Eine RTL-Dokumentation hat Ashi, Roi und Baraa ein Jahr lang begleitet

Eine RTL-Dokumentation hat Ashi, Roi und Baraa ein Jahr lang begleitet

Träume in Zeiten des Konfliktes

Was bedeutet es, als Jugendlicher im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern aufzuwachsen? Eine RTL-Dokumentation will der Frage anhand dreier Jungen nachgehen. Der Film bietet interessante Einblicke, stößt aber schnell an seine Grenzen. Eine Filmkritik von Daniel Frick

Es könnte alles so schön sein: Aufwachsen in einem mediterranen Land mit einer interessanten Geschichte und Kultur – wenn nur nicht dieser Konflikt wäre. Wie können Jugendliche in Israel und im Westjordanland ihre Träume verwirklichen, wo es doch immerzu Anschläge und Einschränkungen zu geben scheint? Das erkundet die Dokumentation „Drei Leben – Jugend zwischen den Fronten“, die in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) entstanden ist. RTL zeigt den einstündigen Film in der Nacht von Sonntag auf Montag.

Die Nahost-Korrespondentin Raschel Blufarb und ihr Team haben die drei 16-jährigen Jungen Roi, Baraa und Ashi ein Jahr lang in ihrem Alltag begleitet. Roi, ein Israeli aus Tel Aviv, legt sich ständig mit den Lehrern an. Sein Schulabschluss ist gefährdet, dabei träumt er davon, einmal eine Familie zu gründen. Baraa, ein Palästinenser aus Hebron, legt sich ständig mit israelischen Soldaten an. Sein Traum ist es, einmal Jaffa zu sehen, und nicht zuletzt ein „befreites Palästina“; zunächst muss er aber zu einem Termin beim israelischen Militärgericht. Und Ashi engagiert sich im Wachdienst seiner Siedlung sowie als Rettungshelfer. Ihm schwebt vor, die Geschichte des jüdischen Volkes in Judäa und Samaria fortzuführen, er muss aber mit ansehen, wie Sicherheitskräfte illegal errichtete Siedlungsbauten abreißen.

Drei Perspektiven

Die Methode der Dokumentation lässt sich als „Phänomenologie“ im weiteren Sinn beschreiben: Erklärungen beschränken sich meist auf das gerade Gezeigte, die Jungs schildern ihre Sicht, die dann für sich stehen darf. Bemerkenswert ist, dass auch die Stimme aus dem Off mal mehr oder weniger die jeweilige Perspektive einnimmt, oder vorgibt, Gedanken der Jungs auszusprechen. Sie dient also nicht, wie sonst oft in Dokumentationen, der Moderation oder der kritischen Einordnung des Gesagten. „Ausgewogenheit“ soll vielmehr durch den ständigen Perspektivwechsel entstehen.

Baraa träumt von einem „befreiten Palästina“

Baraa träumt von einem „befreiten Palästina“

Dieser „phänomenologische“ Zugang hat durchaus seinen Reiz, denn der Zuschauer erhält interessante Einblicke in den Alltag und nimmt an intimen Familienmomenten teil. Durch den Perspektivwechsel lernt er zunächst, dass sich Baraa durch die Kontrollen der Soldaten gegängelt fühlt, um dann von Ashi zu erfahren, dass diese ihren guten Grund haben, nämlich den Schutz des Lebens: Als Beispiel für palästinensischen Terror nennt der Film die Entführung und Ermordung der Jugendlichen Gil-Ad Scha‘ar, Ejal Jifrach und Naftali Frenkel im Juni 2014 – die drei besuchten einst Ashis Schule.

Ansatz mit Grenzen

In entscheidenden Momenten stößt die Methode des Films jedoch an ihre Grenzen. Denn der Alltag der Jungs findet eben nicht in Deutschland statt, wo dem Zuschauer vieles vertraut ist, sondern im Kontext eines komplexen Konfliktes. Ist der Zuschauer hierzulande wirklich so gut informiert, dass er die „ungefilterten“ Gedanken der Jungs angemessen einordnen kann? An mancher Stelle fehlt eine kritische Stimme, die die Dinge hinterfragt. Und das ist beim Thema Israel entscheidend. Denn es sind vor allem fehlende Informationen oder Fehlinformationen, die zu einer Dämonisierung des jüdischen Staates führen.

