In Deutschland nahm die antijüdische Gewalt im vergangenen Jahr gegen den weltweiten Trend zu

In Deutschland nahm die antijüdische Gewalt im vergangenen Jahr gegen den weltweiten Trend zu

Antisemitismus weltweit auf dem Vormarsch

Die physische Gewalt gegen Juden nimmt zahlenmäßig zwar ab – wird dafür aber immer brutaler. Die Zahl antisemitischer Zwischenfälle insgesamt steigt weiter.

TEL AVIV (inn) – Als im März in Paris die 85-jährige Holocaust-Überlebende Mireille Knoll ermordet wurde, war die Erschütterung groß. Ein junger Mann mit Migrationshintergrund und ein Obdachloser hatten die betagte Dame zunächst erstochen und anschließend ihre Wohnung ausgebrannt. Sie hatten fälschlicherweise geglaubt, viel Geld bei Knoll vorzufinden, weil sie Jüdin war.

Laut der Universität Tel Aviv steht dieser Fall beispielhaft für die Entwicklung des Antisemitismus weltweit. In einer Studie kommen Forscher zu dem Ergebnis, dass die physische Gewalt gegen Juden zwar zahlenmäßig abnimmt, sich jedoch zunehmend brutalisiert und schwerwiegendere Schäden anrichtet.

„Hohe Präsenz von Sicherheitsmaßnahmen zeigt, dass diese notwendig sind“

Lag die Zahl der antijüdischen Gewaltverbrechen 2016 noch bei 361, fiel sie im vergangenen Jahr auf 327. Das entspricht einem Rückgang von rund neun Prozent, enthält jedoch noch nicht die jüngsten Vorfälle in Frankreich. 2009 waren noch 1.118 Gewaltverbrechen weltweit registriert worden. Die meisten Gewalttaten gab es demnach in den Vereinigten Staaten (99), gefolgt von dem Vereinigten Königreich (55) auf Platz zwei und Deutschland (36) auf Platz drei.

30 Prozent aller solcher Vorfälle zielten dabei auf Menschen ab (absolut: 99), 24 Prozent auf privaten Besitz (77), 20 Prozent auf Gedenkstätten und Friedhöfe (67), 17 Prozent auf Synagogen (55) und 9 Prozent auf Schulen und jüdische Versammlungsorte (29). In 214 Fällen wurden dabei Waffen verwendet (65 Prozent).

Dass die Zahl der Gewaltverbrechen zurückgeht, führen die Macher der Studie vor allem auf eine bessere Geheimdienstarbeit und verstärkte Sicherheitsmaßnahmen zurück. Das werde unter Juden allerdings nicht nur positiv aufgenommen. „Denn die hohe Präsenz von Sicherheitsmaßnahmen zeigt ja, dass diese notwendig sind.“ Auch dass viele Juden sich in der Öffentlichkeit nicht mehr als solche ausgäben, nennen die Forscher als Grund für den Rückkang von Gewalttaten. Ebenso, dass sich Rechtsaußen-Bewegungen heute in erster Linie auf die hohe Zahl von Migranten fokussierten.

Nicht-gewalttätiger Antisemitismus nimmt „dramatisch“ zu

Trotz des numerischen Rückgangs der antisemitischen Gewalttaten warnt die Studie insgesamt vor einer Verschlechterung der Situation. So nehme jener Antisemitismus „dramatisch“ zu, der sich in anderen nicht-gewalttätigen Formen äußere, etwa in Schikanen in Schulen oder Sozialen Medien oder in Beleidigungen – ob auf dem Fußballplatz, in Universitäten, bei Demonstrationen oder am Arbeitsplatz.

Auch den klassischen Antisemitismus sehen die Forscher im Aufwind. So werde das Wort „Jude“ heutzutage wieder als Schimpfwort verwendet. Zudem bereitet den Forschern der Aufstieg rechtskonservativer und -radikaler Parteien Sorge, auch wenn diese sich in der Öffentlichkeit oftmals positiv zu Israel positionierten. Je weiter der Zweite Weltkrieg und der Holocaust zurücklägen, desto mehr nehme die Verbundenheit mit der jüdischen Gemeinschaft und Israel ab.

Die Folge: Jüdisches Leben werde überall auf der Welt zurückgedrängt. Juden fühlten sich nicht mehr zugehörig, hätten Angst, sich zu ihrem Glauben zu bekennen, vertrauten teilweise nicht mehr in die schützende Hand des Staates.

Opposition gegen BDS wächst

Doch der Bericht sieht auch Erfolge in der weltweiten Antisemitismusbekämpfung. So hätten sich inzwischen viele Regierungen, darunter auch die deutsche, zu umfassenden Antisemitismusdefinitionen bekannt. Die Bundesregierung hatte im September eine Definition gebilligt, die auch Angriffe auf Israel „als jüdisches Kollektiv“ miteinbezieht.

Auch die Tatsache, dass die Boykottbewegung BDS inzwischen mit gesetzlichen und finanziellen Einschränkungen zu kämpfen habe, erwähnt der Bericht positiv. So hatte etwa die Stadt Frankfurt am Main im Januar angekündigt, Banken, die Geschäftsbeziehungen zur BDS-Bewegung unterhalten, zu boykottieren.

Sorgenkind Deutschland

Ein Grund zum Aufatmen ist das jedoch nicht. Gerade auch in Deutschland konstatiert die Studie massive Probleme. Hier nahmen die gemeldeten antisemitischen Vorfälle von 2016 auf 2017 von 644 auf 707 zu, Volksverhetzung ausgeschlossen. Und auch antisemitisch motivierte Gewalttaten stiegen von 15 im Vorjahr auf 24 in 2017 – gegen den weltweiten Trend.

In Großbritannien wird ein Anstieg antisemitischer Zwischenfälle um drei Prozent auf 1.382 registriert. In Frankreich nahmen judenfeindliche Vorfälle laut staatlichen Angaben von 355 auf 311 ab, während antijüdische Gewalttaten von 77 auf 97 stiegen. Der jüdischen Gemeinde zufolge befänden sich jedoch viele Juden in einem „internen Exodus“ und wechselten den Wohnsitz und die Schulen ihrer Kinder. Die offiziellen staatlichen Angaben will die Studie ausdrücklich nicht als verifiziert ansehen. Außerordentlich schlecht stellt sich die Situation auch in den Vereinigten Staaten da. Wurden hier 2016 noch 1.267 antisemitische Vorkommnisse gemeldet, waren es 2017 schon 1.986.

Von: ser

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