Der australische Botschafter besucht die Hochschule für ultra-orthodoxe Studierende.
Der australische Botschafter besucht die Hochschule für ultra-orthodoxe Studierende.
Ultra-orthodoxe Frauen werden getrennt von den männlichen Kommilitonen unterrichtet.
Ultra-orthodoxe Frauen werden getrennt von den männlichen Kommilitonen unterrichtet.

Ultra-orthodoxe Frauen in Hightech-Firmen gefragt

Wegen ihrer Arbeitsethik sind strenggläubige Frauen in Hightech-Unternehmen als Mitarbeiter begehrt. Oft bleiben sie jedoch unterbezahlt, da sie nicht für sich einstehen.

Ram Jonisch schwärmt für die ultra-orthodoxen Frauen. Der technische Leiter der Softwarefirma „Matrix“ gesteht seine Schwäche auf der Homepage des Unternehmens: Sie sind fleißig, ehrlich und kollegial. Sie bringen sich auch mal außerhalb der Arbeitszeiten für das Unternehmen ein. Anders als viele andere Mitarbeiter bleiben sie dem Unternehmen treu. Außerdem führen sie nie private Telefongespräche am Arbeitsplatz. Und wenn sie es doch einmal tun, kommt es vor, dass sie einen kleinen Geldbetrag zurückgeben – für die verschwendete Arbeitszeit.

Dass Haredi-Frauen vermehrt in Hightech-Firmen arbeiten, ist an sich nicht neu. Doch auf den ersten Blick passt das nicht zu ihnen. Sie leben in einem konservativen Umfeld mit strengen Regeln, die sich auch auf die Technik beziehen: Technische Errungenschaften sind nur eingeschränkt erlaubt, viele Internetseiten dürfen nicht aufgerufen werden. Dennoch hat „Matrix“ es gewagt und 2004 zwei Entwicklungszentren eingerichtet, die den religiösen Anforderungen entgegenkommen.

Heute arbeiten dort 700 Ultra-Orthodoxe, bei einer Gesamtbelegschaft von 7.000. Wenn es nach Jonisch geht, stellt „Matrix“ in Zukunft noch mehr Strengreligiöse ein. Auch die Frauen sind froh über den Arbeitsplatz. Ihre Männer sind tagtäglich mit dem Studium der Torah beschäftigt. Daher sind sie meist diejenigen, die für den Unterhalt und die Kinder sorgen müssen. Aus diesem Grund nehmen sie ihre Arbeit auch sehr ernst, erklärt Jonisch.

Wenig Lohn, kein Klagen

Einen weiteren Vorzug der Ultra-Orthodoxen sehen viele zugleich als Problem: Es handelt sich um billige Arbeitskräfte. Die Mehrheit der streng-religiösen Frauen verdient laut Statistikamt 25 Prozent weniger als ihre säkularen Kolleginnen und ein Drittel dessen, was ihre männlichen Kollegen erhalten. Wegen der geringen Kosten bleiben die Arbeitsplätze zwar im Land, die ultra-orthodoxe Gemeinschaft bleibt jedoch arm. Und die Frauen denken nicht einmal daran, sich deswegen zu beschweren.

Nadav Mansdorf ärgert diese Situation allerdings. Der Geschäftsführer des von religiösen Juden gegründeten Computerunternehmens „3Base“ setzt sich für die Frauen ein. Er hat bislang Dutzende von ihnen eingestellt mit der Vorgabe, ihnen einen fairen Lohn zu zahlen. Dabei schaue „3Base“ bei der Einstellung nicht mal unbedingt auf die Noten der Bewerberinnen, sagt Mansdorf. Wichtiger sei, wie ambitioniert und neugierig die Frauen sind. Dennoch fragt er sich, warum sich die Frauen in anderen Anstellungen nicht beschweren. Seine Vermutung: Die Frauen haben Angst davor, von den Glaubensgeschwistern als Karrierefrauen abgestempelt zu werden, die den Beruf vor ihre Familie stellen.

Bildung für neues Denken

Dieser Denkweise entgegentretend, haben sich bereits verschiedene Organisationen und Initiativen formiert. Denn, auch wenn die Frauen in vielen Fällen Hauptverdiener der Familien sind und somit einen großen Teil der ultra-orthodoxen Gemeinschaft mittragen, wird ihre Bildung doch kontrovers diskutiert. Nicht alle Berufe sind gleichermaßen akzeptiert.

Der Vize-Präsident und Dekan für akademische Angelegenheiten am Jerusalemer „Hadassah Academic College“, Zachi Milgrom, erklärte gegenüber „Israelnetz“: „Für eine vollständige Integration der Haredim in die Gesellschaft, den israelischen Arbeitsmarkt und auch deren wirtschaftliche Besserstellung, bedarf es eines guten akademischen Abschlusses, sowie anschließender Einarbeitung und Fortbildung direkt am Arbeitsplatz.“ Der israelische Rat für Höhere Bildung habe das 2012 erkannt und speziell konzipierte Programme für Haredim von den Universitäten und Hochschulen des Landes gefordert. Das sei der Grundstein für den Strauss Campus in Jerusalem gewesen, eine Hochschule für Streng-Gläubige. Das Gute an diesem Campus sei, dass das Management selbst ultra-orthodox und entsprechend mit der Kultur sozialisiert sei. Milgrom ist hier verantwortlich für die Studienprogramme.

