Im syrischen Bürgerkrieg hat der Iran einen großen Einfluss gewonnen

Im syrischen Bürgerkrieg hat der Iran einen großen Einfluss gewonnen

Der Iran in Syrien und das neue Kräftegleichgewicht im Nahen Osten

Israel wirft dem Iran eine Einmischung in Syrien vor. Und in der Tat birgt diese militärische Unterstützung eine große Gefahr für den jüdischen Staat. Eine Analyse von Marcel Serr

Die Präsenz des Irans in Syrien hat sich im vergangenen Jahr verfestigt. Diese Entwicklung bestimmt gegenwärtig die Sicherheitspolitik Israels. Andererseits führt der sich verschärfende Widerstand sunnitisch-arabischer Staaten gegen das iranische Machtstreben zu einer vorsichtigen Annäherung mit Israel. Aufgrund weitreichender internationaler Verflechtungen in Syrien ist die Lage dort brandgefährlich.

Seit dem Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs im März 2011 hat der Konflikt schon etliche Wendungen genommen. Mit dem Eingreifen Russlands und des Irans auf Seiten des Autokraten Baschar al-Assad 2015 hat sich das Blatt zu dessen Gunsten gewandt. Gestützt auf russische Luft- und Artilleriekräfte sowie iranische Militärberater, die Hisbollah und ausländische schiitische Kämpfer, die vom Iran rekrutiert worden sind, konnte das Regime die Initiative ergreifen. Es kontrolliert nun die Kerngebiete Syriens, einschließlich Damaskus, Hama und Homs sowie Aleppo und die traditionellen alawitischen Küstengebiete. Mittlerweile ist auch der „Islamische Staat“ zumindest als quasi-staatliche Einheit weitgehend geschlagen – was allerdings in erster Linie auf das Konto der Kurden und der USA geht.

Die iranische Einflusssphäre

Der Iran stützt das Assad-Regime, um die Zugangs- und Versorgungsroute zur schiitischen Terror-Organisation Hisbollah im Libanon offenzuhalten. Syrien ist daher ein wichtiger Baustein der iranischen Einflusszone, die über Bagdad und Damaskus bis Beirut reicht. Der Iran nutzt die Gunst der Stunde und errichtet Militärbasen, Waffenfabriken sowie Ausbildungslager für seine Stellvertreter in Syrien, um das Land langfristig im Griff zu behalten.

Israel empfindet die iranische Präsenz in Syrien (und im Libanon) als äußert bedrohlich – das Regime in Teheran droht Jerusalem regelmäßig mit der Vernichtung. Die Stationierung von iranischen Waffensystemen wie fortschrittliche Luftverteidigungssysteme und zielgenaue Raketen stellen eine erhebliche Veränderung des regionalen Kräftegleichgewichts zulasten Israels dar. Zumal das Raketenarsenal der Hisbollah, des iranischen Verbündeten im Libanon, bereits heute nicht nur aufgrund der schieren Masse beunruhigend ist (130.000 Raketen sollen auf Israel gerichtet sein), sondern auch die Zielgenauigkeit und Reichweite haben sich dank iranischer Unterstützung erheblich verbessert.

Von präzisionsgeleiteten Waffen geht eine erhebliche Gefahr für Israel aus. Denn die kritische Infrastruktur des Landes von der Größe Hessens konzentriert sich auf wenige Punkte, die die Hisbollah genau ins Visier nehmen wird. Jerusalem fürchtet außerdem, dass die schiitische Landbrücke vom Iran bis in den Libanon es Teheran erlauben wird, Kämpfer und Waffen relativ ungehindert zu verschieben. Es steht daher zu befürchten, dass ein künftiger Konflikt mit der libanesischen Terrorgruppe horrende Schäden und Verluste in Israel zur Folge haben wird.

Israel hat bereits begonnen, neue rote Linien zu definieren, die die direkte militärische Präsenz der Iraner in Syrien, aber auch im Libanon bestenfalls verhindern sollen. Erst im Dezember wurde wieder von israelischen Luftschlägen in Syrien berichtet, die eine im Bau befindliche iranische Militärbasis zerstörten.

Neue Bündnisse?

Ein gewichtiger Faktor in Syrien ist zudem Russland. Im August 2017 trafen sich Israels Premierminister Benjamin Netanjahu und Präsident Wladimir Putin in Sotschi. Bislang betrachtet Russland die iranische Präsenz in Syrien als legitim. Militärische Interventionen Israels könnten daher mit den Interessen Russlands kollidieren, Syrien zu stabilisieren.

Doch andererseits könnte der Iran künftig ein Rivale Russlands um die Kontrolle Syriens werden. Dann würde sich Israel als ein wichtiger Verbündeter anbieten. Die wiedererstarkte, aktive Rolle Russlands im Nahen Osten könnte also sowohl eine Chance als auch eine sicherheitspolitische Herausforderung für Israel werden – abhängig davon, ob und wann die Interessen Teherans und Moskaus kollidieren.

Der Konflikt zwischen dem schiitischen Iran und den sunnitisch-arabischen Staaten spitzt sich derweil zu. In dieser Konstellation ergibt sich eine stillschweigende Interessenkonvergenz zwischen den Golfstaaten und Israel, um dem Streben des Iran nach regionaler Vorherrschaft Einhalt zu gebieten.

Allzu optimistisch sollte man die Kontakte zwischen Israel und einigen arabischen Ländern jedoch nicht betrachten. Ohne Fortschritte im Friedensprozess mit den Palästinensern werden die arabischen Staaten zurückhaltend bleiben, weil sie es sich innenpolitisch nicht leisten können, offen mit Israel zusammenzuarbeiten. Allenfalls der 32-jährige saudische Kronprinz Mohammed Bin Salman ist dabei eine Unbekannte. Der Thronfolger hat unter Beweis gestellt, dass er zu unvorhersehbaren und gewagten Schritten bereit ist und verfolgt eine aggressive gegen den Iran gerichtete Außenpolitik – insofern könnten außenpolitische Erwägungen die Oberhand gewinnen und vielleicht zu einer weiteren Annäherung an Israel führen.

Was wird 2018 kommen?

Im Jahr 2018 wird sich das veränderte Kräftegleichgewicht im Nahen Osten weiter austarieren; viele Faktoren sind im Fluss. Der Iran scheint derzeit der große Gewinner des syrischen Bürgerkriegs. Die USA überlassen Teheran die Kontrolle über Syrien auf dem Silbertablett. Noch unklar ist, wie sich die Rolle Russlands in Syrien weiter gestalten wird. Für Israel wird es entscheidend sein, ob es zu einem Interessenskonflikt zwischen Russland und dem Iran in Syrien kommt.

Setzt sich die gegenwärtige Entwicklung fort, wird es nach einer Konsolidierungsphase zu direkten militärischen Auseinandersetzungen zwischen dem Iran und Israel auf den Golanhöhen kommen. Um dieses Szenario zu verhindern, wird sich Israel aktiver einmischen und mit begrenzten Militärschlägen Entschlossenheit demonstrieren. Die Eskalationsgefahr an der syrisch-israelischen Grenze wird 2018 daher hoch sein.

Marcel Serr ist Politikwissenschaftler und Historiker. Von 2012 bis März 2017 lebte und arbeitete er in Jerusalem – unter anderem als wissenschaftlicher Assistent am Deutschen Evangelischen Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes in Jerusalem. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf der israelischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik sowie der Militärgeschichte des Nahen Ostens.

Von: Marcel Serr

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