Die Gewalt bin ich: Raschi, gespielt von Eran Naim

Die Gewalt bin ich: Raschi, gespielt von Eran Naim

Wenn Liebe ein Gefängnis wird

Der israelische Geheimtipp auf der Berlinale 2019 lautet „Chained“. Bei der Geschichte um einen Tel Aviver Polizisten, der die Familie mit seiner Liebe und Moral zu zerquetschen droht, verschwimmen die Grenzen zwischen Dokumentar- und Spielfilm. Eine Filmkritik von Michael Müller

Raschi (Eran Naim) will sein Leben so kontrollieren, wie er seine Fälle im Dienst kontrolliert. Als Tel Aviver Polizist hat er mehr als 15 Jahre Berufserfahrung auf dem Buckel. Dem Hünen macht im Einsatz niemand mehr etwas vor. Er riecht förmlich, wenn Menschen ihm gegenüber nicht die Wahrheit sagen. Seine Methoden sind rabiat: Türen werden auf Verdacht aufgebrochen, und potenzielle Drogendealer müssen schon mal ihre Unterhosen runterziehen, um zu beweisen, dass sie nicht doch etwas versteckt haben.

In letzterem Fall entpuppen sich die Jugendlichen als Kinder eines hohen Beamten im Geheimdienstapparat. Die Unterwäschen-Inspektion hat ein juristisches Nachspiel. Raschi wird verhört und erst einmal suspendiert. Der unterforderte Gesetzeshüter konzentriert seinen strengen Blick nun auf seine 13-jährige Tochter Jasmin (Stav Patay). Auch wenn er es aus Liebe tut, führt dies zu Konflikten.

Wahrhaftigkeit auf der Leinwand

Der 45-jährige Regisseur Jaron Schani, der in Tel Aviv studierte und im Jahr 2010 mit seinem Gangsterstreifen „Ajami“ für einen Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert wurde, wendet sich in seiner neuen Arbeit vom traditionellen Erzählkino ab. Dass Zuschauer im Kino auf Emotionen reagieren müssen, die Schauspieler künstlich generieren, findet er falsch. In „Chained“ mischt er deswegen Laien mit Schauspielern. Er gab ihnen nur ein Handlungsgerüst vor; während der Dreharbeiten ließ er Freiräume zur Improvisation.

Schani, so erzählt er am Sonntagabend bei der Weltpremiere im Panorama der Berlinale, ist stolz auf den Ansatz. Mit Ausnahme des Schlusses seien alle Szenen jeweils der erste Aufnahmeversuch gewesen. So stellt Schani eine Wahrhaftigkeit auf der Leinwand her, die ihresgleichen sucht. Die Grenzen zwischen Spiel- und Dokumentarfilm verschwimmen.

Übermaß an Aufmerksamkeit

Im hebräischen Original heißt der Film „Ejnajim Scheli“ (Meine Augen). Der Titel spielt auf Raschis Gebahren an: Er hat seine Augen im Privatleben zu weit und zu intensiv aufgerissen. Jedes Treffen seiner Tochter mit Freunden betrachtet er misstrauisch. Aus Fürsorge will er sie so lange wie möglich von Drogen, Sex und Gewalt fern halten. Das macht ihn zu einem übervorsichtigen Vater, der seinem Kind die Luft zum Atmen nimmt.

Auch seine Ehefrau Avigail (Stav Almagor) spürt den Druck. Gemeinsam versuchen sie, ein zweites Kind zu bekommen. Aber sie erleidet eine Fehlgeburt. So fürsorgend und aufmerksam Raschi auch ist – seine polizeilichen Talente sind Gift für die Familie.

Damit ist die Pointe des Filmes klar: Wer liebt, muss auch Freiräume zugestehen. Raschi muss seiner Tochter mehr vertrauen. Seine Übervorsichtigkeit, die Dominanz und der Beschützerinstinkt treiben auch die Beziehung mit seiner Frau in eine Krise. Seine Emotionen entwickeln sich für ihn zu einem Gefängnis. Er begreift nicht, dass er zwar keine körperliche Gewalt auf seine Familie ausübt. Aber umso stärker ist seine psychische und verbale Gewalt aus Liebe.

Aus dem Leben gegriffen

Diese Abwärtsspirale ist in den langen und intensiven Dialog- und Konfliktszenen für den Zuschauer manchmal herausfordernd. Aber selten fühlt sich Kino so unmittelbar und wahrhaftig an. Das hängt auch damit zusammen, dass die Schauspieler ihre eigene Biografie in die Figuren einbrachten. Eran Naim, der Raschi spielt, war selbst Polizist. „Chained“ ist nicht seine Geschichte. Aber viele Elemente der Handlung sind ihm im eigenen Leben begegnet.

Die Produktionsgeschichte von „Chained“ klingt abenteuerlich und aufopferungsvoll. Bereits drei Jahre sei es her, dass sie den Film abgedreht haben, erzählt Regisseur Schani. Eigentlich war nur eine einzige Produktion geplant. Aber der Entfaltungsrahmen für die Schauspieler sprengte alle Zeitgrenzen, so dass das Projekt auf drei Spielfilme angewachsen ist. Der erste Teil der Trilogie, „Stripped“, feierte seine Weltpremiere auf dem Venedig-Festival Ende August/Anfang September vergangenen Jahres. Der abschließende Teil „Reborn“ hat noch keinen festen Start.

Die Produzenten, darunter auch der Kultursender Arte und das Kleine Fernsehspiel des ZDF, bezeichnete Schani aufgrund der Ausdauer und des Vertrauens in das Projekt als „auf eine positive Weise verrückt“. Zu hoffen bleibt, dass zwischen den nächsten Projekten Schanis nicht wieder fast zehn Jahre vergehen müssen.

Von: Michael Müller

 

Weitere Kinotermine auf der Berlinale von „Chained“: 9. Februar um 19.30 Uhr im International; 10. Februar um 14.30 Uhr im Cine Star 3; 11. Februar um 14 Uhr im Cubix 9; 14. Februar um 19.30 Uhr im International; 17. Februar um 21.30 Uhr im Zoo-Palast 1

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