Die Soziologin Helene Rumani erzählt Studenten die Geschichte ihrer Eltern
Die Soziologin Helene Rumani erzählt Studenten die Geschichte ihrer Eltern

Erinnerung im Wohnzimmer

Zum jährlichen Holocaustgedenktag, der im Hebräischen „Tag der Erinnerung an die Scho‘ah und das Heldentum“ genannt wird, halten staatliche Institutionen in Israel Gedenkfeiern ab. Trotzdem haben viele junge Israelis keinen Bezug zu diesem Tag entwickelt. Die Initiative „Erinnerung im Wohnzimmer“ will eine alternative Auseinandersetzung mit diesem Gedenktag ermöglichen.

Gründer der Organisation ist Nadav Embon: „Schon lange fühlten meine Frau und ich eine große Diskrepanz zwischen dem Jom HaScho‘ah, dem Holocaustgedenktag, und unserer heutigen Lebenswirklichkeit. Wir fragten nach der Bedeutung dieses Tages für uns und andere junge Israelis. Vor allem für solche, die nicht durch einen äußeren Rahmen an einer Zeremonie teilnehmen, wie sie etwa in Schulen, der Armee und Universitäten begangen wird. Sephardische oder äthiopische Juden verbinden mit diesem Tag größtenteils überhaupt nichts, sie fühlen sich von diesem Gedenken ausgeschlossen. Wir wollten aber zeigen, dass die Scho‘ah etwas mit uns zu tun hat, dass sie uns alle angeht.“ Embon zitiert Hannah Ahrendt, die große jüdische Philosophin, die im Zusammenhang mit der Scho‘ah vom „Verbrechen gegen die Menschheit“ gesprochen hatte.

2009 lud Embon eine Holocaustüberlebende zu sich ins Wohnzimmer ein, dazu etwa 40 Freunde. 2010 boten bereits 20 andere junge Leute eine ähnliche Veranstaltung bei sich zu Hause an. Die Initiative wuchs mit den Jahren, und 2015 gab es erstmalig mehr Gastgeber als Holocaustüberlebende, die bereit waren, von ihren Erlebnissen zu berichten.

Erinnern als Teil jüdischer Tradition

Der 31-jährige Animator wünscht sich, dass die „Erinnerung im Wohnzimmer“ zum festen Bestandteil des Jom HaScho‘ah wird. „Etwa so, wie der Sederabend Teil des Pessachfestes ist. Da erinnern wir uns an unsere Geschichte.“ Der Abend lasse sich ganz unterschiedlich gestalten. Seine Schwester beispielsweise sei Tanzlehrererin. Sie lade einen Überlebenden in ihre Schule ein und nach dem Zeugnis versuchten die Schüler, das Gehörte in Tänzen auszudrücken.

Mit der Veranstaltung ließen sich außerdem drei traditionelle jüdische Prinzipien verbinden: Erstens: „Tikkun Olam“, durch Wertevermittlung die Welt zu verbessern, zweitens: den Kindern die Geschichte weiterzusagen, nach einem Vers aus dem 13. Kapitel des zweiten Mosebuches: „Ihr sollt euren Söhnen sagen …“ und drittens: „Uschpizin“, den Brauch, Gäste willkommen zu heißen.

Embons eigene Großmutter hat im Holocaust mehr als 200 Familienmitglieder verloren. Doch ihm ist wichtig zu betonen: „Bei dieser Initiative geht es uns nicht um einen Wettbewerb, nicht um die Frage: wer hat das schlimmere Schicksal? Jeder einzelne hat seine persönliche Geschichte und jede einzelne davon ihre eigene Tragik. Wir wollen, dass junge Menschen diese Geschichten hören. Selbst wenn sich jemand nicht würdig fühlt, die eigene Geschichte zu erzählen.“

Die „zweite Generation“ spricht

Eine dieser Geschichten erzählt Helene Rumani am Vorabend des Jom HaScho‘ah. In der Ben-Hillel-Straße, im Stadtzentrum von Jerusalem, im Wohnzimmer von Tiferet versammeln sich 24 Personen, um ihr zuzuhören. Stühle und Sofas sind im Halbkreis aufgestellt, einige sitzen auf dem Boden. Die Gastgeberin ist Studentin der Politikwissenschaft an der Hebräischen Universität, der Großteil ihrer Besucher sind ihre Kommilitonen.

Geboren ist die Sprecherin 1950 als Helene Korn im ehemaligen Arbeits- und späteren Flüchtlingslager Föhrenwald in Wolfratshausen bei München. Sie wächst in New York auf und zieht nach dem Jom-Kippur-Krieg 1973 nach Israel, allerdings ohne Alija zu machen, ohne jemals offiziell einzuwandern. Die studierte Soziologin erzählt: „Meine Mutter stammt aus Polen, kam später nach Russland, Sibirien, Deutschland und die USA. Im Alter von 80 Jahren ist sie nach Israel eingewandert. Meine Verwandtschaft lebt verstreut in der ganzen Welt. Meine Cousins sind immer mal wieder nach Israel gekommen, doch alle sind wieder gegangen. Ich bin die einzige, die geblieben ist.“

Weil Rumani nach Ende des Zweiten Weltkrieges geboren ist, gilt sie nicht als Holocaustüberlebende, sondern als „zweite Generation“. Fast entschuldigend sagt sie „Ich hoffe, ihr seid nicht enttäuscht, weil ich keine Holocaustüberlebende bin.“ Das klingt makaber, die Studenten schweigen betreten. Es ist das erste Mal, dass Rumani ihre Geschichte vor fremden Menschen erzählt. Sie hat viel aufgeschrieben und hält sich an ihrem Skript fest.

