Das ist den WDR-Mitarbeitern offenbar entgangen: Der Palast des Munib al-Masri
Das ist den WDR-Mitarbeitern offenbar entgangen: Der Palast des Munib al-Masri

Kommentar: Goldrausch beim WDR

RAMALLAH (inn) – Ein halbes Jahr lang war ein WDR-Team mit vier Palästinensern im Westjordanland unterwegs. Entstanden ist eine Dokumentation, die Fragen aufwirft.

„Die WELTWEIT-Reporter Michaela Heine und Ghislain Barallon des WDR haben vier mutige Menschen aus Palästina ein halbes Jahr lang durch ihr erstaunliches Leben begleitet.“ So steht es in der Ankündigung einer halbstündigen Dokumentation, die am 21. Januar ausgestrahlt worden ist und immer noch im Internet abgerufen werden kann, unter: www.wdr.de/tv/weltweit/sendungsbeitraege/2014/0121/index.jsp.

Mit ein wenig Drumherum werden vier erfolgreiche palästinensische Geschäftsleute interviewt. Gezeigt wird ein jammernder und kettenrauchender Taxifahrer, der angeblich nur den Gegenwert von zwei Schachteln Zigaretten pro Tag verdient, 10 Euro, und nun einen Kredit benötigt, um ein eigenes Taxi zu kaufen. Diesen Muhammad filmte das Team während der Fahrten durch das in „Palästina“ umgetaufte Westjordanland.

Fernsehtechnisch unproblematisch waren die Aufnahmen in Rawabi, wo der palästinensische Multimillionär Baschar el-Masri eine riesige Stadt für den wohlhabenden palästinensischen Mittelstand aus dem Boden stampft. Zur Erholung besuchen die WDR-Reporter einen feinen und sehr teuren Nachtclub in Ramallah, wo die Flasche Champagner hundert Dollar kostet. Eine christliche Geschäftsfrau führt den Club mit New Yorker Flair und entsprechenden Preisen. Zuletzt wird noch ein Großunternehmer in Szene gesetzt, der „organisches“ Olivenöl presst und in alle Welt exportiert.

Die Mühsal der Bauern

Zwischendurch wurden arme palästinensische Bauern gefilmt, die wie in biblischer Zeit auf die knorrigen Olivenbäume einprügeln, während Frauen auf den Boden gefallene Oliven per Hand einsammeln. Natürlich gibt es heute moderne Erntemaschinen, die schonend mit den Bäumen umgehen. Aber die können sich diese Palästinenser nicht leisten, obgleich der Großunternehmer ihnen selbstverständlich „faire Preise“ zahlt.

Insgesamt also ein netter und positiver Film über die heutige „palästinensische Gesellschaft im Aufbau“. Gelegentlich fließen die üblichen Klischees israelischer Besatzung und Unterdrückung natürlich doch ein. Das fördert die Dramatik und erklärt, wieso diese Multimillionäre ein „Risiko“ eingehen, wenn sie unter der Besatzung großes Geld scheffeln, und das nicht erst seit gestern.

Klischees wurden tatsächlich ausgeblendet. Zum Beispiel in Rawabi, wo der Stadterbauer El-Masri mit keinen peinlichen Fragen konfrontiert wird. Die deutschen Reporter fragen ihn natürlich nicht, ob auch Juden oder Israelis bei ihm eine Wohnung erwerben könnten, ob er auch an sozialen Wohnbau für die Flüchtlinge im nächstgelegenen Flüchtlingslager denkt und warum ihm die Regierung in Ramallah Steine in den Weg legt.

Kein Hinweis auf Millionäre in Gaza

Um die Klischees rund um diese vier „mutigen“ Palästinenser nicht zu zerstören, bleibt unerwähnt, dass es allein im Gazastreifen mindestens 600 Millionäre gibt, trotz israelischer Blockade, trotz „humanitärer Krise“ unter der Gewaltherrschaft der Hamas und Kriegsgeschehen. Der „Economist“ zitierte einmal den „wütenden“ Präsidenten Mahmud Abbas mit den Worten: „800 Millionäre und 1.600 Fast-Millionäre kontrollieren die Schmugglertunnel auf Kosten der ägyptischen und palästinensischen nationalen Interessen.“

Im Westjordanland gibt es weit mehr Millionäre und sogar Multi-Milliardäre wie Munib el-Masri. In seinem Palast auf dem Berg Garizim bei Nablus mitsamt riesigem Wasserpool pflegt er eine Kunstsammlung mit erlesenen Originalwerken der berühmtesten Meister der italienischen Renaissance.

Ein einfacher Schwenk mit der Kamera hätte zeigen können, dass nicht nur in Ramallah eine vornehme Villa mit römischen Säulen und roten Ziegeldächern neben dem anderen Prunkpalast steht.

WDR „entdeckt“ Offenkundiges

Interviews mit vier Personen, bei der Arbeit und noch in deren Heim neben dem privaten Swimmingpool, wobei der Taxifahrer während der Fahrten gedreht wird, lassen sich leicht in einer Woche schaffen, die vorausgehenden Recherchen mit eingerechnet.

Da fragt sich, ob beim WDR der Goldrausch ausgebrochen ist, wenn der gleich zwei Reporter mitsamt Kamerateam ein halbes Jahr lang, also volle sechs Monate, auf die Reise schickt, um etwas zu „entdecken“, was jeder sehen und mit den Händen greifen kann, der einmal mit offenen Augen durch Ramallah fährt. Unverständlich ist auch, wieso die zahlreichen fest-angestellten Reporter und ständigen Kamerateams des ARD-Büros in Tel Aviv diesen Film nicht selber machen konnten. Rawabi liegt in Sichtweite von Tel Aviv und bis nach Ramallah, zum Nachtclub der Christin, sind es nur noch weitere 20 Minuten Fahrt. Der jammernde Taxifahrer hätte sich mindestens vier Schachteln Zigaretten verdienen können.

Von: Ulrich W. Sahm

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