Israelische Inflation

JERUSALEM (inn) - Während der Ben-Gurion-Flughafen Rekordzahlen israelischer Urlauber vermeldet, die mit Kind und Kegel ins Ausland fliegen, gehen die Proteste der "verarmten" Mittelklasse in der Zeltstadt auf dem Rothschild-Boulevard in Tel Aviv weiter. Immer mehr Gruppen beteiligen sich: Mütter mit Kinderwagen protestieren gegen schwieriges Einsteigen in Bussen, Milchbauern gegen Käseimporte, Taxifahrer gegen zu teures Dieselöl, Studenten gegen einen Mangel an Mietwohnungen, Polizistenfrauen gegen niedrige Renten und Hüttenkäse wird boykottiert, obgleich die Supermärkte ihn zum halben Preis anbieten.

Und jetzt meldet sich die Gesellschaftsgruppe "Eltern". Die wollen gegen zu teure Schulbücher demonstrieren. Premierminister Benjamin Netanjahu hat bereits "einfühlsame und verantwortungsvolle" Lösungen versprochen. Denn jede Forderung würde den Steuerzahler Milliarden kosten, während der Finanzminister sich weigert, den Staatshaushalt zu sprengen. Einfühlsam hat die Regierung trotz steigender Erdölpreise in der Welt eine Verteuerung des Benzins um 6 Cent verhindert. Verantwortungsvoll halbierte die Regierung eine Verteuerung des Strompreises: anstelle von 19 Prozent müssen die Stromkunden künftig nur 10 Prozent auf ihre bisherigen Rechnungen draufschlagen.

In parlamentarischen Demokratien werden meistens "Ausschüsse" geschaffen, wo gesellschaftliche Probleme dann monatelang geprüft werden. Weil die Abgeordneten der Knesset gerade in die Sommerpause gegangen sind, nachdem sie sich zuletzt noch eine Erhöhung ihrer Kleidungszulagen gegönnt haben, dachte sich Netanjahu eine neue Lösungsmethode aus. Er verkündete die Schaffung eines "runden Tisches". An dem sollen Wirtschaftsexperten, Fachleute für soziale Fragen und Finanzspezialisten über die "Krise" beraten. Dazu sollen auch Minister stoßen, in deren Ressort soziale Fragen fallen. Jetzt fragt sich, wo Netanjahu einen ausreichend großen Tisch findet, an dem auch noch die von ihm ernannten 19 Minister Platz finden.

Am Wochenende gab es angeblich die größte Demonstration in der Geschichte Israels. Die Medien konnten sich nicht entscheiden, ob es eine Viertel-Million Israelis waren oder gar 300.000. Fröhlich ging es zu, denn die beliebtesten Popsänger traten ohne Honorar auf und genossen die Live-Übertragungen im Fernsehen. Viele Demonstranten dürften zu dem sommerlichen Ereignis vor allem wegen des kostenfreien Pop-Konzerts gekommen sein und nicht wegen der Reden unbekannter "Sprecher" der bunten Protestbewegung.

Politiker blieben ausgeschlossen, weil sich die Demonstranten vor keinen Karren irgendeiner Partei spannen lassen wollen. So ist es weder der kaum noch existenten Linken, noch der regierenden Rechten, der schweigenden Opposition, den Frommen oder gar den unbeteiligten Arabern gelungen, die Proteste zu lenken. Da gegen das selbstgeschaffene, seit Jahrzehnten entstandene "System" protestiert wird, trägt jede Partei vergangener Regierungskoalitionen Mitverantwortung. Das ist so, als würden in England die Menschen gegen den Linksverkehr, in Deutschland gegen den Bierkonsum oder in Frankreich gegen die hohe Zahl der Käsesorten auf die Straße gehen. Die Ziele der israelischen Demonstranten unter dem Motto "Mehr soziale Gerechtigkeit" sind diffus und werden selbst von ihren Wortführern nicht definiert.  Die Regierung wollen sie nicht stürzen, sondern eine Quadratur des Kreises: Niedrigere Steuern und Subventionen für alles, was man im Leben so braucht, vom Hüttenkäse bis zur billigen Wohnung.

Ausgerechnet die wirklich notleidenden gesellschaftlichen Gruppen beteiligen sich nicht, zum Beispiel die ultra-orthodoxen Juden und die Araber, denen die Kindergelder drastisch gekürzt wurden. Oder die Pensionäre oder die Menschen in den "Entwicklungsstädten", wo es eine relativ hohe Arbeitslosigkeit gibt, keine Eisenbahnverbindungen und wenig kulturelle Abwechslung.

So fragt sich, trotz Popsängern und Veranstaltung im Sommer, warum die Mittelklasse dennoch so massenhaft demonstriert, während gleichzeitig die keineswegs billigen Restaurants, Sushi-Bars und Nachtklubs mit Besuchern überquellen. Wegen der Sommerferien können sich auch die Einkaufszentren nicht über mangelnden Andrang und Umsatz beklagen. Wahrscheinlich sind die Zahlen ganz falsch. Reporter haben sich die Mühe gemacht, die inflationären Teilnehmerzahlen an den Demos, im wahrsten Sinne des Wortes, unter die Lupe zu nehmen.

Die "Demo der 300.000" am Samstag fand auf Tel Avivs Kaplan-Straße statt. Die ist 564 Meter lang und durchschnittlich 30 Meter breit, macht also 17.000 Quadratmeter. Sogar in Israel sind die Menschen nicht so schlank, dass über 17 Demonstranten auf einen Quadratmeter passen. Realistisch sei eher die Einschätzung, dass sich nicht mehr als 65.000 Menschen an der vermeintlich "größten Demo in der Geschichte Israels seit 64 Jahren" beteiligt haben.

In Jerusalem hätten sich – so die Pressemeldungen – 30.000 Menschen auf dem Pariser Platz nahe der Residenz des Premiers versammelt. Uri Radler von der Zeitung "Ma´ariv" hat sich ein Foto der Menschenmenge vorgeknüpft, das von einem Dach aus aufgenommen worden war. Mit Hilfe einer Lupe hat er einzeln die sichtbaren Köpfe gezählt und kam auf genau 2.457 Demonstranten. Selbst wenn man auf dem Foto nicht sichtbare Menschen in Nebenstraßen hinzuzähle, dürften es keine 5.000 gewesen sein. Radler mokiert sich über die Medien, die im Sommerloch die Zahl der Demonstranten gewaltig aufblasen, damit sie Sendezeiten und Zeitungsseiten füllen können.

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