Weltweit beliebt: Ein amerikanischer und ein britischer Soldat beim Krav-Maga-Training

Weltweit beliebt: Ein amerikanischer und ein britischer Soldat beim Krav-Maga-Training

„Auf der Straße gibt es keine Regeln“

Waffe am Hals, blaue Flecke und Kratzer am Schienbein: Krav Maga zu üben, kann weh tun. Diese Form der Selbstverteidigung kommt aus Israel und wird heute international trainiert. Dabei geht's um Reflexe – und ums Selbstbewusstsein.

TEL AVIV (inn) – Joggen bei Dunkelheit im Park, eine Gruppe Betrunkener auf der Straße, der Bericht über eine Messerattacke oder einen Terroranschlag: Schon die Vorstellung, selbst einmal in eine Gefahrensituation zu geraten, kann Angst bereiten.

Manche Menschen lernen deshalb einen Kampfsport wie MMA – Mixed Martial Arts –, Boxen, Karate oder Judo. Doch Kämpfen im Ring und auf der Matte ist nicht das Gleiche wie eine gewaltsame Auseinandersetzung im Alltag, auf der Straße, bei einem Überfall. „Auf der Straße gibt es keine Regeln“, beschreibt der Israeli Oren Mellul den Unterschied.

Er lehrt eine Form der Selbstverteidigung, die nah dran ist an der Realität und die sich vom Kampfsport abgrenzt: Krav Maga. Ziel ist dabei nicht, einen Kampf zu gewinnen, sondern bei einer Attacke zu überleben. Wer Krav Maga trainiert, lernt Gefahren früh zu erkennen, Konflikten auszuweichen und sich im Notfall zur Wehr zu setzen. Den Fans geht es also in der Regel nicht um Muskelspiele oder Polizei-Ersatz.

Die Anfänge in den 1930er Jahren

Krav Maga ist hebräisch und bedeutet „Kontaktkampf“. Entwickelt wurde das System von Imi Lichtenfeld. In den 1930er Jahren bildete er in Bratislava eine Art Schutztruppe, um jüdische Mitbürger gegen antisemitische Schläger zu schützen. Diese Erfahrungen ließ er später in Israel in die Weiterentwicklung des Selbstverteidigungssystems einfließen.

Es gibt Krav Maga fürs Militär, für die Polizei – und für jedermann. Manchmal bieten Firmen Trainings für Mitarbeiter an, oder man bucht Kurse in Studios. Heute üben Männer und Frauen weltweit die Abwehrtechniken: sowohl in Israel, wo politische Gewalt und Terror sehr präsent sind, als auch in Japan, das international als eines der

sichersten Länder gilt. Auch in Deutschland gibt es viele Fans. Was bewegt Menschen, Krav Maga zu lernen?

Gar nicht erst Opfer werden

Die schlanke junge Frau ist ganz in schwarz gekleidet. Sie ist klein, aber sehr durchtrainiert. Plötzlich packt ein gut zwei Köpfe größerer Hüne sie von hinten und hebt sie wie eine Feder hoch. Der Mann hält sie fest im Griff. Doch die 21-Jährige kann sich schnell befreien. Sie wirbelt herum und simuliert einen Tritt in seine Genitalien.

Schana Cohen ist in Paris aufgewachsen und vor zwei Jahren nach Israel eingewandert. Seitdem trainiert sie mit dem Krav-Maga-Experten Oren Mellul. Die Frau hat eine ganz spezielle Motivation, sich zur Abwehrkämpferin ausbilden zu lassen: Als Jüdin habe sie sich in Frankreich oft durch Antisemitismus bedroht gefühlt, erzählt Cohen. Sich wehren zu können, sei ihr wegen ihrer Körpergröße besonders wichtig. „Ich bin klein, deswegen muss ich mich verteidigen können“,

sagt die 1,54-Meter-Frau mit einem Lächeln.

Sie habe seit ihrer Kindheit mehrere Kampfsportarten ausprobiert. Ihre braunen Haare sind zu einem Zopf gebunden. „Für mich war es immer wichtig, mich selbst behaupten zu können, mich nicht auf andere zu verlassen.“

Die Mitglieder in Melluls Gruppe simulieren gefährliche Situationen im Alltag. Einige Deutsche, die für eine Weile in Israel leben, gehören ebenfalls dazu. Sie alle spielen auch Straßenkämpfe durch. Und üben in einem Fitnessclub im Zentrum Tel Avivs mit Revolvern und Messern, allerdings mit Attrappen.

Messerattacken überleben

Lehrer Mellul stellt sich hinter Schana Cohen. Er gibt den Angreifer und hält ihr ein Messer an den Hals. Sie greift blitzschnell seinen Arm und dreht ihn so, dass er die Waffe fallen lassen muss. Wie das genau geht, lernt man hier.

