Der Orientalist und Theologe Gustaf Dalman auf einem Foto aus dem Jahre 1902

Der Orientalist und Theologe Gustaf Dalman auf einem Foto aus dem Jahre 1902

Wer die Bibel verstehen will, muss das Heilige Land studieren

Der protestantische Theologe und Orientalist Gustaf Dalman genießt in der Forschung zum Heiligen Land einen außergewöhnlichen Stellenwert. Für das Verständnis der Bibel war für ihn die Kenntnis der Region unabdingbar. Ein Portrait von Marcel Serr

Dass impulsive Meinungsäußerungen zur Politik im Nahen Osten erhebliche Konsequenzen nach sich ziehen können, ist eine Binsenweisheit. Das musste auch Gustaf Dalman (1855–1941) schmerzlich erfahren. „Tief betrübt“ sei er, äußerte der deutsche Theologe kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, „daß die Britische Regierung mit ihrer Absicht […] die deutsche Kulturarbeit in der Welt zu zerstören oder an sich zu bringen, und mit ihrem Feldzuge […] gegen unseren Nationalcharakter jedes wissenschaftliche und auch religiöse Zusammenwirken zwischen Deutschen und Briten auf unabsehbare Zeit unmöglich macht.“ Mit diesen Worten der Empörung erklärte Dalman seinen Austritt aus dem Palestine Exploration Fund (PEF), sie sollten ihm wenige Jahre später zum Verhängnis werden – doch dazu später mehr.

Gustav Dalman wurde 1855 in Niesky/Oberlausitz geboren und durch die pietistische Glaubensgemeinschaft der Herrnhuter Brüdergemeine ausgebildet. Nach einigen Jahren als Dozent am Theologischen Seminar in Gnadenfeld wurde es ihm dort geistig zu eng. Daher wechselte er an das von Franz Delitzsch gegründete Institutum Judaicum nach Leipzig, wo Theologen für die Mission vorbereitet wurden.

„Lernen durch Handeln“

Eine 15-monatige Reise ins Heilige Land 1899/1900 gab Dalmans Leben eine entscheidende Wendung. Die Exkursion löste eine Faszination aus, die ihn zeitlebens prägen sollte. Von der Topographie über die Flora und Fauna bis hin zum Studium der Sitten und Bräuche der Einheimischen – Dalmans Interesse am Land der Bibel war allumfassend. Er beließ es nicht beim Beobachten und Dokumentieren, sondern schlief in Beduinenzelten und lernte in landestypischer Weise zu weben und Brot zu backen. „Diese Weise des Studiums, stets an Menschen und Sachen statt an Manuskripten und Büchern, war nicht ohne Beschwerde…; ich hätte sie bis ins Unendliche fortsetzen wollen“, schrieb er in späteren Jahren.

Dalmans Interesse am Heiligen Land hatte aber auch eine spirituelle Komponente: Die Tatsache, dass die Bibel in der südlichen Levante entstanden war und sich die in den Büchern beschriebenen Ereignisse dort abspielten, sah Dalman als bewusste Entscheidung Gottes. Die Erwählung des Landes ging in seinen Augen nicht ohne Grund der des Volkes Israel und der Menschwerdung Jesu voraus: Da beides am selben Ort stattfand, verband sich im Heiligen Land Altes und Neues Testament – und damit auch Judentum und Christentum. Wenn die Theologie diesen Sachverhalt vernachlässigte, würde sie ihrer Grundlage entzogen.

Das Heilige Land als Forschungsgegenstand

Ganz dem Heiligen Land „verfallen“, zögerte Dalman nicht, als 1902 ein Direktor für das neu gegründete Deutsche Evangelische Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes (DEI) in Jerusalem gesucht wurde. Mit 47 Jahren stürzte er sich gemeinsam mit seiner Frau in das größte Abenteuer seines Lebens. In Jerusalem angekommen, baute er das Institut aus dem Nichts auf. Zunächst mietete er ein Haus in der Äthiopischen Straße, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Conrad Schicks Tabor-Haus. Zwar handelte es sich dabei um ein repräsentatives Gebäude, doch von europäischen Standards war Jerusalem weit entfernt. Das Dach war chronisch undicht, die Zisterne nur wenige Meter von einer unzementierten Sickergrube für Abwasser entfernt. Selbst abgekochtes Wasser war daher ungenießbar. Alsbald war die gesamte Bewohnerschaft des Hauses an Malaria erkrankt.

