Behandlung und Forschung: Dafür steht das Hadassah-Krankenhaus im Jerusalemer Stadtteil Ein Kerem

Behandlung und Forschung: Dafür steht das Hadassah-Krankenhaus im Jerusalemer Stadtteil Ein Kerem

Als Patient im Hadassah-Krankenhaus

Die Hadassah-Krankenhäuser in Jerusalem genießen den Ruf exzellenter Einrichtungen. Doch wer die Gemäuer als Patient von innen sieht, kann sich kaum gegen das typisch israelische Chaos wehren. Ein Erlebnisbericht von Ulrich W. Sahm

Wie eine riesige Burg steht das Hadassah-Krankenhaus mit seinem 19 Stockwerke hohen Patiententurm im westlichen Jerusalemer Viertel Ein Kerem. Seit der Bronzezeit ist diese Gegend besiedelt. Anlass für die Gründung des Ortes war eine Wasserquelle. Heute befindet sich dort ein Universitätsklinikum, das Quelle modernster Medizinforschung ist.

Hadassah – allen Nahost-Fehden zum Trotz kennt und schätzt jeder Prominente der Region diesen Namen. Weder mangelnde diplomatische Beziehungen noch ein bestehender Kriegszustand hindern sie daran, nach Jerusalem zu kommen und sich in Hadassah anzumelden. Und so ist man dort nicht nur für die normalen Patienten, sondern auch für den Medizintourismus vorbereitet.

Buntes Personal

Selbst ein erkrankter deutscher Journalist findet hier ein Bett. In der großen Anmeldehalle sitzt auf der linken Seite unter dem Schild „Empfang für ausländische Patienten“ ein gewissenhafter Beamter. Er nimmt die Personalien auf, die Bezahlung wird geregelt. Saudische Scheichs zücken hier ihre Scheckbücher, während europäische Kunden ihre Versicherungen zwecks Kostenübernahme kontaktieren. Nach absolvierter bürokratischer Prozedur wird ein Armband aus Plastik ausgedruckt und am Unterarm befestigt. Damit ist der Journalist offiziell Patient. Kein Beobachter mehr, sondern Beteiligter. Und damit plötzlich jenseits des normalen Alltags.

Das Armband ist das Eintrittsticket zur Notaufnahme, um von dort irgendwann in die relevante Abteilung überwiesen zu werden. Ein paar Tage in einem schlichten Raum neben der Notaufnahme bieten einen Einblick in die Abläufe dieses Hospitals. Immer wieder versammeln sich hier in einem großen Saal rund 40 Helfer, Ärzte und anderes Personal. Die Zusammenkunft ist so vielfältig wie die Vereinten Nationen, aber lauter als jeder Diplomatencocktail. Alle rufen durcheinander in einem unbeschreiblichen Kauderwelsch aus Hebräisch und Arabisch. Je nach religiöser Zugehörigkeit tragen alle Frauen die unterschiedlichsten farbigen Kopfbedeckungen, vom Turban bis zum Kopftuch. Einige sind bis unter die Augen auch noch verschleiert. Sie wirken, als kämen sie aus dem Iran.

Verlorenes Rennen

Der müde Patient hofft auf ungestörten Schlaf, aber das ist offenbar nicht vorgesehen. Tag und Nacht verschwimmen. Irgendwer kommt irgendwann und macht irgendetwas. Man vergisst die Zeit. Nach ein paar Tagen kommt der Bescheid, mit dem Fahrstuhl in das 19. Stockwerk zu fahren. Dort wartet ein Krankenbett. Tatsächlich findet sich das Zimmer, allerdings ohne angeschlossenes Bad. Aber das wird erst nach dem salzlosen Frühstück und einer begleitenden treibenden Medikation klar.

Die Stationsschwester empfiehlt, den unbeschilderten Flur hinunter zu gehen und an einer der roten Türen rechts abzubiegen. Gesagt, getan. Aber es gibt mehrere rote Türen und nirgendwo ist ein Örtchen zu finden. Die Medizin wirkt hervorragend. Nach dem verlorenen Rennen liegt der Patient schließlich erschöpft wieder im Bett. Die Helfer haben volles Verständnis für die ungeplante Misere, müssen aber passen. Im Augenblick herrsche Mangel an trockener Wäsche.

Assoziationen mit „Bibi“

Die Quelle, nach welcher der Ort benannt ist, erweist sich in der folgenden Zeit ebenfalls als Fata Morgana. An Duschen ist nicht zu denken. Nach einer Weile stellt sich ein fürchterlicher Juckreiz an Bauch und Rücken ein. Besonders ärgerlich, wenn man mit Schläuchen und Kabeln ans Bett „gefesselt“ ist. Allerdings muss man jetzt wenigstens nicht mehr durch endlose Gänge „rennen“, denn von Zeit zu Zeit stellen arabische Helfer den betroffenen Herren sogenannte Pinkeldosen aus Karton zur Verfügung.

Ein kleines Kuriosum am Rande: Araber können kein „P“ aussprechen. Deswegen leben sie zum Beispiel im Westjordanland in der Stadt Nablus, die ursprünglich von den Römern „Neapolis“ genannt wurde. So ergibt sich, dass die Patienten ihr „Bibi“ in Bibi-Büchsen ablassen. Das „Bibi“ wird dann in der Toilette entsorgt. Bekanntlich ist der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu, gegen den nahezu täglich Tausende demonstrieren, in Israel unter seinem Spitznamen „Bibi“ bekannt. Bibi möge mir verzeihen, aber es wird mir vermutlich nicht mehr möglich sein, einen politischen Text zu schreiben, ohne an diese absurde Situation zu denken.

