Der israelische Schriftsteller David Grossman ist politisch engagiert und erfolgreich. Der 65-Jährige gilt als eines der literarischen Aushängeschilder Israels.

Der israelische Schriftsteller David Grossman ist politisch engagiert und erfolgreich. Der 65-Jährige gilt als eines der literarischen Aushängeschilder Israels.

Einfühlsamer Kämpfer für den Frieden wird 65

Er wird als Friedensaktivist gefeiert, aber auch als mitfühlender Autor: Der Israeli David Grossman legt in seinen Büchern immer wieder seine eigenen Wunden offen – und berührt damit die Leser.

David Grossman wird immer wieder für seine Gabe gerühmt, sich in andere Menschen hineinversetzen zu können. „Ich empfinde das Schreiben als feines, unbeschwertes Schweben um die Achse der Fantasie“, sagte er selbst kürzlich im Jüdischen Museum Berlin. „Es trägt mich vom Kind, das ich einmal war, zum Greis, der ich einmal sein werde. (...) Vom Israeli, der ich bin, zum Palästinenser, der ich hätte sein können, wäre ich nur fünfhundert Meter weiter östlich geboren.“ Am Freitag ist der israelische Bestsellerautor und Friedensaktivist 65 Jahre alt geworden.

Grossmans Bücher behandeln oft Themen, die seiner Biografie entspringen. In „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ (2009) beschreibt Grossman die Angst einer Mutter um ihren Sohn beim Militär. Sie bricht zu einer Reise auf in dem irrationalen Glauben, sie könnte durch die Flucht vor der schlimmen Nachricht den Tod selbst verhindern.

Sohn starb im Libanonkrieg 2006

Grossmans Sohn Uri wurde im Sommer 2006 im Libanonkrieg getötet, nur zwei Tage vor dem Ende der Kämpfe. Kurz zuvor hatte der Autor zusammen mit anderen eindringlich zu einem Stopp des gegenseitigen Beschusses aufgerufen. 2013 erschien wiederum sein Buch „Aus der Zeit fallen“, in dem es um die Trauer um enge Angehörige geht.

„Ich kann über dieses Buch nur sagen, dass es für mich der Weg war, kein passives Opfer zu sein, paralysiert von der absoluten Willkür des Todes und der Trauer“, schrieb Grossman im Februar 2018 in einem Beitrag für die Tageszeitung „Yediot Aharonot“. Er hatte diesen als Kandidat des Israel-Preises verfasst, den er kurz darauf auch erhielt. Der Preis ist die höchste Auszeichnung des Staates Israel.

In seinem 2016 auf Deutsch erschienenen Roman „Kommt ein Pferd in die Bar“ erzählt Grossman die Geschichte eines Comedian, der in seiner letzten Vorstellung in einer israelischen Kleinstadt eine tragische Geschichte aus seiner Jugend preisgibt. Dabei spielen die Traumatisierungen der eigenen Eltern durch Vertreibung und den Holocaust eine entscheidende Rolle.

Man-Booker-Preisträger

Grossman erhielt gemeinsam mit der US-amerikanischen Übersetzerin Jessica Cohen für den Roman 2017 den renommierten Man-Booker-Preis. „Wir waren überwältigt von Grossmans Bereitschaft, sowohl emotionale als auch stilistische Risiken einzugehen“, erklärte die Jury damals. Es handele sich um eine schockierende und atemberaubende Lektüre.

Grossman wurde 1954 in Jerusalem geboren. Sein Vater war 1936 aus Polen nach Palästina unter britischem Mandat gekommen, seine Mutter wurde dort geboren. Schon mit zehn Jahren wurde Grossman als Hörspielsprecher engagiert.

Studium der Philosophie und des Theaters

Später studierte er an der Hebräischen Universität in Jerusalem Philosophie und Theater. Danach arbeitete er beim israelischen Hörfunk. Berühmt wurde er mit seinem Roman „Stichwort: Liebe“ (1986). Grossman bekam mit seiner Ehefrau Michal drei Kinder und ist inzwischen auch Großvater. In Israel sind auch seine Kinderbücher sehr beliebt.

Der Autor ist auch politisch sehr engagiert. Oft kritisiert er die politischen Entwicklungen in seinem Land und setzt sich für einen Frieden mit den Palästinensern ein. „Das Wesen der Toleranz liegt in der Bereitschaft, den Text der Realität – (...) die einundfünfzigjährige Besatzung palästinensischer Gebiete durch Israel – nicht nur aus der eigenen nationalen Perspektive zu betrachten, sondern gleichfalls aus der Perspektive des Gegenspielers“, sagte Grossman im November in Berlin, als er den Preis für Verständigung und Toleranz des Jüdischen Museums erhielt.

Auch Leid der Anderen nachempfinden

Es gehe darum, auch einmal die Position der anderen Seite einzunehmen, auch das Leid des Anderen nachzuempfinden. „Einer solchen Sicht könnten Verständnis und Toleranz entwachsen, vielleicht sogar die Akzeptanz der Andersartigkeit des Anderen.“

Der deutsche Außenminister Heiko Maas (SPD) lobte Grossman in Berlin für seine klare Kritik an Problemen im eigenen Land: „Dabei scheuen Sie keine Auseinandersetzung und gehen mit Ihrer Heimat, mit der israelischen Politik und Gesellschaft teilweise hart ins Gericht.“

In einem Beitrag für die links-liberale Tageszeitung „Ha'aretz“ etwa verurteilte Grossman im Sommer das von manchen als rassistisch kritisierte Nationalstaatsgesetz. „Sie wollen, dass die arabischen Bürger in Israel mit einem gewissen und fortwährenden Gefühl der existenziellen Unsicherheit leben“, kritisierte er die Regierung. „Einer Unsicherheit über ihre Zukunft. Dass sie sich ständig daran erinnern, jeden einzelnen Moment, dass sie vom guten – oder bösen – Willen der Regierung abhängen.“

Bundespräsident gratuliert

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gratulierte dem Autor zum 65. Geburtstag. „Meine Glückwünsche gelten einem großartigen Schriftsteller, der von Hoffnung spricht, weil er sich weigert, dem Krieg in seinem Land, dem Krieg in aller Welt und dem Krieg in uns das letzte Wort zu überlassen“, schrieb Steinmeier an Grossman, wie das Bundespräsidialamt mitteilte.

Von: dpa/mm

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