Eine der Überlebenden, die am Dienstag mit der Bat Mitzwa auch ihren Sieg über die Nazis demonstrierten, ist Sahava Zuckerman. Die heute 78-Jährige wurde im Alter von sieben Jahren ins Wilnaer Ghetto und später in ein Arbeitslager in Riga deportiert. "Wer hat damals an eine Bat Mitzwa gedacht? Ich habe an ein Stück Brot gedacht – und daran, dass ich nicht erfriere", erinnert sie sich im Gespräch mit der Tageszeitung "Ma´ariv".
"Mutter hat von weitem auf mich aufgepasst", fügt sie hinzu. "Denn ich war zu klein für ein hartes Arbeitslager. Aber dank ihrer Hilfe wurde ich gerettet. Niemand durfte wissen, dass ich jünger bin. Dann ist Mutter verschwunden, und ich war sicher, dass sie ins Krematorium geschickt worden war. Auf dem Todesmarsch, als ich schon sterben wollte, weil ich keine Kraft mehr zum Gehen hatte – da erschien sie plötzlich vor meinen Augen. Ich dachte, dass ich es mir einbilde. Ich war sicher, dass ich allein auf der Welt übrig geblieben war, ein Mädchen von 13 Jahren."
Nach dem Krieg wanderte sie mit ihrer Mutter nach Israel ein. Außer den beiden hatte kein Mitglied der weitverzweigten 80-köpfigen Familie die Judenvernichtung überlebt. Doch Zuckerman hat mittlerweile zwei Kinder und vier Enkel, die alle an der Zeremonie teilnahmen. Sie gehört zum Projekt "Von der Schoah zur Mitzwa" der Organisation "Hillel". Auch die Vereinigung "Amcha" beteiligt sich an derartigen Feiern. Mit diesem hebräischen Codewort, das wörtlich "Dein Volk" bedeutet, konnten Juden in der Verfolgung Glaubensgenossen erkennen.
Zippora Peler hat ebenfalls die Möglichkeit genutzt, ihre Bat Mitzwa nachzuholen. Sie lebte fünf Jahre lang im Ghetto ihrer Geburtstadt Lodz. "Danach hat man uns nach Auschwitz gebracht", erzählt sie. "Meine Schwester wurde ermordet, und es blieben nur ich und meine Mutter. Als man mich von meiner Mutter trennte, rannte ich hinter ihr her – aber sie stieß mich fort und sagte mir, ich solle gehen und eine Familie gründen." Sie arbeitete in einer Fabrik in Deutschland und wurde später ins Lager Theresienstadt gebracht.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte sie nach Lodz zurück und erfuhr, dass niemand aus ihrer Familie überlebt hatte. Beim ersten Versuch, ins damalige Mandatsgebiet Palästina zu gelangen, wurde sie von den Briten gefasst und auf Zypern interniert. Erst nach der israelischen Staatsgründung gelang die Immigration. Den Auftrag ihrer Mutter hat sie erfüllt: Sie heiratete einen Überlebenden. Heute hat sie drei Kinder, neun Enkel und sieben Urenkel.
Auch Erika Cohen war bei der Feier in Tel Aviv dabei. Als Kind war sie von Versteck zu Versteck geflohen, ihre Eltern wurden ermordet. Schließlich gelang ihr die Flucht in die Schweiz, wo sie bei einer christlichen Familie Zuflucht fand. "An eine Bat Mitzwa-Feier dachte mitten in der Schoah keiner", sagt sie. "Die Möglichkeit, jetzt meine Bat Mitzwa zu feiern, verschafft mir Genugtuung – und sehr viel Trost."
Mit der Bat Mitzwa (Tochter des Gebotes) nimmt ein jüdisches Mädchen alle religiösen Pflichten auf sich, die Juden einhalten sollen. Die entsprechende Zeremonie für Jungen – die sie mit 13 Jahren feiern – heißt Bar Mitzwa.