Vom israelischen Autor Yishai Sarid, der auch praktizierender Anwalt ist, sind vor „Monster“ bereits seine Bücher „Limassol“ und „Alles andere als ein Kinderspiel“ auf Deutsch erschienen

Vom israelischen Autor Yishai Sarid, der auch praktizierender Anwalt ist, sind vor „Monster“ bereits seine Bücher „Limassol“ und „Alles andere als ein Kinderspiel“ auf Deutsch erschienen

Das Erinnerungsmonster Holocaust

In seinem Roman „Monster“ schildert der israelische Autor Yishai Sarid das Leben eines Holocaust-Forschers, der an seiner Arbeit in Polen verzweifelt. Das Buch hinterfragt klug den Umgang mit Erinnerung – und welche Schlüsse daraus zu ziehen sind. Eine Rezension von Michael Müller

Das Buch „Monster“ kommt zugleich leicht und schwer daher. Es ist leicht zu lesen, weil der israelische Autor Yishai Sarid eine klare nüchterne Prosa schreibt, die Ruth Achlama feinsinnig ins Deutsche übersetzt hat. Es sind nur 178 Seiten. Das Buch ist aber aufgrund seiner Thematik nur schwer zu ertragen. Es geht um einen israelischen Historiker, der in Polen als Reiseführer zu arbeiten beginnt. Er betreut Gruppen, welche die ehemaligen Arbeits- und Konzentrationslager der Nationalsozialisten besuchen.

Der Roman ist in der Ich-Perspektive als Brief formuliert. Der Reiseführer schreibt an den Direktor der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Offensichtlich gab es einen Vorfall, für den sich der Protagonist rechtfertigen will. Die Auflösung erfolgt erst auf der letzten Seite des Buches. Der Ich-Erzähler beschreibt seinen Werdegang, wie er als Historiker aus „pragmatischen Gründen“ zur Holocaust-Forschung kam. Der jungverheiratete Familienvater brauchte eine universitäre Anstellung. Die einzige realistische Möglichkeit war, mit einer Studie zum Holocaust zu promovieren: „Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Arbeitsmethoden deutscher Vernichtungslager im Zweiten Weltkrieg“.

Seine Karriere ging voran. Nach seinem Abschluss führte er zuerst Gruppen durch Yad Vashem und fand dann eine Nische als Reiseführer in Polen, wo er Gruppen durch Auschwitz-Birkenau, Treblinka oder Majdanek begleitete. Das machte er mit zunehmender Begeisterung, weil ihm die Recherche Erfolgserlebnisse brachte und er ein gewisses Talent bei der Wissensvermittlung feststellte. Aber umso länger dieser Lebensweg geschildert wird, umso sichtbarer werden die Wunden, welche die Arbeit in die Seele des Protagonisten reißt.

„Monster der Erinnerung“

„Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zuseh'n, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ An diese Sätze Friedrich Nietzsches erinnert fortwährend das Schicksal des Reiseführers, der beginnt, das System der Erinnerung in Frage zu stellen. Der Titel des Buches geht auf ein Bild zurück, das der junge Sohn des Protagonisten zeichnet. Darauf zu sehen ist der Vater, der gegen ein großes Ungeheuer kämpft. Der Junge, der mit seiner Mutter in Israel bleibt, während der Vater wochenlang in Polen unterwegs ist, wollte dessen Arbeit darstellen. Es sei das „Monster der Erinnerung“, erklärt der Protagonist.

„Monster“ hinterfragt die festgefahrenen Systeme des Erinnerns. Genau schildert er die Besuche israelischer Jugendlicher, die sich in ihre Hatikva-Flaggen hüllen, während sie den Ausführungen des Historikers in den Überresten der Konzentrationslager lauschen. Was genau lernen die jungen Menschen auf diesen Reisen? Sind sie emotional nicht völlig überfordert? Was für teils unsagbare, abgründige Gedanken haben die Heranwachsenden dabei? Das Buch legt auch die Maschinerie des Erinnerns offen, wie Gedenken zu einer hohlen Geste gerät, wenn ein israelischer Minister für seinen Staatsbesuch in Polen die Erinnerungstätte eines Konzentrationslagers mit dem Protagonisten besucht. Oder es zeigt Holocaust-Überlebende, die als Stichwortgeber und Rädchen im System benutzt werden.

Israelische Jugendliche nach ihrem Besuch von Auschwitz-Birkenau im Jahr 2007

Israelische Jugendliche nach ihrem Besuch von Auschwitz-Birkenau im Jahr 2007

Zentnerschwere Last des Wissens

Der Wahnsinn des Mordens im Zweiten Weltkrieg nistet sich beim Protagonisten ein. Er erhält einen Rüffel seines Lektors, als er die Lebensläufe von Nazi-Größen in einem Buchprojekt zu ausführlich und positiv schildert. Bald kann er das Ganze nicht mehr kühl wie ein Historiker betrachten. Umso größer das Wissen ist, umso lebendiger und detaillierter werden auch seine schockierenden Beschreibungen. Gereizt bis aggressiv beginnt er auf die Reisegruppen zu reagieren, bis sie nach und nach als Kunden ausbleiben. Das Wissen erdrückt den Ich-Erzähler wie eine zentnerschwere Last. Denn umso mehr er weiß, umso schwerer kann er den Holocaust begreifen.

Einmal wird er von einer israelischen Computerspiel-Firma als historischer Berater angefragt. Das Unternehmen baut die Konzentrationslager detailliert nach. Der Spieler hat die Wahl, ob er Opfer oder Täter spielt. „Monster“ dekliniert die heute so unterschiedlichen, teils völlig geschmacklosen Methoden durch, sich diesem düstersten Kapitel der Menschheitsgeschichte zu widmen.

Der in Tel Aviv geborene Autor Sarid stellt aber auch in Frage, ob die Erkenntnis aus dem Holocaust nur sein kann, selbst so stark zu werden, dass das nie wieder passieren kann. Natürlich ist das für ihn eine elementare Schlussfolgerung. Müsse der Gedanken aber nicht noch weitergehen und besagen, dass solch eine Erfahrung auch den Umgang mit anderen Völkern noch stärker prägen sollte? „Monster“ ist auf jeden Fall ein Buch, das man nicht so schnell vergisst. Es sensibilisiert für die Holocaust-Erinnerungskultur in Israel, die im Vergleich zu Deutschland logischerweise nochmal etwas völlig anderes bedeutet. Das Buch nistet sich im eigenen Bewusstsein ein. Nur zerfrisst es die Seele nicht, sondern verhilft zu einem klareren Blick.

Yishai Sarid: „Monster“, Kein & Aber, 178 Seiten, 21 Euro, ISBN 978-3-0369-5796-8

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