Seit 30 Jahren gedenken Überlebende und Jugendliche aus aller Welt mit dem Marsch in Auschwitz der Holocaust-Opfer

Seit 30 Jahren gedenken Überlebende und Jugendliche aus aller Welt mit dem Marsch in Auschwitz der Holocaust-Opfer

Debatte um Polens Holocaust-Gesetz begleitet Gedenken junger Juden

Junge Juden aus aller Welt wollen in Auschwitz der Opfer der Scho'ah gedenken. Zu tausenden sind sie zum „Marsch der Lebenden“ nach Polen gereist. Der jüngste Streit zwischen Israel und Polen um ein Warschauer Holocaust-Gesetz ist auch bei den Jugendlichen Thema.

KRAKAU / OSWIECIM (inn) – Singend ziehen Gruppen junger Juden aus aller Welt durch Krakaus jüdisches Viertel Kazimierz. Zum Gedenken an die sechs Millionen Schoah-Opfer sind tausende von ihnen nach Polen gereist. Von Holocaust-Überlebenden begleitet, wollen sie am heutigen Donnerstag beim sogenannten „Marsch der Lebenden“ den etwa drei Kilometer langen Weg von Auschwitz nach Birkenau gehen, in das größte ehemalige deutsche Konzentrationslager. Die Organisatoren erwarten eine Rekordteilnehmerzahl von 12.000 Menschen.

„Hier zu sein, bedeutet sehr viel für mich“, sagt die 18-jährige Michelle aus Panama. Die junge Jüdin ist mit ihrer Schule zum ersten Mal dabei. „Wir kennen die Orte nur aus Filmen und Büchern, aber jetzt wo wir hier sind, beginnen wir zu verstehen, was unsere Vorfahren erlebt haben“, sagt sie.

Unterschiedliche Meinungen zum Holocaust-Gesetz

Die Feierlichkeiten werden allerdings von der jüngsten Diskussion um Polens umstrittenes Holocaust-Gesetz begleitet, das zu Jahresbeginn eine diplomatische Krise zwischen Israel und Polens nationalkonservativer Regierung auslöste. Die Regelung sieht Geld- und sogar Haftstrafen für diejenigen vor, die dem polnischen Staat oder Volk „öffentlich und entgegen den Fakten“ die Verantwortung oder Mitverantwortung für Verbrechen des Nazi-Regimes zuschreiben. Polen war von 1939 bis 1945 von NS-Deutschland besetzt.

Einige der jungen Marsch-Teilnehmer reagieren teilweise mit Verständnis. „Die Polen hatten keine Regierung, sie haben nichts getan“, meint Michelle. Einer ihrer Kameraden widerspricht, auch Polen hätten vereinzelt Straftaten verübt. „Sie können sich nicht einfach per Gesetz von ihrer Schuld befreien“, betont er. Kritik gibt es auch aus dem eigenen Land. „Man kann eine Wahrheit nicht von oben herab per Gericht festlegen“, meint Magda, eine Polin jüdischer Herkunft. Sie fügt hinzu: „Es ist eine schlechte Regelung, wir brauchen nicht noch mehr Streit“.

Kritiker werfen der Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit PiS vor, mit dem Gesetz von Polen begangene Verbrechen an Juden vertuschen zu wollen. Es hagelte Kritik, die Vorschrift verstoße gegen die Redefreiheit. Es wurden auch die Sorge laut, Überlebende könnten nicht ungestraft von negativen Erfahrungen mit Polen erzählen.

Keine Absagen

Die Verunsicherung vieler Teilnehmer bekamen auch die Organisatoren des Marsches zu spüren. Es habe besorgte Anfragen vor der Reise nach Polen gegeben, sagt Elie Klein. „Viele Teilnehmer waren unsicher, welche Folgen das Gesetz haben kann.“ Abgesagt habe aber keiner. Die Teilnahme am Marsch sei den meisten zu wichtig gewesen, sagt Klein. „In der Tat wird es der bisher größte Marsch.“

Sowohl in Israel als auch Polen ist der Streit um das Gesetz in den vergangenen Wochen weitgehend abgeebbt. Zum 30. Jahrestag des Marsches werden die Präsidenten beider Länder, Reuven Rivlin und Andrzej Duda, erwartet. Warschau müht sich, die Krise einzudämmen und lässt das Gesetz auf Anweisung Dudas vom Verfassungsgericht prüfen.

Die Nationalkonservativen schlossen inzwischen auch Nachbesserungen der Regelung nicht aus. Dies sei von der Beurteilung des Gerichts abhängig, heißt es. Eigentlich wollten sie Polens guten Namen schützen und unter anderem historisch falsche Ausdrücke wie „polnische Todeslager“ unterbinden. Doch die Kritik an dem Gesetz fuhr dem Land einen Image-Schaden ein.

Familiengeschichte entscheidend für Bewertung des Gesetzes

Der Ärger auf Polen habe die ansonsten gespaltenen Israelis geeint, sagt die israelische Journalistin Judy Maltz. Sie ist unabhängig vom Marsch in das Land ihrer Vorfahren gereist. „Ob die Israelis die Polen kritisieren oder verteidigen, hängt ganz von den individuellen Erlebnissen ihrer Familien ab“, sagt Maltz, deren Großvater von einer Polin gerettet wurde. Die Frau, über die Maltz sogar eine Doku drehte, hielt mehr als ein Dutzend ihrer jüdischen Nachbarn vor den Nazis versteckt.

Maltz hat für das Vorgehen der PiS-Regierung kein Verständnis. „Auch mich macht das Gesetz sauer“, sagt sie und zweifelt zudem an seiner Anwendbarkeit. „Dazu müsste man ja alle privaten Gespräche der Menschen beschatten.“ Der polnisch-israelische Konflikt könne nur durch eine Änderung des Holocaustgesetzes beigelegt werden. „Wenn es dazu nicht kommt, kocht der Streit bestimmt wieder hoch.“

Von: dpa

Sie können sich über Disqus, facebook, Twitter oder Google+ anmelden um zu kommentieren. Bitte geben Sie einen Namen, unter dem Ihr Kommentar veröffentlicht wird, und eine E-Mail-Adresse ein. Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Um Missbrauch zu vermeiden, werden wir Ihren Kommentar erst nach Prüfung auf unserer Seite freischalten. Wir behalten uns vor, nur sachliche und argumentativ wertvolle Kommentare online zu stellen. Bitte achten Sie auch darauf, dass wir Beiträge mit mehr als 1600 Zeichen nicht veröffentlichen. Mit Abgabe des Kommentars erkennen Sie die Nutzungsbedingungen an.

Datenschutz
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Moderation
Die Moderation der Kommentare liegt allein beim Christlichen Medienverbund KEP e.V. Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in den Nutzungsbedingungen.

comments powered by Disqus