Ashi hofft auf ein Leben im biblischen Judäa und Samaria

Ashi hofft auf ein Leben im biblischen Judäa und Samaria

In einer Szene wiederholt Baraa beispielsweise die bei Palästinensern weit verbreitete Meinung, mit der Staatsgründung Israels habe ihre „Katastrophe“ begonnen. „Nach der Gründung des Staates Israel wurde viel von Jaffa zerstört und nebendran wurde Tel Aviv gebaut“, erzählt er. Niemand greift korrigierend ein und erklärt, dass Tel Aviv bereits 1909 gegründet wurde, und die Gründung des Staates Israel nicht der Auslöser des Konfliktes war, ebenso wenig wie die Siedlungsbewegung nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967.

Die Methode stößt auch deshalb an ihre Grenzen, weil der Film die Träume der Jugendlichen schlicht nebeneinanderstellt, um sie in Kontrast zu setzen, und sie damit als gleichwertig einstuft. So einfach ist es aber nicht. „Freiheit für Palästina“ scheint ein harmloser Wunsch zu sein, bedeutet in der Konsequenz aber das Ende des jüdischen Staates: Denn mit „Palästina“ ist eben auch israelisches Staatsgebiet gemeint. Und wohin kämen dann die Juden Israels? Deren Präsenz im Land Israel war schon vor der Staatsgründung nicht erwünscht – hierin liegt der Ursprung des Konfliktes. Im Gegensatz dazu hat die jüdische Siedlungsbewegung, in deren Tradition Ashi sich sieht, ein Zusammenleben von Juden und Arabern immer schon mitgedacht.

Fragwürdige Auswahl

Eine weitere Schwäche des Films ist die Auswahl der Protagonisten, die immerhin nach „vielen Monaten“ der Suche erfolgt ist, wie Blufarb es schildert. Abgesehen davon, dass sich nur Ashi wirklich im Griff zu haben scheint, stellt sich vor allem bei Roi die Frage, was genau der Zuschauer hier lernen soll. Er sieht meistens dabei zu, wie Roi sich selbst im Weg steht, während Familie und Lehrer ihn nicht aufgeben wollen. Das ist zwar ganz unterhaltsam, und der Zuschauer bangt ein Stück weit mit, ob Roi die Kurve kriegt – die Geschichte könnte sich so aber fast überall zutragen.

Roi zieht lieber durch die Straßen Tel Avivs, anstatt sich von Lehrern ärgern zu lassen

Roi zieht lieber durch die Straßen Tel Avivs, anstatt sich von Lehrern ärgern zu lassen

Soldaten als Dämonen

Sinnvoller wäre es gewesen, neben dem Palästinenser und dem Siedlerjungen einen jungen Soldaten zu begleiten, der etwa im Westjordanland stationiert ist. Das würde auch besser zum Untertitel „Jugend zwischen den Fronten“ passen. Denn der Film lässt die Soldaten als Bösewichte dastehen, die nichts Besseres zu tun haben, als Palästinenser zu drangsalieren oder gar Kinder zu entführen. Da scheint es ja zu passen, dass Baraa nachts schonmal von Soldaten als Dämonen träumt; so erzählt es jedenfalls sein Vater.

Die Perspektive der Soldaten hätte zunächst erklären können, warum es die Besatzung überhaupt gibt. Sie hätte deutlich machen können, dass auch die Soldaten mit manchen Situationen schlecht klarkommen oder Grenzen der Belastung erreichen. Was heißt es zum Beispiel, das Elternhaus zu verlassen und zu dienen? Checkpoints zu bewachen, und ständig mit der Möglichkeit eines Anschlages zu rechnen? Mit Provokationen umzugehen, die oft genug nur der Bilder wegen geschehen – Baraa trägt bei den Konfrontationen mit Soldaten sicher nicht nur zufällig eine Kamera mit sich. Auf die Sicht von Soldaten einzugehen würde ja noch lange nicht bedeuten, die im Film gezeigten Drangsalierungen und Unterstellungen gutzuheißen.

Der RTL-Film ist sehenswert, insofern er interessante Einblicke in einen für Deutsche sicherlich fremden Alltag bietet. Die Methode, das Ganze ohne kritische Einordnung oder weiterführende Erklärungen zu tun, ist allerdings fragwürdig. Hier müssen die Sender- und Kirchenverantwortlichen umsichtiger sein und stärker in Erwägung ziehen, dass nicht jeder in Deutschland mit den Einzelheiten des israelisch-palästinensischen Konfliktes vertraut ist.

 

 

„Drei Leben – Jugend zwischen den Fronten“, RTL, Montag, 4. Dezember, 00.15 Uhr

Von: Daniel Frick

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