Eine belebte Stadt voller junger Leute – so sieht Präsident Rivlin Jerusalem.
Eine belebte Stadt voller junger Leute – so sieht Präsident Rivlin Jerusalem.

Rivlin: „Jerusalem ist uns anvertraut“

Zehntausende Israelis haben am Sonntag ihrer Freude über die Einheit der Stadt Jerusalem Ausdruck verliehen. Doch in der Altstadt gab es auch vereinzelt gewaltsame Zusammenstößen zwischen Juden und Arabern.

Der „Jerusalem-Tag“ (Jom Jeruschalajim) erinnert an die Wiedervereinigung der Stadt vor nunmehr 48 Jahren. Während des Sechstagekrieges im Juni 1967 hatten israelische Soldaten die Altstadt von den Jordaniern erobert – erstmals seit 1948 hatten Juden damit Zutritt zur abschließenden Westmauer des ehemaligen Tempelgeländes, die als Klagemauer bekannt ist.

Israels Staatspräsident Reuven Rivlin sagte am Sonntag bei einer Gedenkzeremonie auf dem Munitionshügel: „Wir haben jetzt das Glück, das Wachstum und die Wohlfahrt Jerusalems zu sehen – einer Hauptstadt mit belebten Straßen voller junger Männer und Frauen, Jungen und Mädchen. Einer Hauptstadt mit einer dynamischen und entwickelten Zivilgesellschaft, Seminaren, die sich an die Ultra-Orthodoxen, die Säkularen und die Traditionellen richten, und einem einzigartigen Kunstgewerbe.“

Laut einer Mitteilung des Außenministeriums sprach sich Rivlin für ein vereinigtes Jerusalem ohne Unterschiede aus: „In meinem vereinigten Jerusalem gibt es Westen und Osten, und es gibt keine Söhne zweiter Klasse, es gibt keine Jerusalemer zweiter Klasse. Wir treten, was recht und billig ist, ohne Zögern der Kritik an unserem Recht entgegen, in einem vereinigten Jerusalem souverän zu sein. Ich befürchte, dass wir selbst noch nicht offen betrachtet haben, was unsere Souveränität in der Stadt bedeutet. Wenn wir heute die riesigen Unterschiede zwischen dem östlichen und dem westlichen Teil der Stadt betrachten, müssen wir uns ehrlich sagen – wir haben die physische Vereinigung der Stadt vollendet, aber die Aufgabe der Vereinigung der sozialen und wirtschaftlichen Aspekte der Stadt hat noch kaum begonnen.“

Das Staatsoberhaupt bezeichnete die „Wiedervereinigung Jerusalems in der Praxis“ als Aufgabe aller Freunde der Stadt. Dafür sei es nötig, die Kluft zwischen dem östlichen und dem westlichen Teil zu verringern. „Nur so können wir um Frieden für Jerusalem bitten. Jerusalem ist uns anvertraut. Wir müssen die schwere Verantwortung für den Frieden der Bewohner der Stadt hier tragen, und für den Frieden derjenigen, die in aller Welt an die Stadt glauben.“

Premierminister Benjamin Netanjahu warnte bei der staatlichen Gedenkveranstaltung erneut vor einem Abkommen, das es dem Iran ermöglichen würde, Atomwaffen herzustellen. „Islamischer Fanatismus bedroht Jerusalem, den Nahen Osten und die gesamte Welt: Sunnitischer Fanatismus, wie der des Islamischen Staates, und derjenige der schiitischen Extremisten, die von den Ajatollahs in Teheran angeführt werden“, sagte der Likud-Chef. „Extremistische Sunniten und Schiiten bekämpfen einander, aber sie haben einen gemeinsamen Feind – den Westen und die Kultur von Freiheit und Fortschritt, die er repräsentiert.“

Gegen Rassismus: Blumen für Araber

In der Jerusalemer Altstadt beteiligten sich zahlreiche Israelis am traditionellen Marsch zur Klagemauer. Zuvor hatte das Oberste Gericht einen Antrag abgelehnt, das Marschieren durch das muslimische Viertel wegen des Gewaltpotentials zu untersagen. Um die Gefahr einzudämmen, waren etwa 2.000 Polizisten im Einsatz.

Doch im muslimischen Viertel kam es am Sonntag erneut zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen israelischen und palästinensischen Jugendlichen. Einem Bericht der Onlinezeitung „Times of Israel“ skandierten jüdische Jugendliche nationalistische Slogans und warfen Pappkartons auf Palästinenser. Arabische Teenager wiederum warfen Steine auf Marschierende und Polizisten. Ein Soldat und zwei Polizisten sowie mindestens zwei Palästinenser wurden verletzt. Die Polizei nahm drei palästinensische Demonstranten fest.

Einzelne Teilnehmer des Marsches gerieten auch mit Vertretern der Gruppe „Tag Meir“ aneinander, die Zeichen gegen Rassismus setzen möchte. Sie hatte sich an dem Antrag beim Gericht beteiligt. Nach eigenen Angaben wollten sie gegen den „Marsch des Hasses“ demonstrieren. Die Veranstaltung sei zum „Fokus für extremistische Gruppen“ geworden. „Rassistische Verunglimpfungen und Beleidigungen, die Zerstörung von Eigentum und physische Gewalt gegen palästinensische Bewohner der Stadt“ seien zur Routine geworden. „Dieses Jahr sagen wir ein lautes und klares ‚Nein zur Gewalt, zum Hass und zur Hetze‘, die das tägliche Leben in Jerusalem bedrohen.“

Als Gegenpol zur Gewaltbereitschaft einiger Jugendlicher verteilten „Tag Meir“-Anhänger Blumen an Araber im muslimischen Viertel und in Ostjerusalem. „Arabische Bewohner der Altstadt haben in den vergangenen Jahren während dieses jährlichen Marsches unter einem offenen Hass und scharfem Rassismus gelitten“, zitiert die Tageszeitung „Jerusalem Post“ den Vorsitzenden der Organisation, Gadi Gvarjahu. „Wir haben Blumen verteilt, um das schöne Angesicht des Judentums zu zeigen.“

Auf dem Platz vor der Klagemauer sangen und tanzten indes Zehntausende Juden, um ihre Freude über die Wiedervereinigung zu bekunden. Unter ihnen waren auch der neue Landwirtschaftsminister Uri Ariel (HaBeit HaJehudi) sowie die ehemaligen Innenminister Gilad Erdan und Gideon Sa’ar (beide Likud). (eh)

Von: eh

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