Der Newsroom im Hafen von Jaffa: Hier entstehen drei TV-Programme

Der Newsroom im Hafen von Jaffa: Hier entstehen drei TV-Programme

Israels BBC sendet nur im Ausland

Auch Israel hat einen internationalen Nachrichtensender: „i24 News“ sendet in drei Sprachen und erhofft sich einen Heimvorteil bei der Berichterstattung über den Nahost-Konflikt. Lob kommt aus Europa – und der arabischen Welt.

Die Redaktion des Nachrichtensenders „i24 News“ im historischen Tel Aviver Stadtteil Jaffa unterscheidet sich von den meisten anderen auf der Welt. Das Fernsehprogramm mit aktuellen Nachrichten aus Israel wird parallel in drei Sprachen produziert: Englisch, Arabisch und Französisch. Damit soll eine Alternative geboten werden zu internationalen Programmen wie CNN, BBC oder dem arabischen „Al-Dschasira“, die laut Senderchef Frank Melloul eine entscheidende Schwäche aufweisen: „Die internationalen Programme berichten über den Nahen Osten, wenn es einen Anschlag oder eine Militäroperation gibt, und danach sind sie wieder weg“, erklärt er. „Wir dagegen sind die ganze Zeit dabei, nicht nur in Zeiten von Krieg und Terror.“

Frank Melloul will in seinem Sender die Realität des Nahen Ostens abbilden

Frank Melloul will in seinem Sender die Realität des Nahen Ostens abbilden

Bevor Melloul 2013 mit dem Aufbau von „i24 News“ begann, war er Berater des ehemaligen französischen Regierungschefs Dominique de Villepin; außerdem spielte er eine zentrale Rolle bei der Entwicklung von „France 24“, einem Nachrichtenkanal, der seit 2006 in drei Sprachen eine französische Perspektive auf das Weltgeschehen wirft. Für seine Arbeit bei „i24 News“ war das entscheidend. Die Zusammenarbeit zwischen Menschen unterschiedlicher kultureller Hintergründe ist möglich, so seine Erfahrung. Bei dem israelischen Nachrichtensender arbeiten Araber und Juden, Christen und Muslime Hand in Hand zusammen. Die meisten der 300 Mitarbeiter sprechen mehr als eine der Produktionssprachen. In der zentralen Nachrichtenredaktion des Senders gibt es drei Fernsehstudios mit Regieräumen, eine weitere Trennung nach Sprachen findet in der Redaktion nicht statt.

Dass das in der Praxis mitunter zu Schwierigkeiten führt, weiß Pola Nathusius. Die 27-jährige Volontärin aus Deutschland hat zwei Monate bei „i24 News“ gearbeitet. „Viele beim englischen Kanal sprechen kein Hebräisch“, sagt sie. „Oder sie sprechen es, können es aber nicht lesen. Dann können sie keine der Computer benutzen, die in der hebräischen Sprache konfiguriert sind.“ Die Synergien im Team würden bei weitem nicht so gut genutzt, wie eigentlich von der Geschäftsführung gewollt. Zwischen dem englischen und dem arabischen Kanal finde nur wenig Kommunikation statt. „Das ist schade, weil zum Beispiel bei der Akquise von Interviewpartnern im arabisch-sprachigen Raum eine Zusammenarbeit sehr nötig wäre“, hat Nathusius erfahren.

Als im November die Buschfeuer, zum Teil durch Brandstiftung, Israel in Atem hielten, hatten der amerikanische und der französische Sender ausführlich und aktuell berichtet, der arabische später und schleppender. „Darüber haben sich die Mitarbeiter des englischen Kanals lustig gemacht, nach dem Motto: ‚Klar, dass die das nicht schlimm finden, ein Wunder, dass sie nicht feiern‘.“ Zwischen der französischen und englischen Redaktion gebe es immerhin ein bisschen Kommunikation – aber mehr auch nicht. „Da arbeitet jeder für sich – auf jemanden mit Redaktionserfahrung in Deutschland wirkt alles ziemlich unorganisiert und wenig effektiv“, erklärt Nathusius. Gewöhnen musste sie sich an den zwar herzlichen, aber auch rauen Umgangston im Team. Als Feedback eines Vorgesetzten habe sie einmal das Wort „beschissen“ gehört. In einer anderen Situation bekam sie vom Chefredakteur Adar Primor ein Stück Kuchen zur Entschuldigung. Primor leitet den englischen Kanal und ist Sohn des Diplomaten Avi Primor.

