Christliche Schüler fordern gleichberechtigte Förderung von der israelischen Regierung.
Christliche Schüler fordern gleichberechtigte Förderung von der israelischen Regierung.

Christliche Schulen im Streik

Am 1. September hat in Israel das neue Schuljahr begonnen. Doch die 47 katholischen Schulen des Landes blieben geschlossen. 33.000 Schüler sind betroffen, sie warten auf die Wiederaufnahme des regulären Schulbetriebs.

Etwa 3.000 Demonstranten hatten sich am Sonntagvormittag vor dem Büro von Premierminister Benjamin Netanjahu in Jerusalem versammelt, um gegen die israelische Regierung zu protestieren. Schüler, Lehrer, Eltern, Christen und Muslime forderten, Kürzungen im christlich-arabischen Schulsystem rückgängig zu machen. Auch mehrere Knessetabgeordnete waren bei der Kundgebung zugegen. Aus Solidarität zu den christlichen Schulen blieben am Montag auch alle arabischen Schulen geschlossen und damit landesweit knapp eine halbe Million Schüler dem Unterricht fern. Die Verantwortlichen wollten ein Zeichen setzen und ihre Solidarität mit den christlichen Schulen bekunden.

Der Protest ist nicht neu. Bereits im Mai hatten Christen für ihre Schulen vor dem Bildungsministerium demonstriert und ein erhöhtes Budget gefordert. Pater Abdel Masih al-Fahim, Direktor des Büros für Christliche Schulen, wies darauf hin, dass in den vergangenen zehn Jahren 45 Prozent des Budgets gestrichen wurden. „Solange wir keine Lösung erreicht haben, werden unsere Schulen geschlossen bleiben.“ Im Jahr 2014 wurde ein Gesetz aufgehoben, das die Belastbarkeitsgrenze für Eltern festgelegt hatte.

Die Christen weisen darauf hin, dass die veränderten Gesetze für alle Schulen im halb-staatlichen Sektor Konsequenzen hätten. Doch im Gegensatz zu den arabischen Schulen stehe vielen jüdischen Schulen ein höheres Budget zur Verfügung.

„Wettbewerb mit staatlichen Schulen“

Den Streikenden scheint es noch um mehr zu gehen, als allein um das Budget. Schwester Muna Tutah stammt aus Ramallah und hat sowohl dort als auch in Bethlehem und Jerusalem unterrichtet. Religion ist ihr Hauptfach. Seit etwa einem Jahr lehrt sie in der israelischen Stadt Ramle. Die Ordensschwester ist sichtlich entrüstet: „Es ist nicht fair. Unsere Schüler müssen den israelischen Schülern gleichgestellt werden. Ihre Eltern zahlen doch Steuern und dann müssten sie auch die gleichen Rechte im Land haben. Warum haben Lehrer an unseren Schulen nicht die gleichen Rechte wie die der staatlichen? Warum bekommen sie nicht das gleiche Budget und haben nicht die gleiche Anzahl an Urlaubstagen? Ein Lehrer im staatlichen System hat 34 Urlaubstage, wir haben nur 14. Außerdem haben sie unser Budget in den letzten drei Jahren von 75 auf 29 Prozent gekürzt.“

Schwester Muna hat eine Erklärung für die vermeintliche Ungerechtigkeit: „44 Prozent der gut ausgebildeten Schüler kommen von Privatschulen. Deshalb stehen wir im Wettbewerb mit den staatlichen Schulen. Die Regierung will unsere Schulen verstaatlichen. Dann könnten sie Lehrer und Direktoren nach ihrem Belieben einsetzen. Sie wollen unsere Schulen besetzen, unsere Mission stehlen.“

Auf die Frage, worin die Mission bestehe, schaut sie geheimnisvoll: „Unsere Gemeinden haben eine Mission. Die Schüler sollen die Geschichte ihres Landes kennenlernen. Sie sollen ihr Land lieben lernen, und lernen, sich für ihr Land einzusetzen. Sie sollen wissen, dass man uns unser Land weggenommen hat.“ Schwester Muna hat eine weiche Stimme und fügt auf Arabisch an: „Wir wollen sie auch mit ihrer Sprache vertraut machen.“ Sie selbst spricht kein Hebräisch, sagt aber: „Natürlich wollen wir auch Hebräisch lehren, aber nicht schon in der Grundschule. Wenn die Kinder zu uns in die Schulen kommen, können sie oft kein Arabisch. Sie haben keine Identität.“

Weiter sagt die Ordensschwester: „Außerdem geht es um Ethik. Wie gehen wir mit anderen Menschen um? Die meisten unserer Schulen haben christliche, muslimische, drusische und jüdische Schüler. Es gibt dort keine Diskriminierung. Wir wollen den Schülern vermitteln, dass Gott sie liebt, unabhängig von Religion oder Nationalität.“

Keine Erklärung des Bildungsministeriums

Früher, in Ramallah, Bethlehem und Jerusalem, war es Schwester Munas Aufgabe, über das Miteinander zwischen den Religionen aufzuklären. Konkret zwischen Christentum und Islam. „Es gab dort keine Juden und deshalb muss dort auch nicht über den Umgang mit Juden gesprochen werden.“

Die Lehrerin ergänzt: „In Ramle hatten wir einen Austausch mit jüdischen Schulen, aber sie haben den Austausch gestoppt, weil sie Angst haben, dass die Juden arabisiert werden.“ Ob mit „sie“ die israelische Regierung oder die Schulleiter gemeint sind, erklärt Schwester Muna nicht. Bei allem Frust ist sie zuversichtlich: „Ich hoffe, dass wir diese Woche wieder mit der Schule beginnen können. Ich hoffe, dass (Bildungsminister Naftali) Bennett uns unser Budget gibt. Dann können wir wieder ankommen. Wir haben bereits letztes Jahr demonstriert, sie haben gesagt, sie würden uns unterstützen, aber bis heute ist nichts passiert.“

Warum die semi-privaten Schulen in Israel ungleich behandelt werden, ist unklar. Das Bildungsministerium war für eine Klärung nicht zu erreichen. (mh)

Von: mh

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