Rivlin sprach auch bei der Eröffnung einer Ausstellung zur Scho'ah in New York.
Rivlin sprach auch bei der Eröffnung einer Ausstellung zur Scho'ah in New York.
UN-Generalsekretär Ban erinnerte an seinen Besuch in Auschwitz.
UN-Generalsekretär Ban erinnerte an seinen Besuch in Auschwitz.

Zu viele Tränen – zu wenig Handeln?

NEW YORK (inn) – Die internationale Gemeinschaft muss den Begriff „Völkermord“ genau definieren. Das hat Israels Staatspräsident Reuven Rivlin am Mittwoch vor der UN-Generalversammlung gefordert. Anlass war der Internationale Holocaustgedenktag.

Ursprünglich war die Sondersitzung der Vereinten Nationen zum Gedenken an die Vernichtung der europäischen Juden für Dienstag angesetzt. Doch am 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz legte ein Schneesturm den Verkehr in New York lahm, so dass die Veranstaltung um einen Tag verschoben wurde. Der israelische Staatspräsident Rivlin sprach auf Einladung von UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon vor den Vertretern der internationalen Gemeinschaft.

Der Holocaust sei das „entsetzlichste Verbrechen, das in der Menschheitsgeschichte je begangen wurde“, sagte Rivlin in seiner Ansprache gemäß einer UN-Mitteilung. Das Staatsoberhaupt erinnerte daran, dass die Vereinten Nationen auf den Ruinen des Zweiten Weltkrieges entstanden seien. Der internationale Gedenktag sei nicht nur eine Geste, denn das Versprechen „Nie wieder“ mache „das Wesen der UNO“ aus.

Doch seit der Gründung seien weitere Nationen und Gemeinschaften abgeschlachtet worden, gab Rivlin zu bedenken. Er nannte Kriege in Bosnien, Afghanistan, Syrien und Nigeria. „Wir müssen uns ehrlich fragen: Ist unser Kampf – der Kampf der Generalversammlung gegen den Genozid – effektiv genug? Vergießen wir zu viele Tränen und handeln zu wenig?“

Die Konvention zum Völkermord sei 64 Jahre alt, bleibe aber ein lediglich „symbolisches Dokument“, das seine Ziele nicht umgesetzt habe. Die internationale Gemeinschaft müsse die roten Linien festlegen, die einen Völkermord definieren, forderte der israelische Präsident. Und dann müsse sie klar machen, dass das Überschreiten dieser Linien eine Intervention bedeute. „Nationen können und dürfen nicht erst im Nachhinein oder aus Kosten-Nutzen-Erwägungen gerettet werden. Wenn nicht das moralische Feuer in uns brennt, werden die Lektionen des Holocaust niemals gelernt werden.“

Einem Bericht der Onlinezeitung „Times of Israel“ ging Rivlin auch auf den Islam ein: „Weder der Westen, noch die Christen noch die Juden befinden sich im Krieg gegen den Islam.“ Gerade jetzt beinhalte der Islam Opfer von Verfolgung und Terror, während er gleichzeitig auch als das Banner der Angreifer diene. Sein eigener Vater Josef Joel habe die erste hebräische Koran-Übersetzung verfasst. Er habe „an die Bedeutung des Dialoges und die kulturelle Bedeutung des Koran für alle Kinder Abrahams“geglaubt. Ferner nannte der Staatspräsident den Genozid an Armeniern in der Türkei vor 100 Jahren. Vor seiner Amtsübernahme hatte er sich dafür eingesetzt, dass Israel diesen Völkermord offiziell anerkennt.

Ban: „Juden werden weiter getötet, weil sie Juden sind“

Generalsekretär Ban sagte in seiner Eröffnungsrede, die internationale Gemeinschaft habe noch kein Gegenmittel gegen das Gift gefunden, das zu dem Genozid vor 70 Jahren führte. Er ging auf seinen Besuch im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz im November 2013 ein: „Ich sah die vollständige Mordmaschinerie: den Bahnsteig, wo die schändlichen Selektionen durchgeführt wurden; die Baracken, in denen Juden, Roma, Sinti, nichtjüdische Polen, sowjetische Kriegsgefangene, Dissidenten, behinderte Menschen und Homosexuelle zusammengepfercht waren; und schließlich die Öfen, in denen Menschen in Asche verwandelt wurden.“

Die Bilder ausgemergelter Überlebender der Lager und der Leichenberge seien in den Köpfen derjenigen präsent gewesen, die sich versammelt hätten, um die Vereinten Nationen zu gründen. Die Verpflichtung, die Menschenwürde hochzuhalten, sei in der Charta festgeschrieben worden, hob der Generalsekretär hervor. Seitdem habe sie die Arbeit der UNO bestimmt. Aber noch sei ein langer Weg zu gehen. Der Kampf um Gerechtigkeit und Toleranz stelle die Menschheit vor vielfältige Herausforderungen.

„Antisemitismus erinnert an eine brutale Wirklichkeit; Juden werden weiter getötet, nur, weil sie Juden sind“, fügte Ban hinzu. „Extremismus und Entmenschlichung sind rund um die Welt gegenwärtig, ausgebeutet durch soziale Medien und begünstigt durch eine sensationsgierige Berichterstattung. Die Ziele sind so unterschiedlich wie die Menschheit selbst.“ Er forderte alle zur Wachsamkeit auf.

Das Gedenken stand in diesem Jahr unter dem Titel: „Freiheit, Leben und das Erbe der Holocaust-Überlebenden“. Zu diesem Anlass wurde am UNO-Hauptsitz in Rivlins Beisein eine Ausstellung der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem eröffnet: „Scho‘ah – wie war es menschlich möglich?“

Von: eh

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