Avreimi Wingut sieht in seinem Beruf keinen Widerspruch zu dem religiösen Lebensstil
Avreimi Wingut sieht in seinem Beruf keinen Widerspruch zu dem religiösen Lebensstil

Mit Talmuddenken in den Hightech-Sektor

Anfang 2016 waren erstmals mehr als 50 Prozent der haredischen Männer in Israel in Arbeit. Ein Großteil von ihnen ist im Hightech-Sektor tätig. Experten sprechen von einer sozialen Revolution.

Er ist einer der einhundert erfolgreichsten Männer in Israel. Doch nicht wegen seines Vermögens wirkt Avreimi Wingut wie einer anderen Welt entlaufen. Wingut ist Haredi, ein ultraorthodoxer Jude, und seit einigen Jahren im Hightech-Sektor tätig.

Stolz verweist er auf sein koscheres Smartphone: Das üblicherweise grüne WhatsApp-Symbol ist bei ihm schwarz und es gibt keine Profilbilder seiner Kontakte, Facebook ist gar nicht installiert. „Lange wusste ich überhaupt nicht, was Google, Microsoft und Apple ist. Dass Hightech überhaupt eine Option für uns sein könnte, haben wir anfangs nicht gedacht. Wir hatten ja nicht mal einen Computer zu Hause. Als die Rabbiner verstanden, dass man Hightech koscher betreiben kann, fanden sie es besser als ursprünglich gedacht.“

Der Endzwanziger kokettiert mit seinem haredischen Äußeren. Abgesehen von seinem weißen Hemd – ist er ganz in schwarz gekleidet: seine Lederschuhe, die überlangen Wollsocken, die Stoffhose, der lange Mantel sowie der klassische Hut: „Haredi zu sein bedeutet, sich abzusondern. Auf der ganzen Welt gibt es jüdische Gemeinschaften, die sich ähnlich seltsam kleiden wie ich. Doch nur wir hier in Israel sind echte Haredim, wir wollen uns nicht mit der Welt vertraut machen.“

Netzwerke als Standbein

Kreativ denken ist im Hightech-Sektor nur ein wichtiges Element. Ein weiteres ist die Vernetzung relevanter Leute. In Israel gibt es mehr als 200 Acceleratoren im Hightech-Bereich, das heißt, Unternehmen, die Start-Up-Gründern helfen, ihre Projekte zu beschleunigen. Mit seinem Partner Mosche Friedman gründete Wingut KamaTech, einen Accelerator für Ultraorthodoxe. „Moischi und ich überzeugten israelische Firmen, Kurse für Haredim anzubieten. KamaTech gilt neben Microsoft und ehemaligen Soldaten der Einheit 8200 zu den fünf besten Acceleratoren im Nahen Osten“, erklärt Wingut stolz.

„Sowohl von Seiten der Regierung als auch im privaten Bereich gibt es Programme, um arabische oder äthiopische Minderheiten zu fördern, aber niemand ist so erfolgreich wie wir für die haredische Gesellschaft. Natürlich kommen nicht alle mit voll ausgereiften Ideen. Doch mittlerweile hat KamaTech mehr als 700 Männer und Frauen in die großen Firmen gebracht. Von den 224 Start-Ups im Jahr 2015 wählten wir die besten sechs aus. Diese starteten mit 16 Angestellten und haben heute mehr als 70 Leute sowie einen Umsatz von sieben Millionen US-Dollar.“

Ultraorthodoxe lieben Hightech

Auch Chaim Sukenik, Direktor des Akademischen Zentrums Lev in Jerusalem (JCT), beobachtet die neue Entwicklung mit Interesse: „Was sich in den vergangenen Jahren vor unseren Augen abspielt, ist die größte soziale Revolution seit Jahrzehnten. Mehr als 50 Prozent der Haredim arbeiten im Hightech-Bereich, weil die Entwicklung einer App eine Art zu denken voraussetzt, die ihnen bekannt ist. Außerdem haben sie hier die Möglichkeit, in relativ kurzer Zeit viel Geld zu verdienen.“

Wenn die Studenten ans JCT kommen, sind sie Mitte 20 und haben meist eine eigene Familie. „Lange hatten ultraorthodoxe Studenten überhaupt keine Möglichkeit, einen akademischen Beruf zu ergreifen. Zwischen Schule und Jeschiva gibt es kein Studium. Es sind intelligente Menschen, denen die Bildung im säkularen Bereich fehlt. Im JCT haben wir einen Kurs entwickelt, in dem wir den Studenten relevante Fähigkeiten auf hohem Niveau mitgeben und sie dann zum Studium an die Hochschule aufnehmen können.“