Es entstanden zwei separate Hochschulkomplexe – ein Campus für die Männer, einer für die Frauen. Das Studienprogramm bietet sechs grundständige Studiengänge, darunter Biotechnologie, Computerwissenschaften und Praktische Augenheilkunde. Ein Vorbereitungsjahr ist für alle Studierenden Pflicht. Allerdings reiche für die Frauen eine Vorbereitsungszeit von viereinhalb Monaten, da sie bereits Schulunterricht hatten. Die Männer hingegen müssen das ganze Jahr absolvieren. Ausschlaggebendes Kriterium für die Auswahl des Studienangebotes sei eine möglichst hohe Jobgarantie im Anschluss. Die Zahlen seien stetig gestiegen. Waren es zu Beginn, 2012, nur fast 270 Studierende, starten kommendes Wintersemester 600 Interessierte. Im Jahr 2017 erwartet Milgrom bis zu 1.000 Bewerber. Es gebe viele Rabbiner, die um die Wichtigkeit der Weiterentwicklung und Weiterbildung wissen und bereits für dieses Programm werben – persönlich, nicht öffentlich. Andere sprechen sich strikt gegen „höhere Bildung“ aus. „Da gibt es viele Kontroversen. Das ist kein einfaches Thema“, bemerkt der Dekan. Beide Seiten müssten sich auf die Veränderungen einlassen, auch um das Wirtschaftswachstum Israels zu fördern. Die haredische Gemeinschaft solle sich öffnen und säkulare Arbeitgeber sollten sich informieren. “Die haredischen Absolventen sollen zur Durchmischung und Diversifizierung beitragen. Es braucht Erfolgsgeschichten, damit weitere junge, gebildete Haredim folgen.“

Seminare, die Mut machen

Worauf sollten sich nun die Arbeitgeber einstellen? Dies ist eine Problematik, der sich die Hilfsorganisation „American Jewish Joint Distribution Committee“ (JDC) stellt. JDC wurde bereits 1914 gegründet und steht Juden in mehr als 70 Ländern in Krisensituationen zur Seite. „Die Juden sind füreinander verantwortlich“, schreibt die Organisation auf ihrer Homepage. JDC untergeordnet ist das sogenannte „Chen-Programm“, das von Rivky Hercenberg geleitet wird. Sie ist zuständig für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen haredischer Frauen und ist Mitbegründerin der gemeinnützigen, israelischen Organisation „Temech“. Sowohl das Chen-Programm, als auch „Temech“ bieten vielfältige Seminare für Frauen an, die sich rund um das Thema Beruf weiterbilden wollen. Sie möchten den Frauen zu einer erfolgreichen Karriere verhelfen und sie befähigen, die richtigen, beruflichen Entscheidungen zu treffen. Nach den Angaben der Veranstalter des Chen-Programmes finden 85 Prozent der Teilnehmerinnen anschließend einen lukrativen Job, eine Stelle, die zu ihrem Lebensstil passe.

Gegenüber „Israelnetz“ sagte Hercenberg, dass das Programm an verschiedenen Fronten arbeite. Ihr Team versuche, frühzeitig anzusetzen. So stünden sie schon mit den Schulen in Kontakt und berieten die Schülerinnen noch vor dem Abschluss. Gemeinsam analysierten sie, welche Fachrichtung zu den Persönlichkeiten passe. Da eine enge Vernetzung mit verschiedenen Arbeitgebern bestehe, könne auch hier derjenige mit den größten Vorzügen gesucht werden, beispielsweise mit einem flexiblen Arbeitszeitmodell.

Die Arbeitgeber wiederum erfahren Beratung im Umgang mit den ultra-orthodoxen Frauen. Hauptbedingung sei ein von den männlichen Kollegen abgetrennter Raum. Zusätzlich brauche es „koschere Mobiltelefone“, ohne SMS-Funktion oder Internetzugang. Die Computer und Laptops benötigten einen speziellen Internetfilter. Zudem müssten Rabbiner die Frauen in weiteren Erfordernissen instruieren. Die jüdischen Feiertage seien auch zu beachten. Hercenberg wisse aus Erfahrung, dass sich der Aufwand lohnt. Die Arbeitgeber seien bisher mehr als zufrieden. „Sie sehen schnell, dass sie im Gegenzug verlässliche, hochqualifizierte und ehrliche Arbeitnehmerinnen beschäftigen können. Bei ihnen gibt es eine geringe Fluktuationsrate und kaum Fehltage.“ Das Programm funktioniere, dennoch sei noch viel zu tun – auf beiden Seiten.

„Ich glaube, diese neue Generation hat verstanden, dass Frauen definitiv ultra-orthodox sein können, und zugleich selbstsicher, wenn es um ihre Fähigkeiten und ihren Selbstwert geht“, sagte Rivka Jeruslavek, die die Frauenabteilung des Strauss Campus leitet, der Online-Zeitung „Times of Israel“. (dhk)

Von: Dominique Hähnel-Kästner

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