Lebenspendendes Wasser: Das Naturschutzgebiet Banias im Nordosten Israels
Lebenspendendes Wasser: Das Naturschutzgebiet Banias im Nordosten Israels

Wasser ist Leben

„Wasser ist für den Erdboden, was das Blut für den menschlichen Körper ist: Leben“, meinte einst Levi Eschkol, Gründer und erster Direktor der israelischen Wassergesellschaft „Mekorot“. Der sonnenverwöhnte Nahe Osten lechzt chronisch nach Wasser. Wenn es in Israel regnet, ist das Wetter schön.

Drei Viertel aller Niederschläge fallen von Dezember bis Februar. In Obergaliläa und auf den Golanhöhen fallen an 60 bis 70 Regentagen 800 bis 900 Millimeter im Jahr, in Zentralisrael an 40 bis 60 Tagen 500 bis 600 Millimeter und in Eilat an der Südspitze des Landes sind es nur noch 25 Millimeter. Grundsätzlich gilt: Zwei Drittel der Fläche Israels sind Wüste mit weniger als 250 Millimeter Regen pro Jahr. Zwei Drittel aller Niederschläge fallen auf ein Drittel des Landes.

Hydrologen unterteilen das Land in natürliche Vorratsbecken, wobei das Becken um den See Genezareth etwa 25 Prozent, das westgaliläische Becken 7 Prozent, das Karmel-Becken um Haifa 2 Prozent, das Becken unter dem westlichen Zentralgebirge 20 Prozent, das Becken der Küstenebene 20 Prozent und das riesige Negev-Becken im Süden des Landes 5 Prozent des Wasserbedarfs decken.Sieben Milliarden Kubikmeter Wasser fallen jährlich auf Israel. 70 Prozent davon kehren direkt in die Atmosphäre zurück, etwa durch Verdunstung, 5 Prozent fließen durch die Täler ab und 25 Prozent versickern. Nur zwei Milliarden Kubikmeter gelangen in die Wasserreservoirs.Das rapide Bevölkerungswachstum, der steigende Lebensstandard und sieben Trockenjahre bringen große Herausforderungen mit sich. Klar ist: Natürliche Wasserquellen können die Versorgung der Region nicht sicherstellen. Deshalb treibt die Regierung Projekte zu Meerwasserentsalzung und Abwasseraufbereitung massiv voran.

Im laufenden Jahr benötigt der Staat Israel 800 Millionen Kubikmeter Wasser. Etwa 300 Millionen Kubikmeter werden durch drei große Entsalzungsanlagen aus Meerwasser gewonnen. Laut Regierungsbeschluss sollen es bis 2020 750 Millionen Kubikmeter sein.

Israel produziert pro Jahr circa 530 Millionen Kubikmeter Abwasser, wovon der Großteil geklärt wird. 75 Prozent des geklärten Abwassers werden wiederverwendet, meist zur Bewässerung landwirtschaftlicher Flächen. Damit steht Israel weltweit an der Spitze.

Mit seiner Wassernot ist Israel eingebunden in ein politisch und sozial äußerst sensibles Umfeld. Sowohl im Friedensvertrag mit Jordanien vom Sommer 1994, als auch in den Abkommen von Oslo mit den Palästinensern wurden Wasserfragen vertraglich festgelegt.

Wasser als Mittel zur Propaganda

Im persönlichen Gespräch betonen Israelis wie Palästinenser, im Konflikt sei Wasser noch nie als Kampfmittel eingesetzt worden. Konkret: Israel hat seinen palästinensischen Nachbarn noch nie den Wasserhahn zugedreht, und die Palästinenser haben noch nie die Wasserquellen der Israelis angetastet. Propagandistisch wird die Wasserfrage von palästinensischer Seite allerdings leidlich ausgeschlachtet.So soll die israelische Besatzung für die Wasserknappheit bei den Palästinensern verantwortlich sein. Durch „mutwillige“ Zerstörung der Wasserinfrastruktur, durch den Bau von „Mauer“ und „Kolonien“ werde der Bevölkerung das Leben unmöglich gemacht.In der Palästinensischen Autonomie (PA) lag der Hausverbrauch 2006 bei durchschnittlich 58 Kubikmeter pro Kopf, in Israel bei 84 Kubikmeter. Dieser Unterschied reflektiert den unterschiedlichen Lebensstandard beider Gesellschaften – ein Phänomen, das auch innerhalb der israelischen Gesellschaft beobachtet werden kann. So verbrauchte 2006 jeder Jerusalemer Bürger 65 Kubikmeter Wasser, während jeder Tel Aviver 115 Kubikmeter verbrauchte. Durch schadhafte Wasserleitungen gehen Israel 11 Prozent des Trinkwassers verloren, der PA 33,6 Prozent – nach jeweils eigenen Angaben.

