Der Maler Jehuda Bacon in seinem Jerusalemer Atelier im Jahr 2008

Der Maler Jehuda Bacon in seinem Jerusalemer Atelier im Jahr 2008

Israelischer Maler Jehuda Bacon beunruhigt von Deutschland

Jehuda Bacon überlebte Auschwitz und wurde Maler. Seine Zeichnungen dienten im Eichmann-Prozess als Beweise. Der 87-Jährige schaut mit Sorge auf die Veränderungen in Deutschland.

Er wollte alles sehen: die Gaskammern, die Krematorien, die Lager. Damit er darüber berichten konnte, wenn er Auschwitz überlebte. „Ich war ein sehr neugieriges Kind“, sagt Jehuda Bacon. Er ließ sich von Juden des Sonderkommandos, die bei der Massenvernichtung helfen mussten, alles in dem Konzentrationslager erklären. „Ich sagte diesen Leuten: Wenn ich rauskomme, dann werde ich von euch erzählen.“

Bacon überlebte Auschwitz und den Holocaust, die systematische Vernichtung von sechs Millionen Juden durch die Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkrieges. Er hielt sein Versprechen und sagte in dem Verfahren gegen den NS-Verbrecher Adolf Eichmann in Israel aus und im Auschwitzprozess in Frankfurt. Am 27. Januar gedenkt die Welt des Völkermordes.

Seine Zeichnungen waren Beweismittel im Eichmann-Prozess

Jehuda Bacon ist ein kleiner Mann mit weißem Haar und Brille, der viel lächelt, wenn er auf Deutsch erzählt. Dabei unterstreicht der Maler seine Aussagen oft mit ausladenden Armbewegungen. Auch Zeichnungen des Künstlers wurden in den Prozessen in Jerusalem und Frankfurt als Beweismittel verwendet.

Bacon studierte nach dem Krieg unter anderem an der Bezalel-Kunsthochschule in Jerusalem, wo er später auch Professor für Grafik wurde. Dort lebt er heute noch mit seiner Frau. Der 87-Jährige wurde 1929 in Ostrava (Mährisch-Ostrau) im heutigen Tschechien geboren. Nachdem die Deutschen den Ort besetzt hatten, wurde Bacon mit seiner Familie ins Lager Theresienstadt deportiert, im Jahr darauf nach Auschwitz.

Bacon zeichnete in den Lagern, was er sah und erlebte. Ein Bild, das heute in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem hängt, zeigt das Gesicht eines Mannes, das sich im Rauch über einem Schornstein auflöst. Es ist Bacons Erinnerung an den Vater, der in der Nacht auf den 11. Juli 1944 zwischen 1.00 und 4.00 Uhr in Auschwitz vergast wurde.

Sonderkommando ließ ihn in Gaskammer aufwärmen

„Ich konnte alles erklären, wie das passiert ist“, sagt Bacon. Gemeinsam mit anderen Jungen musste er anstelle von Pferden einen Rollwagen ziehen. Dadurch kam er in die unterschiedlichen Bereiche des Lagers. Eines Tages erlaubte ihnen ein Mitglied des Sonderkommandos, sich in einer des Gaskammern aufzuwärmen.

„Ich sah zu meiner Überraschung, dass die Löcher in den Duschen gar keine richtigen Löcher, sondern nur hineingeklopft waren, das waren bloß Täuschungen. Ich sah die viereckigen Öffnungen, in die das Zyklon B hineingeschüttet wurde. Und dann sind wir Jungs mit dem Leichenlift mal rauf und runter gefahren“, beschreibt Bacon das Erlebnis in dem Buch „'Solange wir leben, müssen wir uns entscheiden.' Leben nach Auschwitz“. Darin erzählt er dem deutschen Psychiater und Theologen Manfred Lütz von seinen Erfahrungen.

Waisenhaus in Prag war wie ein Wunder

Nach seinem Vater starben Bacons Mutter und eine seiner Schwestern im Konzentrationslager Stutthof. Die Nazis trieben den Jungen noch auf zwei Todesmärsche, bis er am 5. Mai 1945 im heutigen Österreich von amerikanischen Soldaten befreit wurde.

Er kam in ein Waisenhaus nach Prag und lernte auch dank des liebevollen Leiters dort, Menschen wieder zu vertrauen. „Das war fast wie ein Wunder“, sagt Bacon. „Dieses Erlebnis, dass es Menschen gibt, im besten Sinne, hat uns gerettet.“ Vorher gab es nur die Guten und die Bösen. „Deutsch bedeutete SS.“ Die von den Nazis gegründete „Schutzstaffel“ (SS) beging zahlreiche Kriegsverbrechen.

Aktuelle Stimmung in Deutschland beunruhigt Bacon

Jehuda Bacon hat heute Freunde in Deutschland. Die aktuellen Entwicklungen dort beunruhigen ihn – die negativen Reaktionen auf Flüchtlinge, die wachsende Unterstützung für Rechtspopulisten. Sie erinnern ihn an seine Kindheit. „Ich spüre, es ist irgendwie eine Wiederholung, nur auf andere Weise“, sagt Bacon. „Er ist schwarz, ich bin weiß“ - dieses Denken bestehe bis heute: „Auch wenn es als überwunden galt.“

Auch der deutsch-israelische Historiker Mosche Zimmermann sieht eine schwindende Abwehr gegen Rassismus und Antisemitismus in der Bundesrepublik. Erst vergangene Woche hatte der rechtspopulistische AfD-Politiker Björn Höcke mit Kritik am Holocaust-Gedenken bundesweit für Empörung gesorgt. „Das ist nicht nur ein Zitat, es geht um ein Publikum, das zuschaut und jubelt“, sagt Zimmermann: „Der hat etwas gesagt, was die anderen schon denken.“

Künstler Bacon beschäftigt immer noch die Fragen: „Was ist das Böse? Woher kommt es?“. „Wir haben die Möglichkeit der Entscheidung“, sagt er. „Wenn wir tief in uns gehen, haben wir dort einen Kompass, wir spüren, ob wir richtig gehen oder nicht.“

Von: dpa

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