Netanjahu will Infrastruktur der Hamas zerschlagen

JERUSALEM (inn) – Die Suche nach den drei vermissten jugendlichen Israelis, die am Donnerstag von Palästinensern entführt worden sind, zieht immer weitere Kreise. In der Debatte um Schuld und Versagen meldet sich auch ein deutscher Abgeordneter zu Wort.
Auf der Suche nach den Entführten: Israelische Soldaten durchkämmen Straßen und Wohnungen.

Die umfassende Berichterstattung in den israelischen Medien geht seit Freitag unvermindert weiter. Doch viele Informationen werden zurückgehalten. Aus Erklärungen des Premierministers Benjamin Netanjahu geht hervor, dass die israelischen Sicherheitsbehörden klare Hinweise auf die islamistische Organisation Hamas als Entführer hätten. Einzelheiten nannte er nicht, rechtfertigte so aber Hausdurchsuchungen in der Gegend von Hebron und in Flüchtlingslagern wie Dschenin, Balata bei Nablus und Deheische in Bethlehem. Mehr als 200 Kämpfer der Hamas und andere sind zwecks Verhör verhaftet worden, darunter Parlamentsabgeordnete der Hamas, ein hoher Offizier der palästinensischen Polizei, freigelassene Gefangene des Austausches für Gilad Schalit, den die Hamas fünf Jahre lang in Geiselhaft festgehalten hatte. Die Israelis argumentieren, dass die Hamas das Abkommen zur Amnestierung der Gefangenen gebrochen habe, indem die Organisation mit der Entführung nun doch wieder „Terror“ verübt habe.
In Ramallah, dem Sitz der „Einheitsregierung“, wurden ähnliche Töne laut. Dem palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas nahestehende Berater redeten von einem „Dolch in den Rücken“ für die Einheitsregierung, da die Hamas im Rahmen der gemeinschaftlichen Technokratenregierung versprochen habe, keinen Terror zu verüben.

Suchen und zerschlagen

Die israelische Regierung und das Militär gehen weiterhin von der „Arbeitshypothese“ aus, dass die drei Entführten am Leben seien und irgendwo im Westjordanland versteckt gehalten würden. Das erklärt die umfassenden Ausgangssperren, die Erneuerung der Straßensperren und vor allem die systematischen Hausdurchsuchungen, was die palästinensische Seite als „Kollektivbestrafung“ bezeichnet.
Die Soldaten müssen bei ihrer Suche auch unscheinbare Orte in den Blick nehmen. Im Jahr 2012 wurde im Dorf Urif ein unterirdisches „Gefängnis“ der Hamas entdeckt mit eingelagerten Nahrungsmitteln für zwei Jahre und Waffen. Der Zugang zu den in den Fels gehauenen Gängen und Gewölben befand sich unter dem Waschbecken der Küche eines Wohnhauses.

Hinweise auf Hamas-Beteiligung

Israelischen Reportern wurde von Sicherheitskreisen mitgeteilt, dass die israelische Armee jetzt die „Ställe komplett säubern“ wolle und gegen alles vorgehe, was „grün bemalt“ sei, womit die Farbe der Hamas gemeint ist. Neben der gründlichen Suche nach den Vermissten wolle Israel auch die Infrastruktur der Hamas im Westjordanland zerschlagen, die Finanzierungswege zertrennen und Familienbesuche bei Häftlingen in israelischen Gefängnissen unterbinden. Zudem ist Männern im Alter zwischen 14 und 50 Jahren aus der Gegend von Hebron die Ausreise über die Allenby-Brücke nach Jordanien verboten worden.
Hinter vorgehaltener Hand wird gesagt, dass die Autonomiebehörde „nicht unglücklich“ sei über die Aktionen der israelischen Sicherheitsbehörden. Denn die palästinensische Polizei habe im frommen und von der Hamas kontrollierten Hebron kaum Zugang. „Tausende“ Hamas-Aktivisten sitzen immer noch in palästinensischen Gefängnissen. Weiter wurde in Ramallah behauptet, dass die Hamas im Gazastreifen nicht nur wiederholt zur Entführung von Israelis als effektivstes Mittel aufgerufen habe, „alle“ palästinensischen Häftlinge aus israelischen Gefängnissen freizupressen. Kurz vor der Entführung habe der Auslandschef der Hamas, Chaled Masch‘al, den Gefangenen eine „Antwort in wenigen Tagen“ versprochen. Das alles gilt als Hinweis auf die Beteiligung der Hamas an der Entführung, obgleich weiterhin niemand die Verantwortung auf sich genommen oder Forderungen für eine Freilassung der Jugendlichen geäußert hat.

Vorwürfe und Ungenauigkeiten

Israelis und Palästinenser machen sich gegenseitige Vorwürfe. So behaupten Palästinenser, dass die Entführung im vollständig von Israel kontrolliert C-Gebiet passiert sei, weshalb den Palästinensern oder gar der Hamas keine Vorwürfe gemacht werden könnten. Die Israelis, darunter der Premierminister, entgegnen, dass die Täter aus den palästinensisch kontrollierten A-Gebieten gekommen seien und mutmaßlich die Entführten dort auch versteckt hielten.
Die Hamas im Gazastreifen bezeichnet die Jugendlichen als „israelische Soldaten“, obgleich zwei von ihnen nur 16 Jahre alt sind. In den Medien im Ausland werden sie als „Siedlerkinder“ dargestellt, obgleich einer aus Elad stammt, einer Ortschaft bei Petach Tikva im Kernland Israels.
Der deutsche Abgeordnete Gregor Gysi hat in einer Pressemitteilung von der Partei „Die Linke“ und auf seiner Facebook-Seite behauptet, dass die Jugendlichen in Hebron entführt worden seien. Tatsächlich fand die Entführung bei Kfar Etzion statt, 30 Kilometer nördlich von Hebron. Weiter behauptete der Politiker nach einem Besuch im Westjordanland, dass Hebron von Israel völkerrechtswidrig besetzt gehalten werde. Korrekt behauptet er dann, dass sich der Vorfall in der C-Zone des Westjordanlandes ereignet habe, in der allein Israel die Kontrolle ausübt. Doch Hebron befindet sich in der A-Zone, also unter voller palästinensischer Kontrolle und der Sicherheitsverantwortung der palästinensischen Polizei. „Als Zwischenschritt sollte Israel wenigstens Polizeistrukturen Palästinas auch in dieser Zone zulassen, um notwendige Hilfe zur Vermeidung oder Aufklärung von Verbrechen zu erhalten“, forderte Gysi. Doch genau das hat Israel seit den Osloer Verträgen 1994 getan, was aber Übergriffe auf Israelis, Verbrechen und die Entsendung von Selbstmordattentätern mehrere Jahre lang, bis zum Bau der Sperrmauer, nicht verhindert hat.

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