Jugendliche Gewalt in Israel

„Er war Araber und hat es verdient, zu sterben.“ Das sagte der vierzehn Jahre alte A. nach seiner Verhaftung. A. ist das erste von rund fünfzig jüdischen Kindern aus Jerusalem, das mit Stolz und ohne Reue die Beteiligung an einem versuchten Lynchmord an dem 17 Jahre alten Gamal Dschulani aus dem arabischen Viertel A-Tur bestätigte. „Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich ihn ermordet.“
Die Polizei bekämpft Gewalt unter israelischen Kindern und Jugendlichen.

Zwischen 40 bis 50 Kinder waren am Donnerstag an einer Verfolgungsjagd vom „Kätzchenplatz“ zu dem etwa 200 Meter entfernten Zionsplatz im Zentrum Jerusalems beteiligt. Hunderte Passanten schauten zu, ohne einzugreifen, während mehrere Kinder den schon am Boden liegenden Dschulani mit Schlägen und Fußtritten schwer verletzten. Angeblich wurden die Jugendlichen von der 15-jährigen R. mit rassistischen Rufen angestachelt, Dschulani und seine zwei Cousins zu verfolgen. R. behauptete, von einem Araber vergewaltigt worden zu sein. Die Jagd auf die jungen Araber sei „eine Chance für gerechte Rache“. Die Polizei bestätigte, dass die 15-Jährige von einem inzwischen verhafteten Araber vergewaltigt worden sei. Sie betonte, dass Dschulani und seine Cousins keiner Provokation verdächtig sind und „unbeteiligte Passanten“ waren.
Amit, 23, jüdischer Medizinstudent, hatte unmittelbar nach dem Lynchversuch den am Boden liegenden Dschulani wiederbelebt. „Zweimal hatte er schon den Puls verloren.“ Inzwischen ist der junge Araber im Krankenhaus wieder wohlauf. Dschulanis Mutter forderte von der Polizei, die Attacke auf ihren Sohn im Stadtzentrum Jerusalems genauso gewissenhaft aufzuklären wie Angriffe von Palästinensern gegen Juden in den besetzten Gebieten.
Gewaltproblem unter Kindern und Jugendlichen
Gewalt unter Kindern gehört zu den großen Problemen der israelischen Gesellschaft, im jüdischen wie im arabischen Sektor. In den letzten Jahren hat es mehrere Mordfälle gegeben, ausgeübt von Jugendlichen.
Vor zwei Jahren wurde Arieh Karp, 59, während eines Abendspaziergangs mit Frau und Tochter auf der Tel Baruch Strandpromenade im Norden von Tel Aviv von drei minderjährigen betrunkenen arabischen Jugendlichen aus dem Dorf Dschaldschulia angegriffen und ermordet. Karps Frau wurde ein Arm gebrochen und die Tochter wurde auf den Boden geworfen, wobei einer der Täter sie angeblich vergewaltigen wollte. Die Leiche des 59-Jährigen wurde am nächsten Morgen aus dem Mittelmeer gefischt. Die Jugendlichen hatten kein Motiv für ihr Tötungsdelikt und wurden zu 26 Jahren Gefängnis verurteilt.
Im vergangenen Mai wurde der 36 Jahre alte Gabi Vichmann von betrunkenen Jugendlichen mit einem Messerstich ins Herz ermordet. Er wohnte in Be‘er Scheva bei einem Park, in dem sich nachts Jugendliche trafen, tranken, kifften und viel Lärm machten. Vichmann wollte sie bitten, etwas leiser zu sein, weil seine kleine Tochter nicht einschlafen könne. Vichmanns Frau musste von der Terrasse aus hilflos zuschauen, wie ihr Mann erstochen wurde.
Die Liste solcher Morde ist lang, macht in der Welt aber nur Schlagzeilen, wenn Juden Araber angreifen. Dieser Tage haben mutmaßlich junge Siedler eine Brandbombe auf ein palästinensisches Taxi geworfen. Neben dem Taxifahrer erlitt eine vierköpfige arabische Familie im Taxi teilweise schwere Brandverletzungen. Andere Fälle, in denen Palästinenser eine ganze jüdische Familie ermordet haben oder das Auto eines Siedler mit einem schweren Stein bewarfen, sodass der Siedler aus Hebron mit seinem Sohn im Babyalter in den Abgrund stürzte und tödlich verunglückte, wurden zum Beispiel von der BBC überhaupt nicht berichtet.
Um der Gewalt unter Schülern, auch in Schulen während der Pausen, Herr zu werden, hat das Erziehungsministerium verboten, sogenannte japanische Messer auf das Schulgelände mitzubringen. Ratlose Psychologen und Erzieher kommen zu dem naheliegenden Schluss, dass die Lynchjustiz in Jerusalem am Donnerstag und andere Fälle von Gewalt ihren tiefen Grund im unverantwortlich hohen Alkoholgenuß hätten. Deswegen wurde Kiosks grundsätzlich verboten, nachts Alkohol zu verkaufen, während in Supermärkten Hochprozentiges nur noch an Kunden über 18 verkauft werden darf. Doch auch die verschärften Polizeikontrollen nahe Nachtclubs und überwiegend von Jugendlichen frequentierten Kneipen haben die Zahl schwerer Autounfälle mit „angeheiterten“ Fahrern nicht wesentlich mindern können. Seit drei Tagen verfolgt das ganze Land die Suche nach dem vorbestraften Schoschan Barabi, der mit hoher Geschwindigkeit eine rote Ampel überfuhr, drei Frauen tötete und die wilde Fahrt fortsetzte, ohne sich um seine Opfer zu kümmern.
„Wir müssen mehr Wert auf Erziehung setzen, in der Schule und in den Elternhäusern“, empfahl ein Psychologe, eingestehend, dass dieses nur langfristig Erfolg haben werde. Rassismus gebe es in jeder Gesellschaft und sei nur schwer zu bekämpfen. Während eine Sprecherin des Erziehungsministeriums eingesteht, dass ihr Amt „keine Zähne“ habe, um gegen Auswüchse der Gewalt vorzugehen, wird in öffentlichen Diskussionen der Polizei vorgeworfen, nicht ernsthaft das Verbot des Alkoholverkaufs an durchgehend geöffneten Kiosks und Bars durchzusetzen. Richter werden bezichtigt, das Leid der Opfer und der zerstörten Familien gar nicht zu beachten, Mordfälle als Tötungsdelikte zu interpretieren und die Täter mit Rücksicht auf ihr junges Alter nur milde zu bestrafen.

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