht durchsucht. Sie war in der Nähe.“ Er ergänzte: „Ein junges Mitglied der Familie bat die Armee um Hilfe, damit ein Krankenwagen gerufen werden konnte, um seinen Vater zu retten. Ein israelischer Krankenwagen wurde gerufen, bevor der Krankenwagen des Palästinensischen Roten Halbmondes ihn zu einem medizinischen Zentrum brachte.“ Palästinensische Sicherheitsquellen äußerten hingegen, die Armee habe ihn daran gehindert, sich behandeln zu lassen.Im Gespräch mit „A-Schark al-Awsat“ verteidigte Außenminister Al-Maliki die palästinensische Zusammenarbeit mit den israelischen Sicherheitskräften. Diese trage dazu bei, dass sich Israel nicht direkt in palästinensische Sicherheitsangelegenheiten einmische. „Von Anfang an haben wir geglaubt, dass die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Sicherheit dem rein palästinensischen Interesse dient, Sicherheit innerhalb Palästinas zu wahren.“
Die arabische Knessetabgeordnete Hanin Suabi warf am Samstag dem PA-Präsidenten Mahmud Abbas vor, sein Volk zu verraten, indem er die Entführung verurteile. „Abbas hat das Ziel, seine Machtstellung zu stärken. Seine militärische Koordinierung mit Israel ist ein Verrat am palästinensischen Volk“, wird die Balad-Abgeordnete in der Tageszeitung „Jerusalem Post“ zitiert. Die Armee beschäftige sich mit der Festnahme von Palästinensern, statt nach den Teenagern zu suchen. „Ich weiß nicht, ob es eine Entführung gegeben hat.“ Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu versuche nicht, Ziele zu erreichen, sondern „Palästinenser zu infiltrieren und zu töten“.

Appelle an die internationale Gemeinschaft

Der palästinensische Regierungschef Rami Hamdallah rief die internationale Gemeinschaft auf, Druck auf Israel auszuüben, damit es seine „Militäroperation gegen unser Volk“ einstelle. Die PA-Führung strebe weiter die Freilassung aller in Israel inhaftierten Palästinenser an. Das Außenministerium zeigte sich „erstaunt“ über das Schweigen der internationalen Gemeinschaft angesichts der israelischen „Verbrechen“ gegen Palästinenser.
Netanjahu sprach am Wochenende mit UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon. In dem Telefonat informierte er ihn darüber, dass das Material in Israels Händen eindeutig darauf hinweise, dass die Hamas für die Entführung verantwortlich sei. Laut Mitteilung seines Büros äußerte er seine Wertschätzung für die energische Verurteilung der Entführung durch Ban. Dies müsse sich jedoch auch in Taten vor Ort ausdrücken. Abbas müsse seinen Bund mit der Terror-Organisation Hamas beenden.
Der PA-Vorsitzende wiederholte seine Verpflichtung, zur Freilassung der vermissten Teenager beizutragen, in einem Telefongespräch mit der israelischen Politikerin Sahava Gal-On. Die PA und die Fatah hätten nichts mit der Entführung zu tun, betonte er gegenüber der Vorsitzenden der linksgerichteten Meretz-Partei. Sie seien der Sicherheitskoordination zwischen PA und Israel verpflichtet. Doch Israels Operation „in ihrem aktuellen destruktiven Format, das das kaltblütige Erschießen von Palästinensern einschließt, könnte das Volk entfachen und die aktuelle Ordnung stören“, fügte er der Tageszeitung „Yediot Aharonot“ zufolge hinzu.

„Entführung ist eine Ehre“

Der ranghohe Hamas-Vertreter Ismail al-Aschkar wiederum kommentierte die israelische Beschuldigung mit den Worten: „Die Entführung ist eine große Ehre, die wir weder bestätigen noch leugnen können.“ In der Hamas-Wochenzeitung „Al-Risala“ schrieb er ferner: „Die Erklärungen von Führern der Besatzung und ihre Behauptungen über die Verwicklung der Bewegung in den Vorfall interessieren uns nicht.“ Israel sei hilflos bei seinen Bemühungen, nach den entführten Jugendlichen zu suchen.

Bitte beachten Sie unsere Kommentar-Richtlinien

Schreiben Sie einen Kommentar

Israelnetz-App installieren
und nichts mehr verpassen

So geht's:

1.  Auf „Teilen“ tippen
2. „Zum Home-Bildschirm“ wählen