Westerwelle warb dafür, die Situation Israels im Hinblick auf dessen geographische Lage fair zu beurteilen. Die Sicherheit des Landes sei durch die jüngsten Revolutionen in der arabischen Welt bedroht. Der Außenminister forderte die EU dazu auf, positive Entwicklungen in den Nachbarländern aktiv voranzutreiben, etwa durch eine ökonomische Unterstützung der Bürger. "Demokratisierung statt weniger Sicherheit für Israel", erklärte er sein Ziel. Eine Rückwärtsrolle in autokratische Systeme müsse verhindert werden.
Lieberman bezeichnete die Entwicklungen in der arabischen Welt als eine Chance für die Demokratie. Allerdings erinnerte er auch kritisch an den Ausgang früherer Revolutionen, etwa im Iran. "Ich glaube an Evolution, nicht an Revolution", sagte er. Statt die Aufstände zu fördern, müsse die Politik sich bemühen, die Wirtschaft in den betreffenden Staaten zu stärken. Westerwelle widersprach mit Verweis auf die deutsche Teilung: "Wenn Sie in einem autokratischen System leben würden, könnten und wollten Sie vielleicht nicht auf die Evolution warten." In Deutschland habe eine Revolution schließlich demokratische Entwicklungen hervorgebracht.
"Wir haben keine Zeit zu verlieren", sagte Westerwelle im Hinblick auf eine Zweistaatenlösung in Israel. Lieberman hingegen nannte das Vorhaben, in den kommenden Monaten eine Lösung für den israelisch-palästinensischen Konflikt zu finden, "unrealistisch" und plädierte für langfristige Verhandlungen.
45 europäische und israelische Politiker, Journalisten und Wirtschaftsvertreter waren nach Berlin gekommen, um am 11. "Europäisch-Israelischen Dialog" teilzunehmen, unter ihnen auch Henryk M. Broder oder der ägyptische Autor Hamed Abdel-Samad. Gastgeber waren die Axel Springer AG und das "Institute for Strategic Dialogue". Vor dem Hintergrund der Umbrüche im Nahen Osten hatten sich die Teilnehmer zum Ziel gesetzt, neue Strategien für eine politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Europa und Israel zu entwickeln. Avigdor Lieberman setzt seinen Deutschlandbesuch am Freitag fort. In München eröffnet er ein neues israelisches Konsulat und trifft Bayerns Ministerpräsidenten Horst Seehofer.