„Es war schwer, für das Buch so tief zu gehen“

Nur wenige Menschen haben Auschwitz überlebt. Rachel Hanan ist einer von ihnen. Über Jahrzehnte hat sie ihre Geschichte und die damit verbundenen Gefühle für sich behalten. In ihren Memoiren hat sie nun ihre Erfahrungen vor, während und nach dem Holocaust veröffentlicht.
Von dpa
Vor 75 Jahren wurde Auschwitz von der Roten Armee befreit – deshalb gibt es in Jerusalem eine große internationale Konferenz

Foto: Bundesarchiv, B 285 Bild-04413 / Stanislaw Mucha | CC BY-SA 3.0 Unported

Das Vernichtungslager Auschwitz kurz nach der Befreiung durch die Rote Armee im Januar 1945

HAIFA (dpa) – Überleben. Und dann Überlebende sein. Das ist Rachel Hanan etwa seit ihrem 16. Lebensjahr. Ein Jahr zuvor, ziemlich genau an ihrem 15. Geburtstag, war sie ins Vernichtungslager Auschwitz gekommen. An diesem Tag verlor sie ihre Mutter Ethel und ihren Vater Fivisch, ihre Brüder Zvi und Jehuda. An welchem Tag auch ihre Schwester Chaja und deren Tochter Etia getötet wurden, ist nicht bekannt.

Damals wusste sie das alles aber noch nicht. Sie wusste nicht, was nach der Selektionsrampe kommt. Und sie wusste auch noch nicht, dass ein ganz bestimmter Geruch wie von verbrannten Hühnerknochen sie an diese Zeit erinnern wird. Fast 80 Jahre später weiß Hanan, dass Auschwitz sie immer wieder in ihren Alpträumen heimgesucht hat.

50 Jahre hat Rachel Hanan geschwiegen und ihre Erlebnisse weitgehend für sich behalten. In ihren am 18. Januar erschienenen Memoiren „Ich habe Wut und Hass besiegt“ veröffentlichte sie die Geschichte ihrer Gefühle erstmals in Buchform. „In der Vergangenheit wollte ich mich auf die positiven Gefühle in meinem Leben fokussieren, das war wichtig, um mich zu heilen und zu entwickeln und um das zu erreichen, was ich erreichen wollte“, sagt sie in Retrospektive. Nicht einmal mit ihrem Mann hatte sie darüber gesprochen, auch wenn er sie Nacht für Nacht in den Armen hielt, wenn sie im Schlaf schrie.

„Es war schwer, für das Buch so tief zu gehen. Sogar schwerer, als wenn man als Teil einer Delegation zurück nach Auschwitz reist“, sagt sie im Gespräch der Deutschen Presse-Agentur. „Während der Arbeit am Buch habe ich über Wochen tief in meinen Gefühlen gegraben, es war psychische und körperliche Anstrengung und dementsprechend nicht leicht.“

Vor allem für Nachkommen und Freunde

In erster Linie wurde ihre Geschichte für ihre eigenen Nachkommen und Freunde aufgeschrieben. Das Buch, das zunächst nur auf Deutsch erscheint, später auch ins Englische und Hebräische übersetzt werden soll, sei hier als Mahnung an junge Menschen gerichtet. „Nirgendwo auf der Welt sollen solche oder ähnliche schreckliche Dinge jemals wieder geschehen.“

Die mittlerweile 93 Jahre alte Rachel Hanan kommt ursprünglich aus dem heute rumänischen Unterwischau. Damals war die Region von Ungarn besetzt – einem Verbündeten der Nationalsozialisten. In ihrem Buch beschreibt sie die Tage vor der Deportation – und wie unbekümmert sie noch war. Sie erzählt von ihrer in Auschwitz stressbedingt ausgefallenen Menstruation und der Angst, niemals Kinder bekommen zu können.

Sie erzählt auch, wie sie sich beim Todesmarsch ins Konzentrationslager Theresienstadt – bloß noch ein Skelett und 25 Kilogramm leicht – an ein Stück Brot klammerte und es ihre letzte Hoffnung war. Bis heute wirft sie niemals Brot weg, auch wenn sie Jahrzehnte später und Tausende Kilometer entfernt in der nordisraelischen Stadt Haifa lebt.

Froh darüber, dass ihre Kinder in Israel leben

Der jüdische Staat habe der langjährigen Sozialarbeiterin bei der Heilung geholfen. „Dass das jüdische Leben zurückkommt, ist das Allerwichtigste. Ich freue mich seit meinem ersten Tag in Israel über jeden Erfolg, jedes Gebäude, das gebaut wird, und über jeden Baum, der auf dem Land wächst, über Kinder, die im Kindergarten spielen und nicht gewaltsam in Vernichtungslager gebracht werden. Auch wenn ich manches kritisch sehe, was in meinem Land geschieht, bin ich sehr froh darüber, dass meine Kinder hier in Israel leben, und nicht irgendwo anders in der Welt.“

Trotz allem ist sie in der Vergangenheit immer wieder nach Auschwitz zurückgekehrt, um jungen Menschen nahezubringen, was sie in dem Vernichtungslager erlebt hat. Ihre Memoiren sollen diese Arbeit weiterführen, wenn sie irgendwann nicht mehr ist. Ihre Hoffnung für die Gegenwart und Zukunft ist, dass jedermann sich wie „a mentsch“ verhält. So bezeichnet man im Jiddischen jemanden, der voller Integrität und Ehre ist.

