Wissenschaft | 14.10.2016

Manche Laubhütten muten direkt weihnachtlich an

Manche Laubhütten muten direkt weihnachtlich an
Foto: Ulrich W. Sahm

Zu Sukkot: Was Wissenschaftler zum Exodus sagen

Das Laubhüttenfest erinnert an die Wüstenwanderung nach dem Auszug aus Ägypten. Obwohl Wissenschaftler mitunter an der Überlieferung zweifeln, stoßen sie immer wieder auf Indizien für die biblische Darstellung.

Sukkah (Plural: Sukkot) ist die Bezeichnung für die provisorischen Hütten, in denen fromme Juden unter Palmwedeln und mit Stoffwänden, die mit Weihnachtsschmuck „made in China“ geschmückt sind, eine Woche lang übernachten. Die Familien essen darin ihre „Festmahlzeiten“: frisches Obst und Gemüse. Denn Sukkot ist das Erntedankfest. Die Laubhütten erinnern an die 40-jährige Wanderung durch die Wüste ins Gelobte Land. Aus Anlass des Laubhüttenfestes stellt sich erneut die Frage nach der historischen Echtheit des biblischen Berichts vom Exodus.

„Sukkot“ hat laut Bibel nichts mit Laubhütten zu tun, sondern ist ein Ort im Norden Ägyptens. Der amerikanische Professor für Altes Testament, James K. Hoffmeier, behauptet, dass bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts alles „in Ordnung“ war. Nur wenige Forscher bezweifelten die Echtheit der Bibelberichte. Dann fingen westliche Theologen verstärkt an, die Berichte als Sagen abzutun. Die Spitze dieser Entwicklung stellen ab Mitte der 1970er die sogenannten „Minimalisten“ dar. Mose galt fortan als Mythos, der Exodus als Folklore und die biblische Geschichte als spät aufgezeichnete Volkserzählung, durchsetzt mit Ideologie und Theologie. Für den Fußmarsch des Volkes Israel durch die Wüste fehlte jegliche Spur.

Ägyptologen stellte sich die praktische Frage, ob die Hebräer jemals in Ägypten waren und von den Pharaonen als Fronarbeiter versklavt worden waren. Ist ein ganzes Volk auf einen Schlag ausgewandert?

Inschriften deuten möglicherweise auf Hebräer hin

Die steinernen Siegesstelen der Pharaonen, Papyri und Grabmalereien aus der mutmaßlichen Periode des Exodus liefern eine Fülle von Anhaltspunkten. Als Fronarbeiter sind Nubier und „Asiaten“ mit lockigen Haaren und spitzen Bärten abgebildet, wie sie aus Lehm und Stroh an der Sonne getrocknete Backsteine für den Bau der Paläste des Pharao bereiten. Westasiatische „semitische“ Sklaven werden „Abiru“ oder „Habiru“ bezeichnet. Sind damit etwa „Hebräer“ gemeint? Die Begriffe klingen verdächtig ähnlich.

Das Buch Exodus (2. Mose) erwähnt Ortsnamen, die das Volk auf Geheiß Gottes dringend meiden sollten und andere, wo sie lagerten. Einige Orte konnten identifiziert werden, andere bleiben umstritten. Die vorgestellte Reiseroute der Archäologen im Norden des Sinai liest sich wie ein militärischer Marschplan.

Die Israeliten hielten sich wahrscheinlich im Nildelta auf und nicht in den berühmten Städten zwischen Kairo und Assuan. Wegen des hohen Grundwasserspiegels sind in dieser feuchten Gegend keine Papyri erhalten geblieben. Im Süden hingegen konservierte die Trockenheit auch organische Stoffe.

Ägypter dokumentierten Niederlagen nicht

Die ägyptischen Feldzüge, deren Folgen im Land Kanaan archäologisch belegt werden können, sind auf den Stelen nicht lückenlos verzeichnet. Ägyptische Niederlagen wurden wegzensiert. Die Schlacht von Ramses gegen die Hethiter bei Kadesch (im heutigen Libanon) im Jahr 1273 vor Christus endete katastrophal für die Ägypter und schwächte deren Präsenz in Kanaan. Das könnte für die Israeliten der günstige Augenblick gewesen sein, das Weite zu suchen. Die Flucht eines ganzen Volkes war für Ramses eine innenpolitische Ohrfeige und deshalb kein Anlass, das als „Sieg“ zu verewigen.

Andere Forscher glauben nicht an ein bestimmtes Datum, an dem die Israeliten weggelaufen seien. Der Exodus könnte ein fließender Prozess gewesen sein, der sich über 400 Jahre hinzog. Schon damals gab es gewaltige Umwälzungen im Nahen Osten, wobei die damaligen „Supermächte“ miteinander Krieg führten und klimatische Bedingungen Völkerwanderungen auslösten. Die Söhne Abrahams zogen wegen Hungersnot in Kanaan an die „Fleischtöpfe“ am Nil. Die Philister kamen vermutlich aus Kreta und die Hyksos, angeblich Kanaanäer, überfielen Ägypten um 1800 vor Christus und herrschten im Land 200 Jahre lang.

Der Professor Abraham Malamat sieht „in großen Zügen“ viele Parallelen. Die Exodus-Geschichte in der Bibel könnte ein Prozess gewesen sein, der literarisch auf ein kurzes dramatisches Ereignis reduziert worden sei, aber einen „historischen Kern“ hatte. Er zitiert aus dem Papyrus Anastasi V vom Ende des 13. Jahrhundert vor Christus. In dem Brief eines hochrangigen ägyptischen Kommandeurs ist die Rede von der Flucht von zwei Sklaven aus dem Palast in Pi-Ramses, vorbei an Festungen, in die Wildnis des Sinai. Der Kommandeur ordnete die Verfolgung der Flüchtenden an. Sie hätten einen ummauerten Palast nördlich des Migdol von Seti Mer-ne-Ptah passiert. Malamet sieht gleich vier Parallelen zur biblischen Exodus-Geschichte: 1) Sklaven fliehen aus Pi-Ramses in die Freiheit, 2) Ägyptische Streitkräfte verfolgen die Flüchtenden, 3) Die Fliehenden entkommen in den Sinai, auf der biblischen Exodus-Route (4) Die Flucht startet in der Nacht (gegen Mitternacht laut Exodus 11,4).

Falsche Übersetzung prägt Überlieferung

Ein Kuriosum ist die falsche griechische Septuaginta-Übersetzung der Bibel, wonach Mose die Israeliten durch das gespaltene „Rote Meer“ geführt habe. So hat es sich in den Köpfen vieler Menschen festgesetzt. Auf Hebräisch heißt es im Original „Jam Suf“, Schilfmeer. Und das lag bei Migdol im Nildelta. Weiter heißt es dort in Exodus 14: „Und sie brachen auf von Sukkot und lagerten in Etam, am Rande der Wüste.“ (uws)

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