Auch der Nukleartechniker Mordechai Vanunu verweigerte wie der Protagonist des israelischen Berlinale-Gewinnerfilms „Synonyme“ die hebräische Sprache

Auch der Nukleartechniker Mordechai Vanunu verweigerte wie der Protagonist des israelischen Berlinale-Gewinnerfilms „Synonyme“ die hebräische Sprache

Synonyme Phänomene

Der Protagonist des israelischen Berlinale-Gewinnerfilms „Synonyme“ will im Pariser Exil nicht mehr Hebräisch sprechen. In Israel gibt es weitere prominente Beispiele der Verweigerung, nämlich den Nukleartechniker Vanunu, der Geheimnisse zu Israels vermeintlichem Nuklearprogramm verriet. Ein Kommentar von Ulrich W. Sahm

Erstmals hat ein israelischer Film bei der Berlinale mit „Synonyme“ des Regisseurs Nadav Lapid einen Goldenen Bären und damit den ersten Preis gewonnen. Auch ohne den Film zu kennen, wird das in den israelischen Medien als bemerkenswerte Würdigung empfunden. Sogar Staatspräsident Reuven Rivlin gratulierte.

Gemäß den Beschreibungen von Teilnehmern der Berlinale und der Selbstdarstellung des Regisseurs geht es um die Suche eines Israeli nach der eigenen Identität. Neben der filmischen Qualität befolgt der Film so auch eine dramatische politische Botschaft. Die Hauptfigur im Film verlässt Israel aus Hass.

Der britisch-deutsche Journalist Alan Posener von der „Welt“ schreibt dazu: „Ziemlich makaber: am Tag, an dem in Paris der jüdische Philosoph Alain Finkielkraut von antisemitischen ‚gelben Westen‘ tätlich angegriffen, wüst beschimpft und dabei gefilmt wurde, verleiht die Berlinale den Goldenen Bären einem im Kern anti-israelischen Film, dessen Hauptheld aus Hass auf Israel (das Land, wofür er Attribute parat hält wie: schäbig, obszön, verabscheuenswert, alt, böse, barbarisch, ekelerregend und beklagenswert) nach Paris zieht, um unter größten Anstrengungen alles Hebräische an und in sich auszumerzen! Und alle singen Lobeshymnen auf diesen vulgären und abstoßenden Film. Was für Zeiten!“

Kein ganz neues Phänomen

Vielleicht muss man sich fragen, ob der Film den „Goldenen Bären“ erhalten hätte, wenn nicht Israel, sondern Frankreich oder Deutschland mit ähnlichen Prädikaten verunglimpft worden wären und der Protagonist aus Ekel nicht von Israel nach Paris gezogen wäre, sondern umgekehrt, von Berlin nach Israel gezogen wäre. Das Phänomen, eine Sprache mit dem „Bösen“ und einem ganzen Land gleichzusetzen, ist nicht ganz neu.

In Israel gibt es Holocaust-Überlebende, die ihre deutsche Muttersprache nicht mehr sprechen oder hören wollen. Worte wie „Achtung“ oder „raus“ lassen bei ihnen das Blut gerinnen. Manche können sich nicht vorstellen, noch einmal ihre alte Heimat zu besuchen oder dort auch nur zu übernachten, selbst wenn sie aus geschäftlichen Gründen für ein wichtiges Treffen oder für einen Vortrag dorthin fliegen. Solche Traumata muss man wohl stillschweigend und kritiklos akzeptieren. Als „versöhnlich“ gelten dann jene, die sich nach ihrer Kindheit sehnen und ihren Lebensabend im Altersheim in Deutschland verbringen wollen. Aufmerksam verfolgt wird auch die steigende Zahl junger Israelis, die ausgerechnet in Berlin Fuß fassen wollen.

Vorteil, Doppelstaatler zu sein

Manchmal wird die Beantragung eines deutschen Passes in der Botschaft in Tel Aviv hiermit in Verbindung gebracht, vermutlich zu Unrecht. Wer unter den Nazis als Jude seinen Pass verloren hat, beruft sich auf sein „Anrecht“, die deutsche Staatsangehörigkeit wieder zurückzuerhalten. Das gilt umso mehr für deren Kinder. Auch die haben ein Anrecht auf einen deutschen Pass. Der ist heute eher ein „europäischer“ Pass und ermöglicht nicht nur unauffälliges Reisen in arabische Länder, sondern auch visumsfreie Besuche in den USA. Für einen normalen Israeli ist die halbe Welt wegen teurer und komplizierter Visumsanträge gesperrt oder kostspielig zu bereisen. Deshalb ist für einen Israeli die Möglichkeit, Doppelstaatler zu sein und einen europäischen Pass in der Tasche zu tragen, von großem Vorteil.

In den Medien wird manchmal behauptet, dass Israelis einen Zweitpass beantragen, um eine Rückversicherung zu haben, weil ihrem Staat immer wieder mit Vernichtung, Zerstörung der Städte Tel Aviv und Haifa und einem „Holocaust“ gedroht wird – wie von dem Iran, den Palästinensern und früher Ägypten. Dieses Argument ist allerdings im deutschen Konsulat in Tel Aviv ziemlich unbekannt, wie man dort auf Nachfrage erfährt.