Rumanis Eltern kamen aus Polen, der Vater aus einem Schtetl, die Mutter aus einem kleinen Ort, wo ihre Familie Viehwirtschaft betrieb. Später kamen sie ins Arbeitslager nach Sibirien, genaue geographische Kenntnisse über den Ort hat Rumani nicht. Im Lager habe sich ihre Mutter durch Nähen über Wasser halten können. Als sie das erzählt, kommen ihr die Tränen. Ihre Mutter habe viel aus dem Lager erzählt: Helden- und Liebesgeschichten, von enttäuschten Beziehungen. Alles war sehr menschlich und heroisch. Von traurigen Ereignissen aber habe sie nie berichtet.

Rumani erzählt die Geschichte ihrer Eltern, doch im Laufe des Abends wird deutlich, wie sehr ihre eigene Geschichte dadurch geprägt ist. „Bei uns wurde immer gearbeitet. Meine Mutter hat noch im Alter von 70 Jahren in New York Schnee geschippt. Nur wer arbeitet, zählt.“ Rumani überlegt. „Und dann gab es zu Hause immer so viel Misstrauen der Welt da draußen gegenüber. Es wurde sehr viel Wert auf persönliche Sicherheit gelegt. Auch Essen spielte eine wichtige Rolle.“ Sie kramt in ihrer Handtasche und hält zwei kleine Plastiktütchen hoch. In einer sind Karottenschnitze, in der zweiten kleine Schokoladenstücke: „Sicher kennt ihr selber Hunderte von solchen Geschichten über das Essen. Ich muss immer etwas zu essen dabei haben, wenn ich aus dem Haus gehe. Das gibt mir Sicherheit. Meine Mutter erzählte einmal von einer Zugfahrt in Sibirien. Jemand saß in ihrem Abteil und teilte seine einzige Tomate mit ihr. Bis heute besitzen Tomaten einen hohen Stellenwert bei mir.“

Rumani heiratete später den Politikwissenschaftler Maurice. Sein Forschungsgebiet waren Juden in Libyen und zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Helene sagt: „Bei uns im Haus war der Holocaust immer irgendwie Thema.“ Gemeinsam haben sie drei Kinder und vier Enkel. Rumani ist sehr stolz, dass diese Teil der israelischen Gesellschaft sind sowie als Soldaten im israelischen Militär dienen. Für sie ist das die Botschaft: „Am Israel chai, das Volk Israel lebt! Trotz der satanischen Pläne der Nazis, das jüdische Volk zu vernichten, geht jüdisches Leben weiter.“ Rumani schaut die jungen Leute an: „Und zwar hier. Mit euch. Auch wenn es die alten Gesellschaften nicht ersetzt – ihr bildet eine neue Gesellschaft. Unsere Aufgabe ist es, die Wahrheit zu verbreiten. In dem Moment, wo ich euch Zeugnis gebe, werdet ihr zu Zeugen. Und als solche habt ihr die Pflicht, zu erinnern und zur Vorsicht zu mahnen.“

Dankbare Zuhörer

„Erinnerung im Wohnzimmer“ wird, besonders von jungen Leuten, gut angenommen. „Meine Großeltern stammen aus dem Jemen und dem Irak. Bei uns zu Hause hat das Thema Holocaust keine Rolle gespielt“, erzählt eine Studentin. Durch die Möglichkeit, zusammen mit Freunden das Zeugnis derer zu hören, die so schlimme Dinge erlebt haben, bekomme sie selbst einen engeren Bezug zu der Thematik. „Wenn jemand so persönlich erzählt und wir die Möglichkeit haben, Fragen zu stellen, ist das anders, als wenn so ein Zeugnis in einer Zeremonie im Rahmen des Armeedienstes oder des Universitätsalltags stattfindet.“

Seit einigen Jahren gibt es auch Gastgeber im Ausland und im Jahr 2016 nahmen schätzungsweise 500.000 Besucher an den Veranstaltungen teil. Genaue Zahlen liegen noch nicht vor.

Der Jom HaScho‘ah

Der Holocaustgedenktag wird in Israel am 27. Tag des jüdischen Kalendermonats Nissan begangen. Das ist eine Woche nach dem siebten Tag des Pessachfestes sowie eine Woche vor dem Jom HaSikaron, dem „Tag des Gedenkens an Israels gefallene Soldaten und Terror-Opfer“. In diesem Jahr fiel das Datum auf den 5. Mai. Das Datum war im April 1951 von der Knesset festgesetzt worden und wird seitdem sowohl von der Regierung als auch von jüdischen Gemeinschaften und Einzelpersonen weltweit wahrgenommen. An diesem Tag gibt es keine öffentlichen Vergnügungen. Kinos, Theater und Clubs sind geschlossen. Seit den frühen 1960er Jahren sorgt eine Sirene morgens um 10 Uhr dafür, dass das öffentliche Leben im ganzen Land zum Stillstand kommt und zwei Schweigeminuten begangen werden. (mh)

Von: mh

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