Der Frischwasserverbrauch liegt in Israel bei 150 Kubikmeter pro Person und Jahr, in der PA bei 140 Kubikmeter. Zum Vergleich: Ein Jordanier verbraucht 172 Kubikmeter, ein Ägypter 732 Kubikmeter, ein Syrer 861 Kubikmeter und ein Libanese 949 Kubikmeter Frischwasser pro Jahr. Die gravierenden Unterschiede im Frischwasserverbrauch sind auf den hohen Anteil von geklärtem und entsalztem Wasser zurückzuführen.

Palästinensische Ortschaften an israelische Leitung angeschlossen

Als Israel 1967 das Westjordanland besetzte, hatten von 708 palästinensischen Dörfern und Städten nur vier fließend Wasser. In den ersten fünf Jahren der israelischen Besatzung wurde die Wasserversorgung der Palästinenser um 50 Prozent ausgebaut. Der Bau von jüdischen Siedlungen in den 1970er und 1980er Jahren führte dazu, dass nicht nur israelische Ortschaften in Judäa und Samaria, sondern auch viele palästinensische Dörfer an die Landeswasserleitung Israels angeschlossen wurden.

In der Zeit von 1967 (Sechstagekrieg) bis 1995 (Abkommen von Oslo) stieg die Wassermenge, die der palästinensischen Bevölkerung zur Verfügung stand, von 66 auf 120 Millionen Kubikmeter pro Jahr. Bis März 2010 waren 641 von 708 palästinensischen Gemeinden und mehr als 96 Prozent der palästinensischen Bevölkerung an die Wasserversorgung angeschlossen. Damit sind die Palästinenser in einer weit besseren Lage als ihre arabischen Nachbarn. In Jordanien und Syrien sind bis heute die meisten Städte und Dörfer nicht an eine umfassende Wasserversorgung angeschlossen. Selbst in den Hauptstädten Amman und Damaskus fließt den Haushalten nur zweimal pro Woche Wasser zu.

Mit den Abkommen von Oslo übernahm die Palästinensische Autonomiebehörde die Verantwortung für die Wasserversorgung im Gazastreifen und im Westjordanland. Die Wasserversorgung der jüdischen Siedlungen blieb in Israels Händen. Vereinbart wurde, dass Israel fünf Millionen Kubikmeter Wasser jährlich in den Gazastreifen liefert. Der Vertrag „Oslo II“ (1995) unterstrich nicht nur die Wasserrechte der Palästinenser, sondern auch die Bedeutung der Kooperation auf diesem Gebiet.

Israel wirft den Palästinensern vor, Brunnen zu bohren, die nicht vom gemeinsamen Wasserkomitee genehmigt wurden. Bis 2005 soll es etwa 250 „wilde“ Projekte im Westjordanland gegeben haben. Da ein Einverständnis bislang nicht möglich war, haben die Israelis ihre Wasserentnahme aus diesen unterirdischen Reservoirs gedrosselt, um eine Versalzung des Grundwassers zu verhindern. Drei Millionen Kubikmeter Wasser gehen dem israelischen Wassersystem pro Jahr dadurch verloren, dass Palästinenser illegal Wasserleitungen anzapfen. Da es in der PA überwiegend keine Wasseruhren gibt, entfällt die Möglichkeit einer genauen Kontrolle, genauer Angaben und eines finanziellen Anreizes zum Wassersparen. Wer keine Wasseruhr hat, bezahlt auch kein Wasser.Ein weiterer Vorwurf, den Israelis gegenüber den Palästinensern erheben, ist, dass Klärprojekte aus politischen Erwägungen nicht umgesetzt werden – auch wenn deren Finanzierung durch Geber wie die Bundesrepublik Deutschland, die USA, Japan oder die Weltbank gesichert wäre.Von den gegenwärtig 52 Millionen Kubikmeter Abwasser aus der PA werden nur vier Millionen in palästinensischen und 14 Millionen in israelischen Kläranlagen behandelt. Der Rest (schätzungsweise 34 Millionen Kubikmeter ungeklärtes Abwasser!) verpestet die Umwelt. Abgesehen von der Kläranlage in El-Bireh wurden in den vergangenen 15 Jahren keine neuen palästinensischen Kläranlagen gebaut – und auch die Anlage in El-Bireh wird nicht fachgerecht geführt. Das geklärte Wasser wird nicht etwa in der Landwirtschaft verwendet, sondern ins Wadi Kelt geleitet, wo es wiederum Umweltprobleme verursacht.Wasser und Abwasser werden sich nie an kulturelle Empfindlichkeiten, politische Abmachungen oder Grenzen halten. Wasser richtet sein Verhalten immer nach der Schwerkraft, klimatischen, geografischen und geologischen Gegebenheiten. Deshalb werden Israelis und Palästinenser auch künftig nicht umhin kommen, in diesen Fragen zu kooperieren – ganz unabhängig von einer politischen Lösung.

Von: Johannes Gerloff

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