Dalmans Forschungsinteresse bezog sich auf topografische und geografische Aspekte ebenso wie auf die Altertümer von der prähistorischen bis zur arabischen Zeit, schloss aber auch Sitten, Gebräuche und Arbeitsweisen der lokalen Bevölkerung und schließlich die Sprache ein. Er fasste diese verschiedenen Perspektiven zusammen und schuf mit der „Palästinawissenschaft“ ein neues Forschungsfeld, das er als Hilfswissenschaft der Theologie verstand.

„Die Vergangenheit in die Gegenwart hineindenken“

Ähnlich wie die Kenntnisse des Hebräischen und Griechischen unabdingbare Grundvoraussetzungen zum Verständnis der Bibel seien, so gelte dies auch für Kenntnisse über das Land der Bibel, so Dalman. Denn deren Texte seien in diesem Kontext verfasst worden. Mit anderen Worten: Wer die Bibel verstehen will, muss das Heilige Land in all seinen Facetten studieren. Diesem Ansatz folgend, legte Dalman verschiedenste Sammlungen an: von Steinen, Pflanzen, Hölzern, Tieren, Gebrauchsgegenständen des täglichen Lebens, Musikinstrumenten, Münzen, Gewändern und archäologischen Funden bis hin zu einer umfangreichen Fotosammlung.

Dieser ethnologische Ansatz basiert auf Dalmans grundlegender Idee, „die Vergangenheit in die Gegenwart hineinzudenken“. Nur durch das Studium der durch die Geschichte geprägten Gegenwart erschließe sich dem Wissenschaftler die Vergangenheit. Ganz in diesem Sinne schuf Dalman einen Lehrkurs. Dabei werden deutsche Wissenschaftler mit dem Alltagsleben, der Geschichte und Archäologie sowie der Topografie der südlichen Levante vertraut gemacht.

Hoch zu Ross – oder zu Esel

Der Lehrkurs dauerte drei Monate. Unter der Woche hielt der Direktor Vorlesungen über die Landeskunde sowie Archäologie und Geschichte Jerusalems. „In den Vorlesungen bequemen sich auch ›alte Herren‹, die längst in Amt und Würden stehen, zu fleißigem Nachschreiben und schülermäßigem Übersetzen“, hielt Dalman süffisant fest. An den Samstagen ritt die Gruppe aus, um das Land zu erkunden: „Jeden Sonnabend sieht man die acht Herren des Instituts hoch zu Ross oder zu Esel mit flatternden Kopftüchern und wehenden Mänteln über die felsigen Halden Judäas dahinreiten, um auf sechs- bis achtstündigem Ritt die weitere Umgebung Jerusalems kennen zu lernen.“

Der Höhepunkt jeden Lehrkurses war eine dreiwöchige Rundreise: „Und wie der Zug eines kleinen Beduinenclans ist es, wenn auf der großen Institutsreise 21 Menschen und 28 Tiere mit vier Zelten und dem nötigen Hausrat und Proviant sich einmal zur Karawane zusammenschließen. An kleinen und großen Abenteuern fehlt es auf den unebenen Pfaden Palästinas nicht ... Ein zugiges Zelt, ein feuchtes Nachtlager, ein störriges oder träges Reittier geben Gelegenheit, Kraft und Gesundheit zu stählen. Der Weckpfiff des Vorstehers vor Sonnenaufgang, auf den lebenslustige Stipendiaten wohl mit Hurra antworten, setzt dem Schlaf zuweilen eine unbarmherzige Grenze.“

Dalman pflegte einen asketischen Lebensstil und war trotz seines fortgeschrittenen Alters in einer ausgezeichneten körperlichen Verfassung. Er verlangte den Lehrkursteilnehmern eine entsprechend hohe physische Belastbarkeit ab, die jedoch häufig deren Fähigkeiten überstiegen. Kam es zu Unfällen oder krankheitsbedingten Ausfällen, wurde Dalman äußert ungehalten.

Hinter dem Rubenowdenkmal steht die Theologische Fakultät der Universität Greifswald. Dort ist das heutige Gustaf-Dalman-Institut angesiedelt.

Hinter dem Rubenowdenkmal steht die Theologische Fakultät der Universität Greifswald. Dort ist das heutige Gustaf-Dalman-Institut angesiedelt.

