Wie Adenauer jüdische NS-Opfer entschädigte

Wie können Juden nach dem Grauen des Holocaust mit Deutschland über Entschädigung verhandeln? Für den jungen Staat Israel war das Anfang der 1950er Jahre eine explosive Frage. Ein neuer Dokumentarfilm zeigt die ersten Schritte einer schwierigen Annäherung.
Von dpa

Foto: Katahdin Productions and Go2Films

In dem Film kommt auch der letzte noch lebende Unterhändler zu Wort

BERLIN (dpa) – Deutschland wollte „Wiedergutmachung“ leisten, die Opfer wollten schlicht Hilfe zum Überleben: Wenige Jahre nach dem Holocaust verhandelten Vertreter Israels und des Judentums 1952 erstmals mit der Bundesregierung über Zahlungen für das unendliche Leid und die materiellen Verluste der jüdischen NS-Opfer. Die Geschichte dieses damals auf allen Seiten umstrittenen Unterfangens erzählt der Dokumentarfilm „Reckonings“, der am Mittwochabend Vorpremiere in Berlin hatte.

Eigentlich seien diese Verhandlungen unmöglich gewesen, sagt Regisseurin Roberta Grossman – „an einem Tisch den Vertretern jenes Volkes gegenüberzusitzen, die den schlimmsten Völkermord der Geschichte begangen hatten“. Nur Visionären sei es zu verdanken, dass alle Hindernisse überwunden wurden. Der Titel ihres Films lässt sich mit „Rechnung“ oder auch „Abrechnung“ übersetzen.

Er berichtet, wie es im 1948 gegründeten Staat Israel zu Tumulten kam, als das Parlament über die geplanten Gespräche mit der Regierung unter Bundeskanzler Konrad Adenauer beriet. Jüdische Überlebende des NS-Mordens fragten: Kann man Geld nehmen von Unmenschen, die die gesamte übrige Familie ausgelöscht haben? Ist das Verrat an den Ermordeten? Von Blutgeld war die Rede, mit dem sich Deutschland von der Schuld freikaufen wolle.

In der Bundesregierung fragte man sich unterdessen: Welche Summen könnten angemessen sein und wie das Geld aufbringen? Nur 11 Prozent der Bevölkerung, so heißt es im Film, hätten Entschädigungen für die jüdischen NS-Opfer befürwortet.

Drei Gründe für Verhandlungen

Dass es schließlich doch zu diesen Verhandlungen im niederländischen Wassenaar kam, führt der Film auf drei Gründe zurück: Israel war kurz nach der Gründung fast bankrott und brauchte das Geld dringend, auch für die Aufnahme weiterer Flüchtlinge aus Europa; die 1951 gegründete Jewish Claims Conference setzte sich das Ziel, die bittere Armut vieler jüdischer Holocaust-Überlebenden lindern; und Adenauer erkannte in einer Rede 1951 die „unsagbaren Verbrechen“ des NS-Regimes an und wollte „eine Lösung des materiellen Wiedergutmachungsproblems herbeiführen“.

„Deutschlands Übernahme von Verantwortung war die Grundlage für alles, was folgte“, sagte der langjährige Chefunterhändler der Claims Conference, Stuart Eizenstat, bei der Präsentation des Films. Gelungen sei so etwas „Beispielloses in der Geschichte des Kriegs“: die Entschädigung von zivilen Opfern für erlittenes Unrecht. Festgehalten wurde dies im September 1952 im sogenannten Luxemburger Abkommen.

Der Film schildert die Atmosphäre als eisig. Kein Wort sei gesprochen worden in den zwölfeinhalb Minuten der Zeremonie. Aber Adenauers Unterschrift machte den Weg frei für erste Zahlungen von 3,5 Milliarden Mark sowohl an Israel als auch an Einzelpersonen. Inzwischen hat die Bundesregierung nach Angaben der Claims Conference 90 Milliarden Dollar (heute rund 86 Milliarden Euro) Entschädigung an jüdische NS-Opfer gezahlt.

„Historische Mission vollenden“

Eizenstat erinnerte an das hohe Alter der verbliebenen Holocaust-Überlebenden und sagte, es sei wohl an dieser Bundesregierung, diese „historische Mission zu vollenden“. Es sei „der letzte Abschnitt dieser historischen Reise“.

