Ashton gedenkt der Holocaust-Opfer – ohne Juden zu erwähnen

BRÜSSEL (inn) – Anlässlich des Gedenktages für die Opfer der Schoah hat EU-Außenkommissarin Catherine Ashton eine Erklärung veröffentlicht. Darin werden allerdings zwischen diplomatischen Formeln weder Juden noch Antisemitismus erwähnt. Dies änderte sich auch nicht, als sie wenige Stunden später eine zweite Stellungnahme publizierte.
Verzichtet zum Holocaustgedenktag auf die Erwähnung von Juden und Antisemitismus: Catherine Ashton

In der Erklärung zum 27. Januar gedenkt Ashton der Opfer des Holocaust, die „in der finstersten Periode europäischer Geschichte brutal ermordet“ worden seien. Der Gedenktag müsse uns erinnern, „Vorurteile und Rassismus zu bekämpfen“, heißt es weiter in der Erklärung. „Der Respekt für Menschenrechte und Vielfalt befindet sich im Herzen (der Werte), wofür die Europäische Union steht.“
Im Mittelpunkt des Holocaust stand vor allem die Ausrottung des jüdischen Volkes, obgleich neben sechs Millionen Juden auch polnische Intellektuelle, politische Gegner der Nazis, Geistliche und Homosexuelle von den Nazis ermordet worden sind. Gleichwohl vermeidet Ashton in ihrer Erklärung die Erwähnung von Juden oder der Identität anderer Opfer.

Sprecher: „Jeder weiß, wer die Opfer waren“

Michael Mann, ein Sprecher Ashtons, erklärte auf Anfrage, dass doch jeder wisse, wer die Opfer des Holocaust gewesen seien: „überwiegend Juden, aber auch Andere“. Die Erklärung solle der Welt zeigen, dass „wir weiterhin wachsam sind“. Der Sprecher äußerte sich nicht zu der Anmerkung, dass die EU zwar gegen Vorurteile, Intoleranz und Hass-Sprüche ankämpfe, jedoch Antisemitismus in der Erklärung auch nicht erwähne.
Der Sprecher des israelischen Außenamtes, Jigal Palmor, wollte sich zu Ashtons Erklärung nicht äußern, reagierte aber auf Michael Manns Ausführungen: „It goes without saying, but goes better mentioning it.“ (Selbstverständlich geht es ohne Erwähnung (der Juden), aber es wäre besser gewesen, sie zu erwähnen.)

Neue Erklärung, gleicher Tenor

Aus unerklärlichen Gründen ließ Ashton ihre Erklärung zum Holocaustgedenktag nach einigen Stunden durch eine zweite, umformulierte Version ersetzen. Die erste ist unter dem Zeichen 140127/01 auf der Homepage der EU-Kommission in Brüssel veröffentlicht und von der EU-Botschaft in Israel verbreitet worden. Wenig später war diese ursprüngliche Erklärung von der Homepage verschwunden und durch eine Neue mit dem Zeichen A 42/13 ersetzt worden.
Manche Formulierungen sind in beiden Erklärungen identisch, andere wurden ausgetauscht. Juden werden in keiner der Mitteilungen erwähnt. Der eher diffuse Satz „Wir ehren jeden Einzelnen, der brutal in der finstersten Periode der Geschichte Europas ermordet worden ist“ heißt in der neueren Version: „Wir ehren jeden Einzelnen der sechs Millionen …“ Offensichtlich sind Juden gemeint. Doch das steht nicht dabei.
Während in der ersten Version die noch lebenden Opfer des Holocaust mit keinem Wort erwähnt werden, gebührt ihnen in der neueren Fassung eine besondere Anerkennung, da sie „uns an die Tragödie erinnern, die wir nie vergessen sollten“.
Während Ashton ursprünglich meinte, dass der Gedenktag eine „Gelegenheit“ (occasion) sei, Vorurteile und Rassismus in unserer Zeit zu bekämpfen und dass wir wachsam (vigilant) gegen die Gefahr von Hasssprüchen sein müssten, formuliert sie diesen Gedanken in der zweiten Erklärung völlig neu. An dem Gedenktag sollten wir uns daran erinnern, dass „dieses Verbrechen“ nicht nur „von wenigen Einzelpersonen“ begangen worden sei. Viele hätten daran direkt und indirekt teilgenommen, und noch mehr hätten es einfach geschehen lassen. „Deshalb müssen wir wachsam (vigilant) bleiben.“
Weiter heißt es, dass „Genozid durch die Gewalt einiger und die Indifferenz anderer“ verursacht werde.

Politische Rücksichten?

Die Neuformulierung spielt offensichtlich auf aktuelle politische Entwicklungen an, zum Beispiel in Syrien. Das mag der Grund sein, weshalb auch in der neuen Version die Identität jener „Sechs Millionen“ Opfer des Holocaust verschwiegen wird. Ashton wollte zudem wohl die Ehre der nicht-jüdischen Europäer retten. Sie betont die Gelegenheit, „Taten und Opfer zu zelebrieren, die Europa erleuchtet hatten: Nachbarn, die Familien geschützt, Arbeitgeber, die ihre Arbeitnehmer gerettet und all jene, die ihre Mitbürger geschützt haben“. In beiden Versionen erwähnt sie ganz neutral die „finsterste Zeit der europäischen Geschichte“, ohne die Nazis oder Deutschland beim Namen zu nennen.
Wohl wegen aktueller Rücksichten wurden auch die politisch belasteten Begriffe „Menschenrechte und Vielfalt“ durch die neutraleren Worte „fundamentale Rechte und Freiheiten“ ausgetauscht.

Bitte beachten Sie unsere Kommentar-Richtlinien

Schreiben Sie einen Kommentar

Israelnetz-App installieren
und nichts mehr verpassen

So geht's:

1.  Auf „Teilen“ tippen
2. „Zum Home-Bildschirm“ wählen