Die extremistische Sekte der Neturei Carta

In Israel gibt es zwei prominente Beispiele für die Weigerung, die hebräische Sprache zu verwenden. Einerseits gibt es die extremistische Sekte der Neturei Carta. Sie betrachtet die Errichtung eines jüdischen Staates vor der Ankunft des Messias als eine schlimme Gotteslästerung. Die hebräische Sprache dürfe nur für das Gebet und im Gottesdienst benutzt werden, nicht aber im Alltagsleben. Ihr verstorbener Anführer, Rabbi Mosche Hirsch, war sogar Mitglied im Kabinett der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO unter Jasser Arafat und hatte den Auftrag, die Zerstörung Israels voranzutreiben.

Als Arafat erstmals in Jericho einzog, trat Rabbi Hirsch auf die Bühne, um den PLO-Chef zu umarmen. Das Wochenmagazin „Der Spiegel“ und andere deutsche Medien bejubelten das als ein Symbol für die „Versöhnung“ zwischen Judentum und Palästinensern. Doch wer sich auskannte, der wusste, dass es sich hier eher um ein Bündnis handelte, mit dem Ziel, den jüdischen Staat umgehend aus der Welt zu schaffen, als um „Versöhnung“. Zynisch und inkonsequent ist die Haltung mancher ultra-orthodoxer Juden. Einerseits lehnen sie die Existenz Israels ab und bekämpfen den Staat. Andererseits akzeptieren sie finanzielle Vergünstigungen wie Kindergeld.

Schlimmste Verräter der Geschichte Israels

Das weitere einzigartige Beispiel bietet der schlimmste Verräter der Geschichte Israels: Mordechai Vanunu. Der frühere Techniker im Atomreaktor von Dimona hatte 1986 der britischen Zeitung „Sunday Times“ gegen Geld Geheimnisse der angeblichen Atom-Fabrik mitsamt Fotos vom Kontrollraum geliefert. Ob damit tatsächlich bewiesen war, dass Israel Atombomben besitzt und baut, ist fraglich. Aber die Absicht war klar und hätte dem Staat erheblichen Schaden beigefügt. Denn Israel hat niemals einen Atomtest durchgeführt. Einen klassischen Beweis für den Besitz von Atombomben gibt es im Falle Israels nicht. Deshalb war Israel auch nicht gezwungen, Inspekteure der Wiener Atombehörde ins Land zu lassen, um nach dieser ultimativen Waffe zu suchen.

Offizielle Politik war es, den Besitz einer Atombombe weder zu bestätigen noch zu dementieren, aber die arabischen Feindesländer im festen Glauben zu belassen, dass Israel eine Atommacht sei. Diese Politik war eine geschickte Methode der Abschreckung. Beim ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat ist diese Rechnung voll aufgegangen. Fest davon überzeugt, dass Israel „unbesiegbar“ sei, hatte er beschlossen, 1979 mit Israel Frieden zu schließen.

Durchaus vorstellbar ist, dass Israel eines Tages vielleicht doch Inspekteure ins Land lassen muss. Angenommen sie finden nirgendwo eine Atombombe. Was dann? Augenblicklich hätte Israel seine entscheidende Abschreckung gegen einen Vernichtungskrieg verloren. Der Iran oder auch arabische Länder könnten dann in Versuchung geraten, einen totalen Krieg gegen den „Judenstaat“ auszulösen, ohne mehr einen atomaren Gegenschlag befürchten zu müssen. Bisher hat diese „psychologische Kriegsführung“ bestens funktioniert.

Interview mit Vanunu in Erlöserkirche

Der Atomspion Vanunu wurde vom israelischen Geheimdienst nach Rom gelockt, dort gekidnappt und auf einem Schiff nach Israel entführt. Ein Gericht verurteilte ihn wegen Hochverrats zu 18 Jahren Einzelhaft. Nach seiner Entlassung erhielt er die Auflage, Israel nicht mehr zu verlassen und keine Journalisten zu treffen.

Im Mai 2006 entdeckte ihn der deutsche Journalist Norbert Jessen in einer Ecke in der deutschen Erlöserkirche stehend. Jessen rief mich als Kollegen hinzu und gemeinsam befragten wir ihn. Der aus Marokko stammende Techniker konnte eigentlich keine Fremdsprache. Die auf Hebräisch gestellte Frage, warum er in die Erlöserkirche komme, beantwortete er: „Weil ich deutsche Oper so sehr mag“. Vanunu antwortete aus Prinzip auf Englisch, weil er sich aus Hass auf Israel weigerte, Hebräisch zu sprechen. Damit haben Vanunu und der Hauptdarsteller in den Film „Synonyme“ eines gemein: Ihr Hass auf Israel beflügelt sie, die hebräische Sprache abzulehnen und nicht mehr zu sprechen.

Von: Ulrich W. Sahm

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