Unverzichtbares Krankenhausutensil: Die „Bibi-Büchse“

Unverzichtbares Krankenhausutensil: Die „Bibi-Büchse“

Fest steht: So gut die technische und medizinische Ausstattung dieser Klinik auch ist – und sie ist wirklich gut –, so planlos, ziellos und chaotisch erscheint alles, was mit Zeitstruktur (täglich kommen andere zu anderen Zeiten) oder gar Grundpflege (es reicht doch, wenn die Einstichstelle desinfiziert ist – Waschen wird völlig überbewertet) zu tun hat.

Kreativer Beamter

In der zweiten Woche steht der Umzug ins 4. Stockwerk an. In dieser Abteilung ist der Standard unvergleichlich besser. Es gibt sogar ein angeschlossenes Bad, sodass endlich Zähneputzen und Duschen möglich gewesen wären, wenn nicht die am Körper befestigten Schläuche und Kabel letzteren Vorsatz verhindert hätten.

Auf dieser letzten Station schauen sich die behandelnden Ärzte das anfangs ausgestellte Armband genauer an. Denn plötzlich tritt das Gerücht auf, hier liege ein Patient, der nicht bezahlt habe. Eine genaue Überprüfung ergibt, dass der „gewissenhafte“ Beamte bei der Aufnahme typisch israelisch „ganze“ Arbeit geleistet hat. Der deutsche Vornahme Ulrich war einem kreativ gemalten „Orlish“ gewichen, der Nachnahme Sahm war verdreht zu „Sham“ und die sogenannte Passnummer frei erfunden. Mit der vorgelegten Nummer hatte sie nichts zu tun. Die Frage, wessen Rechnung die Krankenkasse denn nun bezahlt hat, harrt noch der Klärung.

Die Mahlzeiten haben den Charme der üblichen Krankenhauskost, die ja bekanntlich international so gestaltet wird, dass die Patienten möglichst keine Stunde länger als irgend nötig verweilen. Das bereitgestellte Trinkwasser ist vorzüglich, so dass man niemals Durst leidet – vorausgesetzt, man kann die Helfer daran hindern, die vor wenigen Minuten noch bereitgestellte Flasche genau so schnell wieder zu entfernen, was nicht immer gelingt.

Kreative Patientenakte

Die Entlassung verläuft dann ebenfalls sehr originell. Als der ausländische Patient zu Beginn der dritten Woche wieder einigermaßen auf den Beinen steht und damit „droht“, notfalls auch eigenmächtig nach Hause zu verschwinden, verkündet plötzlich einer der Ärzte, dass ein Entlassungsschreiben bereit liege, verrät aber trotz Nachfragen nicht, wo und bei wem es abgeholt werden könne.

Zwei Tage und viele Recherchen später findet sich zum Glück bei der Stationsschwester eine Aktenmappe mit Resultaten des Elektrokardiogramms, dem Arztbericht und Rezepten für die Weiterbehandlung zum Einreichen bei einer Apotheke. Hier ist der Name richtig geschrieben, und es wird deutlich, dass auch die Medikation durchaus modernen Standards folgt, nur stehen da auch Dinge drin, die dem staunenden Patienten völlig neu sind: Aber wenn man hier der Ansicht ist, dass man einen Ulrich Sahm schon im Rambam–Krankenhaus in Haifa gesehen habe, wer bin ich, daran zu zweifeln? Die Aussicht auf einen Besuch im eigenen Bad lässt jedes Widerwort verstummen.

Irritierende Ruhe

Nach der Heimkehr werden die letzten Kabel vom Körper abgerissen und es geht endlich unter die Dusche. Eine kräftige Bürste und viel heißes Wasser macht aus dem bronzezeitlichen Urmenschen einen neuen Mann. Die Haut juckt zwar immer noch, aber das ist unerheblich, denn die Kette der Minikatastrophen ist noch nicht zu Ende. So stellt sich heraus, dass die Telefongesellschaft Bezeq trotz vorliegender Einzugsermächtigung die Telefonleitung „wegen unbezahlter Rechnungen“ gekappt hat. Nach einem langen Wochenende ohne Kontaktmöglichkeit wegen „geschlossener Büros“ ist erst am Sonntag, dem ersten Werktag in Israel, zu erfahren, dass Bezeq zwar immer noch über die gültige Kreditkartennummer verfügt, diese aber aus welchem Grund auch immer nicht ausprobiert hat.

Innerhalb von Minuten funktionieren Telefon und auch das daran angeschlossene Internet wieder. Über 1.800 Mails harren der Bearbeitung. Und so macht sich der ehemalige Patient denn endlich wieder an die Arbeit. Die Waschmaschine läuft, es herrscht himmlische Ruhe im Haus und er unterbricht den Mailmarathon nur, um sich eine Suppe zu kochen. Pustekuchen. Das Gas ist abgestellt. Während man noch am Schreibtisch saß, ist der Anschluss außen am Haus überprüft worden und die Prüfer gingen davon aus, dass hier mangels häuslichem Krach kein Mensch wohne. Eine Klingel zu betätigen fiel ihnen wohl nicht ein. Wieder ein Anruf. Wieder ein paar Stunden Wartezeit. Jetzt sitze ich vor einem leckeren Teller selbstgekochter Suppe. Aber ich bin sicher, dass das nächste kleine Chaos schon irgendwo lauert.