Doch es ist schwierig für Haredim, an Arbeitsstellen zu kommen: Sie dürfen keinen Blickkontakt mit dem anderen Geschlecht haben. Außerdem ist Demut eine wichtige Eigenschaft in der ultraorthodoxen Gemeinschaft. „In einem Bewerbungsgespräch, wo sie nur 20 Minuten haben, um sich selbst zu vermarkten, haben sie also oft schlechte Chancen.“ Die Leitung der Lev-Hochschule ist trotzdem optimistisch: „Etwa 2.000 unserer 5.000 Studenten sind Haredim und natürlich wollen wir die Zahl vergrößern. Wir versuchen daher, uns auf die Bedürfnisse der Haredim einzustellen. Wir haben getrennte Campusse für Männer und Frauen, bei uns werden Männer nur von Männern unterrichtet und es gibt hohe Koscher-Standards in unseren Gebäuden.“

Vorteile überwiegen Nachteile deutlich

Der orthodoxe Jude Sukenik berichtet von der Erfahrung der Absolventen: „Viele Haredim sehen plötzlich, dass der Nachbar in letzter Zeit ein teures Auto fährt und mit seiner Familie in den Urlaub reist und bei alledem trotzdem religiös bleibt. Auch wenn uns haredische Zeitungen boykottieren, es gibt Webseiten, die über uns schreiben. Und die Leute holen sich dann Informationen bei uns ein.“ Er macht eine kurze Pause: „Die Botschaft ist draußen.“

Sukenik weiß: „Die Vorteile für die großen Firmen liegen auf der Hand: Haredim haben eine strenge Arbeitsmoral, sind sehr loyal und bleiben lange am gleichen Ort. Vor allem im Hightechbereich ist es sonst sehr verbreitet, den Arbeitsplatz häufig zu wechseln.“ Die Nachteile hingegen sind relativ überschaubar: „Vielleicht braucht es nur eine einzige zusätzliche koschere Mikrowelle im Büro, die es auch einem haredischen Mitarbeiter ermöglicht, in der Firma zu arbeiten.“

Zwei Absolventen sind Bezalel Atzitzky und Jakov Sluschtz. Innerhalb eines Jahres entwickelten sie eine App, die heute 14 Leute beschäftigt. Sie ist vor allem für die Tourismusindustrie interessant: „Der Arbeitstitel der App ist TrecRec. Es geht darum, einen Ausflug zu dokumentieren, die App gehört in den Bereich der Kartentechnologie“, erzählt Atzitzky. „Die App erstellt am Ende eines Ausflugs automatisch eine Art Album, das Fotos, Informationen über Wege, Geographie oder die Blumen am Wegrand enthält.“

Von der Lev-Hochschule hörte Atzitzky von seinem Freund Sluschtz. Gemeinsam lernten sie in der Jeschiva: „In neun Monaten haben wir das Abitur gemacht und begonnen zu studieren. Ohne das JCT wäre ich nicht da, wo ich heute bin. In meinem Alter gibt es niemanden, der nicht vom JCT gehört hat. Meine Frau und mein Rabbiner stehen voll hinter mir. Auch meine Nachbarn akzeptieren, dass ich arbeite. Sie wissen, dass wir an einem Ort lernen, der religiöse Bedürfnisse berücksichtigt.“

Kinder als Englischlehrer

Für Sluschtz ist klar: „Die Wissenslücken von Physik und Mathe kann man in jedem Alter in kurzer Zeit aufholen. Mit Englisch ist das sehr schwer.“ Deshalb hat er für seine beiden Kinder einen Englischlehrer angestellt. Er erklärt: „Ich wollte immer schon mehr lernen. Außerdem hatte ich schon damals eine Familie zu versorgen. Deshalb wollte ich mehr Geld verdienen.“

Was Sluschtz machen möchte, wenn er die App erfolgreich entwickelt hat und viel Geld verdient? Die Antwort kommt ohne Zögern und mit einem Lächeln: „Wieder in die Jeschiva zurück und Talmud lernen.“ Doch er ist überzeugt: „Wir sind der lebendige Beweis, dass es keinen Widerspruch zwischen dem haredischen Lebensstil und der Berufsausübung gibt.“ (mh)

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Von: mh

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