Wissenschaft | 31.10.2016

Den Arbeitern in der geöffneten Grabkammer bleibt nicht viel Zeit

Den Arbeitern in der geöffneten Grabkammer bleibt nicht viel Zeit
Foto: Ulrich W. Sahm

In diesem Kasten wurden Knochen der Familie Kaiphas aufbewahrt

In diesem Kasten wurden Knochen der Familie Kaiphas aufbewahrt
Foto: Ulrich W. Sahm

Da sich bei Ausrufung des „Status quo“ hier eine Leiter befand, muss sie immer wieder ersetzt werden

Da sich bei Ausrufung des „Status quo“ hier eine Leiter befand, muss sie immer wieder ersetzt werden
Foto: Israelnetz/Elisabeth Hausen

Die Suche nach dem Grab Jesu

Archäologen untersuchen die Grabeskirche auf Spuren vom ursprünglichen Grab Jesu. Doch die Zeit ist knapp.

Momentaufnahme in der Jerusalemer Grabeskirche : Drei Arbeiter mit gelben Plastikhelmen auf dem Kopf rütteln kräftig an der von Millionen Pilgerhänden abgewetzten Marmorplatte. Mindestens seit 1555 bedeckt sie das vermeintliche „Grab Jesu“. Doch anstelle des erwarteten Originalfelsens liegt darunter nur Schutt. Der muss erst einmal weggeräumt werden. Dann kommt aber kein Felsen, sondern eine weitere graue Marmorplatte mit einem winzigen eingemeißelten Pilgerkreuz aus dem 12. Jahrhundert zum Vorschein. Die Platte ist in der Mitte zerbrochen.

Darunter taucht eine „weiße Schicht“ auf. Die muss noch untersucht werden. „Ich glaube nicht, dass das der Originalfelsen ist“, sagt der Archäologe Fredrik Hiebert von der „National Geographic Society“. Das Magazin „National Geographic“ hat exklusive Rechte, mit einem eigenen Team die Arbeiten zu dokumentieren. Hiebert berichtet von Tests mit Boden-Radar. Dabei wurde festgestellt, dass unter dem Grab noch Wände einer Höhle bis in einer Höhe von 1,90 Metern stehen.

Die Freilegung ist ein Wettlauf um die Zeit. Denn die Jerusalemer Kirchenfürsten gönnen der Renovierungsfirma aus Athen lediglich 60 Stunden, innerhalb der winzigen Grabkammer unter dem kitschigen Bauwerk aus dem 19. Jahrhundert zu arbeiten. Mangels Zeit und der Genehmigung, an der heiligen Stätte eine echte Ausgrabung durchzuführen, bleiben viele Fragen offen. Zudem muss abgewartet werden, was die moderne Technologie hervorbringt, die durch die Marmorplatten hindurchschauen kann.

Zur Geschichte des Grabes

In der Pessach-Woche des Jahres 30 oder 33 nach Christus wurde Jesus von Nazareth in einem als Schuttabladeplatz genutzten Steinbruch auf einem kleinen Hügel brüchigen Gesteins von den Römern ans Kreuz geschlagen. Nach seinem Tod wurde der Leichnam vom Kreuz abgenommen, einbalsamiert und in Leichentücher gewickelt. Dann wurde er zu einer Höhle gebracht. Sein Leichnam wurde auf eine steinerne Bahre gelegt. Das ist das „Grab Jesu“, nach dem heute gesucht wird.

Gemäß damals üblicher jüdischer Begräbnis-Bräuche ließ man die Leichname auf den Bahren sechs Monate lang verwesen. Danach wurden die Knochen eingesammelt und in vorgefertigte Steinkästen, Ossuarien, gepackt. Im Nachhinein wurde der Name des Verstorbenen auf die Seite des Mini-Sarkophags mit einem Meißel eingeritzt.