Grossmans Film entstand im Auftrag der Claims Conference und des Bundesfinanzministeriums. Er erzählt die Geschichte dieser ersten Schritte einer historischen Aussöhnung mit sehr vielen Experten und dem letzten überlebenden Unterhändler Ben Ferencz, mit historischen Bildern und einigen nachgestellten Szenen. Adenauers Unterschrift unter das Luxemburger Abkommen jährt sich am 10. September zum 70. Mal. Der Film wird zunächst bei Festivals in Washington, Jerusalem und Toronto gezeigt.

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4 Antworten

  1. Ein schwieriges Kapitel nach der Shoa und 6 Millionen ermordeten Juden.
    OT
    Meine Grossmutter nahm kein Geld von Deutschen und Deutschland. Sie holte sich nur ihr Haus zurück, in dem Deutsche wohnten und sie fragten, wieso sie überlebt hätte?
    In Israel war es auch nicht einfach. Der junge Staat, die Überlebenden usw.
    Aussenstehende können diesbezüglich nicht urteilen.

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  2. Was für eine bedrückende Debatte. Wer etwas über die “Entschädigung” von NS-Opfern erfahren will, dem kann ich nur von Christian Pross “Wiedergutmachung. Der Kleinkrieg gegen die Opfer” Berlin 2001 empfehlen. Es gab die Effekthascherei der Verhandlungen mit Israel – weil Adenauer die Wiederbewaffnung sprich Bundeswehr (Aufbau mit Alt-Nazis) betreiben wollte und dafür das Wohlwollen der Welt brauchte, und es gab die wiederliche Knauserei, den gesundheitlich und finanziell geschädigten Opfer gegenüber. Diese sassen bei ihren Anträgen ebenfalls häufig den gleichen Leuten gegenüber, die sie ins KZ gebracht hatten. Häuser, Grundstücke, um alles was nicht niet und nagelfest war, wurden Menschen geprellt. Bei allem was unter Wert durch Erpressung verkauft wurde – wurde das nach 45 als “ganz normaler Kaufvertrag” deklariert. Für gestohlene Wertgegenstände konnten per se erst ab 1000 DM Verlust Entschädigung gefordert werden – klar die Armen, denen eine goldene Uhr des Grossvaters gestohlen worden war, waren in diesem System doppelt betrogen. Es gibt kein Thema, bei dem ich so stinksauer werde und wirklich drohe jede Beherrschung zu verlieren – weil es so abgrundtief niederträchtig war, was sich da abgespielt hat. Die Verhandlungen mit Isreal waren die Spitze des Eisbergs.

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  3. Dieser Kommentar veranlasst zum Nachdenken: ………aber viele andere Großmütter hatten erst mal kein Geld zum Leben und vor allem kein Haus, das sie zurückholen konnten, und vor allem wurden vielen Großmüttern nicht diese wirklich traurige Frage gestellt. Nirgendwo war es einfach; das ist richtig.
    Nicht richtig ist, dass Aussenstehende diesbezüglich nicht urteilen können. Sehr verehrte Maria, doch, es gibt welche, die beurteilen konnten, und genau über diese Menschen dürfen auch Sie sich von Herzen freuen und dem Herrn danken, dass es sie gab und heute noch gibt. Kein Staat auf dieser Erde hat bis heute für seine Gräueltaten je bezahlt. Deutschland aber ist der einzige Staat auf diesem Planeten, der für seine Gräueltaten bezahlt hat und immer noch bezahlt. Und dafür segnete Gott das deutsche Volk mit einem nie dagewesenen Wirtschaftswunder, von welchem der junge Staat Israel in gleich steigendem Maße profitierte, bis heute. Dies sind nicht meine Worte, dies sind die Worte eines Juden namens Abram Poljak, welcher im Internet sehr schnell angeklickt werden kann. In aller Ruhe dürfen deutsche Menschen sehr gelassen die Frage stellen, was den wäre, wenn Deutschland nicht bezahlt hätte. Dann würde auch die sehr geehrte Maria sich mit sehr beeindruckenden Kommentaren zu Wort melden.

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  4. In den ersten Jahrzehnten seines Bestehens identifizierte sich der Staat Israel nicht mit dem Holocaust. Wie Tom Segev und andere Historiker*innen gezeigt haben, stand der Holocaust vielmehr im Widerspruch mit dem Bild, das der Staat vermitteln wollte: Juden und Jüdinnen waren Gestalter*innen der Geschichte und nicht ihr Gegenstand, waren Held*innen, keine Opfer. Erst später begannen bestimmte israelische Politiker*innen, den Holocaust als zentrales Beispiel für mörderischen Antisemitismus anzuführen, um jede Kritik an der Staatspolitik als antisemitisch zu diskreditieren.

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