Gilt als einer der angesehensten Schriftsteller Israels: Aharon Appelfeld

Gilt als einer der angesehensten Schriftsteller Israels: Aharon Appelfeld

„Meine Helden sprechen eigentlich Deutsch“

In seiner Fantasie lebt die versunkene jüdische Welt Osteuropas weiter: Der israelische Holocaust-Überlebende Aharon Appelfeld beschwört in seinen Büchern immer wieder seine Kindheit und Jugend.

Aharon Appelfeld hat seine deutsche Muttersprache als Kind verloren. „Ich habe bis zum Alter von acht Jahren Deutsch gesprochen“, erzählt der israelische Schriftsteller, der am Donnerstag 85 Jahre alt wird. Doch dann nahm sein behütetes Leben als Einzelkind in einer bürgerlichen jüdischen Familie in Czernowitz (heute Ukraine) ein jähes Ende. Seine geliebte Mutter wird nach dem Einmarsch der Deutschen ermordet und der Junge, der damals noch Erwin heißt, kommt mit seinem Vater ins Ghetto. Später kann er aus einem Lager fliehen und überlebt auf abenteuerliche Weise in den Wäldern, bei Bauern und später als Küchenjunge bei der Roten Armee.

Als er nach dem Holocaust als 13-Jähriger auf einem Schiff ins damalige britische Mandatsgebiet Palästina kommt, hält Appelfeld sich für eine Vollwaise. „Die Deutschen haben meinen Vater und mich 1941 getrennt“, erzählt der Autor in seiner Wohnung im gediegenen Viertel Rechavia in Jerusalem.

„Nach dem Krieg hatte ich eigentlich gar keine Sprache.“

Appelfeld ist einer der produktivsten und angesehensten Schriftsteller Israels. 46 Bücher hat er bisher geschrieben, sie wurden in 35 Sprachen übersetzt, darunter auch Deutsch. Der Junge, der in Czernowitz nur die erste Klasse abgeschlossen hatte, wird in Israel Literaturprofessor und gründet eine Familie mit drei Kindern.

„Nach dem Krieg hatte ich eigentlich gar keine Sprache“, sagt er leise. Doch die fremde Welt wird allmählich zur neuen Heimat. „Hebräisch ist dann nach und nach zu einer Art neuen Muttersprache geworden.“ Die Liebe zum Deutschen ist geblieben. „Ich verstehe bis heute jedes Wort.“

Wiedersehen mit dem totgeglaubten Vater

Fast ein Jahrzehnt nach dem Krieg trifft Appelfeld den totgeglaubten Vater wieder. Als er das dramatische Wiedersehen beschreibt, wird der wortgewaltige Schriftsteller still. Das Thema ist sensibel, ihm ist anzumerken, dass er sich nicht von seinen Gefühlen überwältigen lassen will. Appelfeld findet den Vater, der einen Monat zuvor aus Wien nach Israel eingewandert war, 1954 in einem Aufnahmezentrum, wo dieser bei der Ernte eingesetzt wurde. „Er hat mich wiedererkannt, ich ihn nicht“, erzählt der alte Mann mit den wachen Augen von dem ersten Treffen. Als er den verlorenen Sohn sieht, fehlen dem Vater die Worte. „Er hat geschwiegen.“

Hauptthemen seiner Werke sind das jüdische Leben vor dem Holocaust und Kindheitserinnerungen aus Osteuropa. Über die Gräuel der Judenvernichtung selbst schreibt er aber kaum. „Das sind nur Leichen, Leichen, Leichen, Tod, Tod. Das ist ein einziges Grauen, das man nicht beschreiben kann.“ Er könne die Realität nicht ändern, betont Appelfeld, aber er versuche immer noch, „sie zu verstehen, zu lernen“.

In seinen Werken beschwört er immer wieder die Welt seiner Kindheit und Jugend. Die versunkene Welt von Czernowitz, einer multikulturellen Stadt mit einer jüdischen Mehrheit, lebt in seinen Gedanken weiter. „Meine früheste Erinnerung ist, wie ich als kleiner Junge mit meiner Mutter am Fluss Pruth entlanggehe.“ Viele seiner Bücher erscheinen beim Rowohlt-Verlag, darunter „Der Mann, der nicht aufhörte zu schlafen“, „Tzili“ und „Zeit der Wunder“. Am 24. März soll auf Deutsch „Ein Mädchen nicht von dieser Welt“ herauskommen.

Protagonisten sprechen eigentlich Deutsch

„Ich bin in gewisser Weise ein mitteleuropäischer Schriftsteller“, sagt Appelfeld, der mit ruhiger, bedächtiger Stimme spricht. „Meine Helden sprechen eigentlich Deutsch, obwohl die Bücher auf Hebräisch verfasst sind.“

Menschliche Wärme erfährt er nach dem Holocaust von anderen Überlebenden, die zum halbkriminellen Milieu gehören. „Sie haben mir die Liebe zum Menschen, zum Leben zurückgegeben“, erzählt Appelfeld von den Mitgliedern seiner „zweiten Familie“, die bei Tel Aviv in Zelten lebten. „Sie schmuggelten Zigaretten, tauschten Geld.“ „Auf gewisse Weise war es logisch. Leute, die das Lager überlebt hatten, konnten nicht als Beamte arbeiten, auf dem Sessel sitzen und Zeitung lesen.“

Deutschland hat er mit seiner Frau Judith zum ersten Mal um die Jahrtausendwende besucht. „Ich habe nur nette Leute getroffen“, sagt Appelfeld und schwärmt von seinem Verleger Alexander Fest. „Ich habe mich gut gefühlt und gefreut, dass meine Bücher in Deutschland erscheinen.“

Autor: Von Sara Lemel/dpa/mab

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