In der Familiengruft der Familie Kaiphas hat man 1990 den Grabkasten des berühmten Hohenpriesters Kaiphas gefunden, der Jesus dem Pontius Pilatus zwecks Verurteilung übergeben hatte. Der wunderbar geschmückte Kasten kann heute im Jerusalemer Israel-Museum bewundert werden. Dort sind die damaligen Begräbnissitten nachgestellt. Auch ist der Grabkasten eines Verurteilten namens Jochanan Hagkol ausgestellt. Der lieferte den einzigen physischen Beweis für die römische Hinrichtungsmethode der Kreuzigung. Zwischen seinen Beinknochen steckt noch ein verbogener Nagel mit Holz seines Kreuzes.

Diese Grabhöhlen wurden mit einem Rollstein verschlossen, blieben aber jederzeit zugänglich, um neue Leichen auf die Bahren zu legen oder um die Knochen einzusammeln und in Steinkästen zu packen. Aus guten Gründen haben Archäologen in unberührten, nicht geplünderten Grabhöhlen aus der Zeit Jesu unzählige Parfumflaschen gefunden. Es muss unerträglich gestunken haben.

Nicht Grab, sondern Verwesungskammer

Weil diese Grabstätten also letztlich zugänglich waren, hatten die Römer Wachen vor das „Grab“ des toten Jesus von Nazareth gestellt, damit die Leiche nicht gestohlen werde. Doch die Bibel berichtet, dass nach drei Tagen ein Engel kam und die Legionäre blendete. So konnte der vom Tod wieder auferstandene Christus entkommen.

Dieser Hintergrund ist wichtig, weil letztlich in der Grabeskirche nicht das leere Grab des Jesus verehrt und ausgegraben wird, sondern eher eine in den Felsen gehauene Verwesungskammer. Nur wenige Pilger besuchen eine armenisch-syrische Kapelle hinter dem Grabmal, wo man heute noch in den ursprünglichen Felsen der Wand des Steinbruchs mehrere jüdische „Gräber“ aus der Zeit Jesu sehen kann.

Vor allem Protestanten bestreiten, dass Golgatha und das Grab Jesu an dieser Stelle lag. Denn heute liegt der ganze Komplex innerhalb der Stadtmauern. Bekanntlich ließen Juden keine Begräbnisse innerhalb ihrer Städte zu. Protestanten „entdeckten“ deshalb das „Gartengrab“ nahe dem Damaskustor als alternative Stätte.

Schwierige Geschichte der Grabeskirche

Das „Grab“ Jesu, der Titulus (Schmähschrift an dem Kreuz) und das Kreuz wurden im Jahr 326 durch Helena, die Mutter des Kaisers Konstantin, innerhalb der heutigen Grabeskirche entdeckt. Was sie fand, nahm sie nach Rom mit. Es wird heute in der „Basilica di Santa Croce in Gerusalemme“ aufbewahrt. Unter Konstantin wurde eine riesige Basilika über der Stelle des Grabes und der Hinrichtungsstätte errichtet. Doch im Laufe der nächsten 1.700 Jahre wurde das Bauwerk immer wieder von Eroberern geschliffen, durch Feuer und Erdbeben zerstört und wiedererrichtet. Kleiner als die ursprüngliche Basilika des Konstantin haben die Kreuzfahrer sie heutige Grabeskirche errichtet, obgleich noch viele Spuren der früheren Basilika zu sehen sind.

Heute teilen sich sechs christliche Konfessionen die Kapellen in und auf der Kirche: Griechen, Franziskaner, Armenier, Syrer, Äthiopier und ägyptische Kopten. Die Schlüsselgewalt zum einzigen Tor der Kirche halten seit 1.000 Jahren zwei muslimische Familien. Sie werden von den christlichen „Untermietern“ dafür entlohnt.

Ein schriftlich vor 200 Jahren vom Sultan in Istanbul festgelegter „Status quo“ bestimmt den Verlauf und die Zeiten aller Prozessionen. Wegen der internen christlichen Streitereien darf nichts verändert werden. Erst als die Israelis die Kirche wegen „Baufälligkeit“ für Priester wie Pilger sperrten, geschah das „Wunder“ einer Einigung auf die dringend notwendigen Renovierungsarbeiten. (uws)

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