Kommentar: Israel-Reise zeigt Gaucks Zuneigung

BERLIN / JERUSALEM (inn) - Auf der Reise von Bundespräsident Joachim Gauck nach Israel und in die Palästinensergebiete gab es viele Gelegenheiten, sich politische Fehltritte zu leisten. Aber der Bundespräsident hat die Reise mit Bravour gemeistert. Selbst bei der heikelsten Stelle, als es um die Staatsräson ging, ist sich Joachim Gauck treu geblieben.

Es ist Gaucks erster Staatsbesuch und auch seine erste Reise ins nicht-europäische Ausland. Das Ziel Israel soll mit Bedacht ausgewählt worden sein. Nicht wenige teilen die Vermutung, dass der Bundespräsident mit der Reiseankündigung und ihrer Planung ein Zeichen setzen wollte gegen das sogenannte Gedicht von Günter Grass. Er nutzte die Israel-Reise bewusst, um sich ausdrücklich von Grass abzugrenzen.

Am Dienstag, dem 29. Mai, als mehrere Journalisten zwischen ihm und der Kanzlerin in der Frage der Staatsräson einen Dissens festgestellt haben wollen, äußerte das Staatsoberhaupt mehrfach, er stehe voll hinter der Politik der Bundesregierung. Als die Journalisten ihn dann erneut fragten, warum er denn den Begriff der Staatsräson nicht verwende, sagte Gauck, dass er das, was die Bundeskanzlerin mit Staatsräson bezeichne, lediglich mit seinen Worten ausdrücke, aber inhaltlich mit Angela Merkel total übereinstimme.

Welche Wertschätzung man dem deutschen Staatsoberhaupt gerade in Israel entgegenbrachte, zeigt der Umstand, dass das geplante Mittagessen mit Premierminister Benjamin Netanjahu eine Stunde länger dauerte als geplant, obwohl sich gerade Netanjahu von Gauck in der Frage der Siedlungspolitik Meinungen und Bewertungen sagen lassen musste, die nicht mit der Politik der amtierenden israelischen Regierung übereinstimmten.

Aber genau die von Gauck geübte Offenheit in Herzlichkeit macht gerade diesen Präsidentenbesuch und sein Verhältnis zu den israelischen Staatsspitzen aus. Das ist das Bestechende an Gauck, seine Authentizität.

Brisantes "Zeit"-Interview

Am Dienstag wurde dann unter den mitgereisten Journalisten die Information gestreut, Gauck habe in einem großen Interview mit der Wochenzeitung "Die Zeit", das am 31. Mai erscheinen würde, die Kanzlerin massiv wegen der Entlassung von Bundesumweltminister Röttgen kritisiert. Einige der anwesenden Journalisten informierten daraufhin sofort ihre Heimatredaktionen, um sie für das "Zeit"-Interview zu sensibilisieren.

Eine solche Stillosigkeit konnte ich mir von dem Theologen, der jetzt Bundespräsident ist, nur schwer vorstellen. Offene Kritik an der Bundeskanzlerin, über die Medien, unter Berücksichtigung der Reise nach Israel. Nichts von diesen Vermutungen beziehungsweise Behauptungen wurde denn auch durch den am Mittwoch verteilten Vorabdruck der "Zeit" bestätigt.

Trotzdem erhielt das "Zeit"-Interview eine gewisse Brisanz, denn Gauck distanzierte sich in dem Interview von der Rede seines Vorgängers Christian Wulff, der am 3. Oktober 2010 gesagt hatte, dass "der Islam zu Deutschland gehört". Gauck sagte dazu in der "Zeit", diesen Satz wolle er so nicht übernehmen. Der Bundespräsident wörtlich: "Ich hätte einfach gesagt, die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland." Er könne "diejenigen eben auch verstehen, die fragen: Wo hat der Islam dieses Europa geprägt, hat er die Aufklärung erlebt, gar eine Reformation?".

Dennoch nahm sich der Bundespräsident bereits auf dem Flug nach Israel die Freiheit heraus, das Wort von der "Staatsräson" auf seine Art zu interpretieren. Gauck sagte, dass er dazu neige, den Merkel-Satz ernst zu nehmen und nannte die Grundaussage ein "sehr gewagtes Wort". Denn, so Gauck, nicht alles, was man moralisch als wichtig erachtet, gelinge es politisch zu gestalten.

Die Reise zeigt eines sehr deutlich: Zwei Tage lang wurde der Bundespräsident in Israel herzlich empfangen und er selbst zeigte in und an Israel großes Interesse, Zuneigung zu dem Land und dem Volk Israel, ja man kann sogar von Liebe sprechen, die Bundespräsident Joachim Gauck dem Land und Volk Israel entgegenbrachte.

Wie Teilnehmer berichteten, soll besonders bewegend das Gespräch mit Überlebenden des Holocaust gewesen sein. So habe Gauck an der einen oder anderen Stelle des Gesprächs einige Tränen vergossen.

Mehr Distanz im Palästinensergebiet

Auch diese Begegnungen zeigen, wie sehr sich Joachim Gauck dem Volk Israel verbunden fühlt. Gauck weiß und kennt auch das Schicksal der Palästinenser. Trotzdem konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Gespräch mit seinen palästinensischen Gesprächspartnern auf einer ganz anderen (emotionalen) Ebene verlief, als die Gespräche mit Israelis. Deshalb ist die Bewertung sicher nicht falsch, dass die Palästinenser eher einen distanzierten Joachim Gauck erlebt haben.

Wertet man den Besuch in Israel und den Palästinensergebieten aufgrund der medialen Wahrnehmung aus, dann war der Besuch in den Palästinensergebieten ein sehr großer Erfolg, denn die palästinensischen Medien berichten breit und umfassend über den Besuch. Dagegen fand dieser Besuch in den israelischen Medien, wie auch die Besuche seiner Vorgänger, so gut wie gar nicht statt.

Umso umfangreicher und umfassender, vor allem aber fairer und wohlwollender fand der Besuch in den deutschen Medien seinen Niederschlag. Joachim Gauck hat seinen ersten Staatsbesuch und dann noch in Israel dazu genutzt, das Ansehen Deutschlands zu mehren. Das ist ihm in seiner bescheidenen und authentischen Art hervorragend gelungen.

Grund zur Dankbarkeit

Gauck selbst war nach seiner Rückkehr am Donnerstag dankbar und zufrieden, aber auch abgespannt von seinem Besuch, und ein wenig glücklich. Dazu hat der Bundespräsident auch allen Grund.

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