Die jüngere Generation in Deutschland hat eine ablehnende Haltung gegenüber der israelischen Regierung.
Die jüngere Generation in Deutschland hat eine ablehnende Haltung gegenüber der israelischen Regierung.

Studie: Deutsche blicken skeptisch auf Israel

GÜTERSLOH (inn) – Dieses Jahr feiern Deutschland und Israel das 50-jährige Jubiläum ihrer diplomatischen Beziehungen. Allerdings sehen Deutsche Israel deutlich kritischer als umgekehrt. Bei der jüngeren Generation in beiden Ländern gibt es einen Trend zur Entfremdung.

50 Jahre nach Aufnahme der diplomatischen Beziehungen haben 36 Prozent der Deutschen eine gute Meinung, 48 Prozent hingegen haben eine schlechte Meinung über Israel. Unter den 18- bis 29-Jährigen sind es sogar 54 Prozent. Deutlich ablehnend ist die Haltung zur israelischen Regierung. 62 Prozent der Deutschen bewerten sie negativ. Damit ist die Haltung der Deutschen zu Israel ablehnender als die Haltung jüdischer Israelis gegenüber Deutschland. Das sind Ergebnisse der Studie der Bertelsmann Stiftung „Deutschland und Israel heute: Verbindende Vergangenheit, trennende Gegenwart?“.

Der Studie zufolge bestimmt die Wahrnehmung des israelisch-palästinensischen Konflikts zunehmend das Israel-Bild der Deutschen. Zwar meinen Israelis (74 Prozent) und Deutsche (61 Prozent) mehrheitlich, dass sich aus der Geschichte eine besondere Verantwortung Deutschlands ergibt. Auseinander gehen jedoch die Erwartungen, wie die deutsche Politik diese Verantwortung wahrnehmen soll. So erhoffen sich 84 Prozent der Israelis von der Bundesregierung eine politische Unterstützung ihrer Position im Nahostkonflikt. Jeder zweite Deutsche lehnt dies allerdings ab. 82 Prozent der Israelis wünschen sich deutsche Waffenlieferungen an ihr Land. 68 Prozent der befragten Deutschen sind dagegen.

Israels Regierung nicht allein verantwortlich für Lösung des Nahostkonflikts

Gründe für die unterschiedlichen Erwartungen sieht Stephan Vopel, Israel-Experte der Bertelsmann Stiftung, vor allem in den jeweils unterschiedlichen Sicherheitslagen, aber auch in den politischen Kulturen beider Länder. Israelis und Deutsche haben laut Vopel aus der Geschichte unterschiedliche Schlüsse gezogen: „Für die Deutschen gilt die Maxime ‚nie wieder Krieg‘, für die Israelis heißt es ‚nie wieder Opfer‘.“

Allerdings sehen die Deutschen die israelische Regierung nicht mehr so stark in der alleinigen Verantwortung, zur Lösung des Nahostkonfliktes beizutragen. Zu Beginn der 1990er Jahre hatte noch jeder vierte Bundesbürger gefordert, nur die Israelis müssten im Konflikt mit den Palästinensern nachgeben. Heute sagt das nur noch jeder sechste. 73 Prozent der Deutschen glauben, Israelis und Palästinenser müssten gleichermaßen aufeinander zugehen, um Frieden zu schließen. Das glaubt auch eine Mehrheit der israelischen Befragten (53 Prozent).

Mehrheit der Deutschen fordert Schlussstrich unter Vergangenheit

Für den Israel-Experten der Bertelsmann Stiftung sind diese Ergebnisse der Studie Warnsignal und Mutmacher zugleich: „In den vergangenen 50 Jahren wurde viel für das deutsch-israelische Verhältnis erreicht. Das gilt es zu bewahren und auszubauen. Wir müssen mehr Gelegenheiten schaffen für direkte Begegnungen zwischen den Jugendlichen beider Länder“, sagte Vopel.

Auch die Arbeit der Bundesregierung wird von der Mehrheit der Israelis positiv gesehen. 63 Prozent der Israelis bewerten sie anerkennend, nur 18 Prozent sehen sie negativ. Dennoch bleibt das deutsch-israelische Verhältnis durch den Holocaust beeinträchtigt. 77 Prozent der Israelis bestätigen eine entsprechende Frage. Drei Viertel der Israelis lehnen es zudem ab, einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen, nur jeder Fünfte bejaht diese Forderung. In Deutschland fordern 58 Prozent der Befragten, einen Schlussstrich zu ziehen, 38 Prozent lehnen dies ab.

Bei den jungen Deutschen (18 bis 29 Jahre) sind 79 Prozent verärgert darüber, dass Verbrechen an Juden noch vorgehalten werden, bei den über 60-Jährigen sind es 58 Prozent der Befragten.

Je niedriger der Bildungsstand, desto größer die Vorurteile

Die Studie untersucht anhand einzelner Fragen auch Aspekte antisemitischer Einstellungen, ohne den Anspruch zu erheben, das komplexe Phänomen Antisemitismus vollständig zu erfassen. Die Ergebnisse fallen aufgrund einzelner Indikatoren tendenziell höher aus als in vergleichbaren Studien zum Antisemitismus. Dennoch lässt die Studie den Schluss zu, dass klassische antisemitische Einstellungen schwächer werden. 23 Prozent der Deutschen meinen, Juden hätten auf der Welt zu viel Einfluss. Zu Beginn der 1990er Jahre sagten das noch 36 Prozent. Anlass zur Sorge bereiten auch Äußerungen eines israelbezogenen Antisemitismus. 34 Prozent der Bundesbürger setzen die israelische Politik gegenüber den Palästinensern mit dem Nationalsozialismus gleich. 2007 taten dies 30 Prozent. Für beide Befunde gilt: Je niedriger der Bildungsstand, desto größer die Vorurteile.

Die Studie „Deutschland und Israel heute: Verbindende Vergangenheit, trennende Gegenwart?“ beruht auf repräsentativen demoskopischen Befragungen von TNS Emnid in Deutschland und TNS Teleseker unter jüdischen Israelis in Israel, die im Januar 2013 im Auftrag der Bertelsmann Stiftung durchgeführt wurden. In diesem Rahmen wurden jeweils 1.000 Personen über 18 Jahre in Deutschland und in Israel befragt. Um zu prüfen, ob sich seit der ursprünglichen Erhebung der Daten – insbesondere in Folge des Gaza-Kriegs im Sommer 2014 – in der Meinung der deutschen Bevölkerung wesentliche Veränderungen ergeben haben, wurden sieben der Fragen im Oktober 2014 in Deutschland erneut erhoben. Die Ergebnisse zeigen, dass die Einstellungen im Wesentlichen relativ stabil sind.

Von: ms

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