Die Redakteure arbeiten rund um drei gläserne TV-Studios, aus denen gesendet wird

Die Redakteure arbeiten rund um drei gläserne TV-Studios, aus denen gesendet wird

Über Kabel, Satellit und Internet werden die Programme weltweit übertragen und vor allem in Europa und arabischen Ländern geschaut. „Aus der ganzen Welt, besonders auch aus Frankreich, danken uns die Zuschauer für unsere unabhängige Perspektive“, erklärt Melloul. Auch aus dem muslimischen Staat Bahrain habe er dieses Lob schon vernommen. Der Livestream des arabischen Programms wird vor allem in Saudi-Arabien, Ägypten, dem Irak und Marokko gesehen, außerdem in den Palästinensergebieten und in Jordanien. ABC, einer der größten TV-Sender der USA, ist inzwischen Partner von „i24 News“. Die beiden Redaktionen tauschen Videomaterial aus und machen sich Synergien zunutze.

Pola Nathusius hat eine Erfahrung gemacht, die sie bedauert, sie aber nicht überrascht: „Es ist mir mehrfach passiert, dass Interviewpartner wieder abgesagt haben, nachdem sie herausgefunden haben, dass wir in Israel sitzen. Eines der ersten Dinge, die ich gesagt bekommen habe, war, dass ich den Redaktionsort so lange umschreiben soll wie möglich.“ Statt Tel Aviv habe sie den Stadtteil Jaffa als Firmensitz angeben sollen. „Eine Kollegin mit klar hebräischem Namen hat sich am Telefon bei kritischen Kontakten, nicht nur aus arabischen Ländern, mit einem europäischen Namen gemeldet, damit nicht sofort klar ist, dass sie Jüdin ist. Für eine deutsche Journalistin wie mich war es auch traurig, von angefragten Personen gesagt zu bekommen: ‚Ich würde euch gerne ein Interview geben, aber ich begebe mich in Gefahr, wenn ich mit einem Sender aus Israel spreche.‘“

Auch Israel-Hasser dürfen auftreten

Melloul beschreibt die Vision des Senders so: „Unsere Aufgabe ist es, die Realität abzubilden. Deswegen dürfen bei uns auch Mitglieder der Hamas im Programm auftreten.“ Besonders eindrücklich zeigte sich dies im Morgenprogramm nach einem Anschlag in Tel Aviv, bei dem Terroristen vier Besucher eines Cafés erschossen. Dimitri Diliani, ein Mitglied der palästinensischen Regierungspartei Fatah, äußerte auf „i24 News“ Verständnis für die Attentäter, die durch die „ungerechte israelische Besatzung“ zu ihrer Tat getrieben worden seien.

Fatah-Mitglied Dimitri Diliani (kleines Bild) wettert auf „i24 News“ gegen Israel

Fatah-Mitglied Dimitri Diliani (kleines Bild) wettert auf „i24 News“ gegen Israel

Dass die Macher aus pro-israelischem Aktivismus heraus die Regierungslinie vertreten, hat auch Pola Nathusius nicht erlebt: „Viele Beschäftigte beim englischen Kanal sind liberale Amerikaner, die eingewandert sind. Das Entsetzen unter denen über Benjamin Netanjahu und Donald Trump ist ziemlich groß.“

Belustigt ist Melloul, wenn er die Verwunderung ausländischer Journalisten sieht, die zum ersten Mal nach Israel reisen. „Die sind erstaunt, wie normal das Leben hier ist, und dass der Konflikt den Alltag nicht vollständig durchdringt.“ Einen Wermutstropfen gibt es für „i24 News“: In Israel selbst ist der Kanal nur über das Internet, aber nicht im Kabelfernsehen zu empfangen. Nach israelischem Recht darf ein Kabelnetzbetreiber nicht gleichzeitig einen Fernsehsender unterhalten. „i24 News“ gehört dem Konzern „Hot“, der auch das Kabelnetz betreibt.

Von: Moritz Breckner

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