Das Imperium schlägt zurück

Nur in den Sommermonaten verließ Dalman sein geliebtes Heiliges Land für einen Heimaturlaub – so auch im Sommer 1914. Als Ende Juli der Erste Weltkrieg ausbrach, war an eine Rückkehr nach Jerusalem nicht mehr zu denken. Nach kurzem Zögern trat die Hohe Pforte auf Seiten der Mittelmächte gegen die Entente in den Krieg ein. Damit wurde auch das Heilige Land Schauplatz des Ersten Weltkrieges. Der Seeweg war blockiert, sämtliche anderen Transportmöglichkeiten militärischen Zwecken vorbehalten. Dalmans Forschungen vor Ort waren auf Eis gelegt.

Zunächst glaubte er noch an seine baldige Rückkehr: Einen Ruf an die Universität Greifswald lehnte er 1915 ab, denn „das Herz zieht nach Jerusalem“. Erst zwei Jahre später willigte er ein. Mittlerweile hatten die Briten unter General Edmund Allenby die türkisch-deutschen Linien bei Gaza durchbrochen und im Dezember 1917 Jerusalem erobert.

Erst 1921 konnte Dalman wieder an seine Wirkungsstätte zurückkehren. Mittlerweile hatten die Briten ihre Herrschaft in Palästina auf der Grundlage eines Völkerbundmandats etabliert. Dalman wollte die Arbeit als DEI-Direktor wiederaufnehmen. Grundsätzlich hatten die Briten nichts gegen das Wiederaufleben des Instituts einzuwenden – doch nicht verbunden mit der Person Dalmans. Die Vergangenheit holte ihn nun ein: Aufgrund seiner eingangs zitierten negativen Äußerungen über die Briten war er in führender Position nicht mehr willkommen.

Als Dalman der Tragweite seines Kommentars von 1914 gewahr wurde, versuchte er zurückzurudern: Die Mitgliedschaft im PEF habe er nur niedergelegt, um deutschen Patriotismus zu demonstrieren, argumentierte der Forscher verzweifelt. Es half nichts und so blieb ihm nur, sich um das Inventar des DEI und seine persönlichen Haushaltsgegenstände zu kümmern. Dalman organisierte den Transport eines Großteils seiner Sammlung nach Greifswald.

Die Konservierung des Heiligen Landes

Auch im „Exil“ blieb er seiner Leidenschaft treu: 1920 gründete er das Palästina-Institut in Greifswald, das seit 1925/26 seinen Namen trägt. Dalmans Ziel war es einerseits, die Theologiestudenten auf einen Aufenthalt im Heiligen Land vorzubereiten; andererseits sollte das Institut denen, die nicht in die südliche Levante reisen konnten, die Möglichkeit eröffnen, sich landeskundliche Kenntnisse anzueignen.

Dalmans ethnologische Studien schlugen sich in erster Linie in seinem opus magnum „Arbeit und Sitte in Palästina“ nieder. In diesem siebenbändigen Werk hielt er auf über 3.000 Seiten und rund 800 Abbildungen das Heilige Land vor dem Ersten Weltkrieg akribisch fest. Während er in seiner Zeit in Jerusalem das notwendige Material gesammelt und Feldforschung geleistet hatte, blieb ihm während seiner Zeit in Greifswald Gelegenheit zur Niederschrift. Er arbeitete bis kurz vor seinem Tod 1941 an dem Werk.

Bis heute haben Gustav Dalmans wissenschaftliches Werk und seine Sammlungen einen außergewöhnlichen Stellenwert unter Theologen, Ethnologen und Historikern. Es war ihm gelungen, das Palästina vor den radikalen Veränderungen des 20. Jahrhunderts, die mit der jüdischen Einwanderung und der britischen Mandatszeit einsetzten, zu konservieren und für die nachkommenden Generationen festzuhalten. Ob dies tatsächlich das Leben zu alt- und neutestamentlichen Zeiten abbildete, wird heute zwar eher bezweifelt. Doch Dalmans Studien sind nach wie vor eine einzigartige Quelle zur Erforschung des Heiligen Landes um die Jahrhundertwende.

Marcel Serr ist Politikwissenschaftler und Historiker. Von 2012 bis März 2017 lebte und arbeitete er in Jerusalem – unter anderem als wissenschaftlicher Assistent am Deutschen Evangelischen Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes in Jerusalem. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf der israelischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik sowie der Militärgeschichte des Nahen Ostens.

Von: Marcel Serr

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