Grass würdigt wegen Spionage verurteilten Israeli

BERLIN / TEL AVIV (inn) – Der deutsche Literaturnobelpreisträger Günter Grass lobt in einem neuen Gedicht den israelischen Nukleartechniker Mordechai Vanunu. Dieser hatte Mitte der 1980er Jahre Fotos und Skizzen des Atomreaktors in Dimona der Presse verkauft. Daraufhin wurde er wegen Spionage und Landesverrat verurteilt und steht noch heute unter Hausarrest.
Mit dem Gedicht "Ein Held unserer Tage" wird ein weiteres Kapitel "Grass und Israel" geschrieben.

Im seinem neuen Gedichtband „Eintagsfliegen“ veröffentlicht Grass insgesamt 87 Gedichte. In dem Gedicht „Ein Held unserer Tage“ würdigt der Literat den israelischen Techniker Vanunu. Er hatte 1986 das geheime Nuklearprogramm Israels öffentlich gemacht. „So heißt der Held, der seinem Land zu dienen hoffte, indem er half die Wahrheit an den Tag zu bringen“, zitiert die Zeitung „Die Zeit“ aus dem Gedicht. Weiter ruft er zum militärischen Geheimnisverrat auf, wo Vernichtungswaffen produziert werden: „Drum: Wer ein Vorbild sucht, versuche ihm zu gleichen, entkleide, werde mündig, spreche aus, was anderswo in Texas, Kiel, China, im Iran und Rußlands Weite erklügelt wird und uns verborgen bleibt.“ Die Kieler Howaldtswerke-Deutsche Werft baut laut Medienberichten U-Boote für Israel. Das neueste U-Boot soll angeblich in der Lage sein, auch Atomwaffen einsetzen zu können. Der Gedichtband erscheint Ende September im „Steidl Verlag“, sei aber laut dessen Internetseite noch nicht lieferbar.
Israelischer Schriftstellerverband kritisiert Gedicht
Der Verband hebräischsprachiger Schriftsteller in Israel hat das neue Gedicht von Günter Grass scharf kritisiert. Der 84-Jährige betreibe eine „obsessive Kampagne zur Beschämung Israels“, teilte der Vorsitzende des Verbands, Herzl Chakak, am Sonntag laut der Deutschen Presse-Agentur mit. Grass spreche dem jüdischen Staat auch das Recht auf Selbstverteidigung ab. Der Rassismus des Nazi-Regimes sei in Grass‘ Erbgut eingebrannt. „Würde Grass gegen die nukleare Aufrüstung des Irans aktiv werden, könnte er so die Spuren des Hakenkreuzes auf seiner Kleidung löschen“, meinte Chakak. „Aber sein Kreuzzug gegen das jüdische Volk und Israel geht weiter, und dafür kann man ihm nicht vergeben.“
Ein Sprecher des israelischen Außenministeriums teilte am Sonntag mit, das Gedicht von Grass stelle die Geschichte verzerrt dar. Mit offensichtlich ironischem Unterton erklärte der Sprecher Jigal Palmor ferner: „Dieses kleine Werk ist sicherlich kein Schiller und kein Rilke, aber angesichts der früheren Ansichten von Grass ist es immerhin erfrischend, dass wohl zumindest ein Israeli Gnade vor seinen Augen findet.“
Gegen Geheimhaltung verstoßen
Im Jahr 1986 überreichte Vanunu der britischen Zeitung „Sunday Times“ gegen Bezahlung Zeichnungen und Bilder vom Innern des Reaktors. Damit hat Vanunu gegen die ihm auferlegte Geheimhaltung verstoßen. Der Mossad lockte ihn mit der Agentin „Cindy“ nach Rom und entführte ihn nach Israel. Dort wurde er zu einer 18-jährigen Gefängnisstrafe in Isolierhaft verurteilt. Mittlerweile ist er aus der Haft entlassen. Der zum Christentum konvertierte Vanunu lebt in Jerusalemer Kirchen. Er darf bis heute das Land nicht verlassen und mit ausländischen Journalisten reden. Weil er das dennoch tut, wurde er öfter verhaftet und verwarnt. Vanunu weigert sich heute, Hebräisch zu sprechen und beantwortet Fragen in schlechtem Englisch mit einem starken hebräischen Akzent.
Aus den Veröffentlichungen von 1986 schließen Experten, dass Israel das sechstgrößte Atomwaffenkontingent der Welt besitze. Andere Stimmen fragen, ob Vanunu stichhaltige Beweise für den Bau von Massenvernichtungswaffen geliefert hat.
Grass‘ erstes israelkritisches Gedicht
Bereits im April hatte Grass mit seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“ für Kontroversen gesorgt. Darin kritisiert er Israels Drohungen gegen den Iran, die Lieferung eines deutschen U-Bootes an die israelische Marine und die Tatsache, dass Israel über Atomwaffen verfügt. „Warum aber schwieg ich so lang?“, fragte Grass sich, um zu erklären, dass er den Vorwurf des Antisemitismus fürchte. Seine Herkunft sei mit einem „nie zu tilgenden Makel behaftet“, der es verbiete, gewisse Tatsachen gegenüber Israel auszusprechen. Der jüdische Staat sei „eine Gefahr für den ohnehin brüchigen Weltfrieden“. Das Werk wurde von dem israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu als „absoluter Skandal“ sowie „ignorant und verwerflich“ verurteilt. Israels Innenminister Eli Jischai sprach gegen den deutschen Dichter ein Einreiseverbot aus.

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