„Normalerweise kann man eine Messerattacke nicht ohne einen Kratzer überstehen“, lautet die Einschätzung des 29-jährigen Trainers. „Es geht darum, am Leben zu bleiben.“ Er bezieht diesen Satz auf eine Welle von Messerattacken, die Palästinenser seit 2015 auf Israelis verübt haben, und auch auf bedrohliche Zwischenfälle im Nachtleben.

Schana Cohen sagt, das Training stärke ihr Selbstbewusstsein: „Ich kann in Tel Aviv nachts durch die Straßen gehen und ich weiß, was ich tun muss, wenn mich jemand angreift“, berichtet sie. „Ich musste es noch nie auf der Straße anwenden. Aber ich bin bereit, es zu tun, wenn ich muss.“

Trainer Mellul sagt, er sehe eine „weltweit wachsende Nachfrage nach Krav Maga“. Das System werde beliebter. „Man erwirbt schnell Fähigkeiten zur Selbstverteidigung, schon nach einer Unterrichtsstunde.“ Zugleich sei es für viele geeignet: „Egal, wie klein du bist, wie stark dein Angreifer ist, mit Hilfe physikalischer Grundsätze wie Hebelwirkung, dem Ausnutzen von Schwachpunkten, kann man jemanden abwehren.“

Der Trainer betont, bei Krav Maga gehe es nicht darum, „dem Angreifer zu zeigen, dass du stärker bist“. Es geht darum, „sicher zu deinen Lieben nach Hause zu kommen“.

Selbstbewusstsein stärken

Mitunter verlaufe dennoch nur eine dünne Linie zwischen Verteidigung und Angriff, gibt er zu. Der erste Grundsatz von Krav Maga laute: „Wenn du weglaufen kannst, lauf weg. Aber wenn du zurückschlagen musst, um dein Leben zu retten, dann schlag zurück und tue alles Nötige, um den Angreifer in die Flucht zu schlagen.“

Das Training könne Angst verringern und das Selbstbewusstsein stärken – und allein damit die Wahrscheinlichkeit verringern, dass man überhaupt angegriffen werde, sagt der Trainer. „Man strahlt mehr Selbstsicherheit aus, durch Körpersprache, durch den Tonfall. Ein potenzieller Angreifer denke dann eher: ,Oh, mit diesem Typ will ich

mich lieber nicht anlegen.'“

Hintergrund: Imi Lichterfeld, Gründungsvater von Krav Maga

Sein Foto hängt in Trainingsräumen in aller Welt: Imrich (Sde Or) Lichtenfeld. Imi, so der Kurzname, ist der Gründungsvater von Krav Maga. Der Jude wurde 1910 in Budapest geboren und wuchs in Bratislava in der heutigen Slowakei auf. Dort war sein Vater Hauptkommissar der Stadtpolizei. Außerdem betrieb dieser ein Trainingscenter für Sport und Selbstverteidigung. Unter dem Einfluss des Vaters und weil er Talent hatte, wurde Imi ein erfolgreicher Boxer, Ringer und Turner.

Als in den 1930er Jahren antisemitische Ausschreitungen die jüdische Bevölkerung von Bratislava bedrohten, schloss sich Imi mit anderen jungen Leute zu einer Schutztruppe zusammen. In Straßenkämpfen mit faschistischen Schlägergangs lernte er schnell, dass Kampf als Sport wenig gemein hat mit einem echten Schlagabtausch auf der Straße.

Imi Lichterfeld (l.), der Begründer des Selbstverteidigungssystems Krav Maga

Imi Lichterfeld (l.), der Begründer des Selbstverteidigungssystems Krav Maga

Seine Erfahrungen halfen ihm später, ein Selbstverteidigungssystem zu entwickeln, das auf natürlichen Bewegungsabläufen und Reaktionen des Menschen basiert, kombiniert mit sofortigen, entscheidenden Kontern: Krav Maga.

Nach einer dramatischen Flucht aus seiner von den Nazis beherrschten Heimat gelangte er 1942 in das damalige Palästina. Dort lehrte Imi Lichtenfeld in der vorstaatlichen militärischen Hagana-Organisation, der Vorgängerin der israelischen Streitkräfte, Nahkampf.

Trainig für Militär und Zivilisten

Nach der Staatsgründung Israels 1948 wurde er Chefausbilder für Fitness und Krav Maga der israelischen Armee. Nach seinem Ausscheiden aus dem Militär 1964 begann er, Krav Maga an die Bedürfnisse von Zivilisten anzupassen.

Bis zu seinem Tod 1998 arbeitete Imi Lichtenfeld an der Fortentwicklung der Techniken und Konzepte von Krav Maga. Zu seinen Grundprinzipien gehörten stets der Respekt gegenüber anderen Menschen, das Vermeiden unnötiger Gewalt, Bescheidenheit, Fairness sowie das Streben nach Frieden.

Von: dpa

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