Im Penguin Verlag sind am Mittwoch außerdem die Memoiren der Holocaust-Überlebenden Tova Friedman erschienen. Sie war als Vierjährige nach Auschwitz deportiert worden und wurde mit sechseinhalb Jahren gemeinsam mit ihrer Mutter befreit. Heute ist sie gemeinsam mit ihrem Enkel auf Tiktok unterwegs – dort klären sie über die Gräuel des Holocausts auf. Die beiden Bücher erscheinen zeitlich sehr nah an einem wichtigen Gedenktag – dem 27. Januar, als Auschwitz im Jahr 1945 von der sowjetischen Armee befreit wurde.

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4 Antworten

  1. Der jüdische Staat hat Rachel Hanan nach ihren unfassbar schwierigen Erlebnissen im Vernichtungslager
    Auschwitz- Birkenau geholfen.
    Während der Arbeit an ihrem Buch hat sie tief in ihren Gefühlen gegraben.
    Danke, liebe Rachel.
    Es gibt nur noch wenige Zeitzeugen. Ihr seid unsagbar wichtig.
    Wie schwer muss der Weg mit Delegationen zurück ins Konzentrationslager sein?
    Das NIE MEHR ist brüchig geworden, auch in der BRD, angesichts des gestiegenen Judenhasses.
    Dafür muss sich ein Jeder rechtfertigen, denn man sollte sich immer die Frage stellen, was für ein Mensch will ich sein?
    OT
    Ich war zweimal in Auschwitz. Als Nachkomme durfte ich in die Registratur. Unsagbarer Schmerz begleiteten meine Gedanken auf dem Todesweg nach Birkenau – für nicht gekannte Verwandte, die
    unter den deutschen Nazis bestialisch den Tod fanden.

    21
  2. Schalom liebe Frau Rachel Hanan, wenn ich Sie so nennen darf! Tränen stehen mir in den Augen, über das Unrecht, das Menschen angetan wurde und bis heute wird, die Jahwe Gott erwählt hat und die der Rettung durch Jeschua Ha Maschiach (Jesus Christus) vertrauen!

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    1. Lieber Johann Jantscher, danke für Ihre liebenswerten Worte zu Rachel Hanan.
      Was viele Christen einfach nicht verstehen, was schon Martin Luthers Problem war und auch der Kath. Kirche, dass unserem Volk über all die Jahrhunderte viel Leid zugefügt wurde wegen dem Juden Jeshua.
      Jeshua sagte nie, gründet eine neue Religion. Er lebte nach Jüdischen Gesetzen, unseren Feiertagen und predigte aus der Tora. Ich achte Jeshua sehr.
      Wir wurden zu G`TTESmördern gemacht — können Sie nicht verstehen, dass viele Juden das NT deshalb nicht annehmen?
      Was folgt von Christen? G`TT wird sie bestrafen, weil…… NEIN!
      Menschen, nur Menschen wollen Juden vernichtet sehen.
      Adonai hat immer welche von uns überleben lassen.

      Geht es nicht anderen Minderheiten auch so? Den Uiguren/ Umerziehung in Lagern in China. Kurden, was macht Erdogan? Jesiden wurden abgeschlachtet in Syrien/Irak. Grenze usw.
      Vertreibung des D. Lama/Tibeter.

      Dazu kommt, dass wir Juden ein intelligentes Volk sind, was man uns neidet.
      NEID ist ein großes Übel.
      Natürlich haben wir auch viel Balagan, besondern im Moment mit der Koalition in Israel.
      Wobei ich denke, es reicht nicht hier aufzuschreiben. Religiöse Wahrnehmungen kann man nur persönlich besprechen in Diskussionen.
      Ihnen einen gesegneten Tag. Shalom M.

      5
  3. Danke für Ihre Worte! Ja, die ganze Geschichte der Menschheit zeigt , dass der Mensch eine gefallene Schöpfung ist. Darum ist die Erlösung durch JAHWE -ELOHIM, den einigen Gott und HEILIGEN Israels auch so nötig! Und diese geschah und geschieht durch den „Sohn des Höchsten“ – Jeschua von Nazareth – Messias Israels und Christus der Heiden. Wer IHM vertraut ist errettet von Sünde und Tod und wird in der kommenden Königsherrschaft des Ewigen leben! Ja, und „Christen“ haben viel Unheil über Gottes erwähltes Volk (ein Licht für die Welt!) gebracht. Aber auch viel Hilfe durch echte Christen geschah und geschieht auch heute noch am Volk Gottes!
    Schalom Ihnen und allen, die Israel segnen!

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