Kultur | 22.11.2016

Verstehen sich spielend: Sistanagila

Verstehen sich spielend: Sistanagila
Foto: Sistanagila

Die erste CD von Sistanagila ist 2015 erschienen

Die erste CD von Sistanagila ist 2015 erschienen
Foto: Sistanagila

Iran und Israel: Eine musikalische Affäre

Bei „Sistanagila“ prallen Welten aufeinander – und bringen wunderbare Klänge hervor. Das iranisch-israelische Ensemble macht vor, wie Völkerverständigung funktionieren kann: Mit der Sprache der Musik. 2015 kam die erste CD heraus.

Der Iraner Babak Shafian hat sich schon immer für die jüdische Geschichte und Kultur interessiert. Nicht so sehr theologisch, aber doch historisch ist das „auserwählte Volk“ für ihn auf jeden Fall ein „spezielles Volk“, erzählt er lachend gegenüber Israelnetz. Wie das über viele Jahrhunderte „heimatlose Volk“ überleben konnte, beeindruckt ihn. Zum gesellschaftlichen Beitrag, den es geleistet hat in Kultur und Wissenschaft, sagt er nur: „Wahnsinn“.

Musikalische Fusionen

Als in Berlin lebender Iraner kann Shafian nachvollziehen, was es bedeutet, einerseits fern der Heimat zu leben, sie andererseits immer dabeizuhaben, weil sie die eigene Identität prägt. Das ist es, was das von ihm gegründete Ensemble in musikalischer Weise umzusetzen versucht: Das Fremde erkunden und sich dabei immer wieder neu seiner Selbst vergewissern. Zwei israelische und zwei iranische Musiker verbinden traditionelle jüdische und persische Musik miteinander. Bisweilen werden sie dabei von einer deutschen Saxophonistin unterstützt.

Klezmer-Klänge, sephardische Musik und iranische Volkslieder bringen im Zusammenspiel „musikalische Fusionen“ hervor, wie zum Beispiel bei dem Stück „Sistanagila“, das auch dem Ensemble seinen Namen gibt. Ein traditionelles Volkslied aus der Region Sistan im Iran wird hier mit dem bekannten hebräischen Volkslied „Hava Nagila“ verbunden. Das jüdische Lied fordert auf zum Glücklichsein, zum Fröhlichsein und zum Singen: „Erwachet, Brüder, mit einem glücklichen Herzen!“, heißt es darin.

Sich untereinander wie Brüder und Schwestern zu betrachten und anzunehmen, ist für Shafian ein Ziel, an dem das Ensemble arbeitet. Geschwister zu sein, sei eigentlich eine durch die Geburt erworbene Selbstverständlichkeit. Diese besitzen die Mitglieder von Sistanagila nicht, erklärt Shafian. Doch geschwisterliche Vertrautheit und Nähe seien etwas, das sie für ihr musikalisches Miteinander brauchen und sozusagen einüben.

Einzuüben ist auch der jeweils andere Umgang mit Musik in den beiden Kulturen. Den Iranern zum Beispiel falle das Improvisieren leichter als ihren jüdischen Bandkollegen. „Bei uns studieren wir die Musik und spielen mit den Augen“, erklärt der israelische Sänger und Komponist der Gruppe, Yuval Halpern, gegenüber der Zeitung „Der Tagesspiegel“: „Im Iran wird mehr improvisiert, findet das Spiel vorwiegend mit den Ohren statt.“ So findet jeder seine Herausforderung, entweder in der Improvisation oder in der Komposition.

Von israelischer Paranoia zur musikalischen Affäre

Entstanden ist das musikalische Projekt aus einem politischen Impuls heraus mit dem Amtsantritt Mahmud Ahmadinedschads. Der von 2005 bis 2013 amtierende Präsident des Iran verfolgte eine deutlich anti-israelische Außenpolitik. Der starken medialen Resonanz dieser antisemitischen Stimme wollte Shafian einen anderen Klang entgegensetzen. 2011 begann er mit der Suche nach anderen Musikern, jüdische hatte er bis dahin noch gar nicht kennen gelernt.

Beim Internetportal „couchsurfing“ wurde er fündig und schrieb Halpern an: „Können wir uns treffen? Ich möchte eine Band mit iranischen und israelischen Musikern aufbauen.“ Der in Israel aufgewachsene Sänger und Komponist spürte sofort seine „israelische Paranoia aufsteigen“, erzählt er gegenüber der Wochenzeitung „Jüdische Allgemeine“. Er überlegte, ob es sich um einen Terroristen handeln könnte. Schließlich sagte er das Treffen zu. Neben Shafian als Manager der Gruppe und Halpern gehören noch Jawad Salkhordeh für persische Perkussion, Avi Albers Ben Chamo am Kontrabass und Hemad Darabi an der Gitarre fest zum Ensemble. Im Dezember 2012 hatten die Berliner Künstler ihr erstes Konzert. 2015 erschien die erste CD „Sistanagila. Eine musikalische Affäre“. Seitdem erfahren die Musiker mit ihrem Projekt viel Zuspruch. Die Befragung der Eltern eines Ensemblemitglieds durch die Polizei im Iran, die auf die Aktivitäten des Sohnes im Internet aufmerksam wurde, ist bis heute ein Einzelfall geblieben.

Gemeinsame politische Ansichten

Auch wenn die Gruppe sich aus der Politik heraushält, finden politische Gespräche untereinander von Zeit zu Zeit statt. Bisher seien sie immer unproblematisch gewesen, was nicht bedeute, dass jeder die Meinung des anderen teile, erklärt Shafian. Darum dürfe es aber auch nicht gehen. Wichtig sei, zu versuchen, sich in den anderen hineinzuversetzen. Dabei lerne man nicht nur den anderen zu verstehen, sondern auch sich selbst und die eigenen Vorurteile neu und besser kennen. Shafian räumt aber ein, dass ein politisches Gespräch unter Bandkollegen per se unproblematischer sei, als wenn ein Palästinenser und ein Jude miteinander diskutieren würden. Neben dem Leben im Ausland verbänden sie viele gemeinsame politische Ansichten.

Für die Zukunft wünscht sich Shafian mehr Bekanntheit und die Professionalisierung der Gruppe. Geplant ist eine neue CD im nächsten Jahr. Kontakte zu einer professionellen Musikagentur gibt es schon. Nach Auftritten in Italien im vergangenen Jahr will die Gruppe auch künftig verstärkt im europäischen Ausland Konzerte geben. Angedacht sind Frankreich, Luxemburg und die Schweiz. (man)

„Sistanagila. Iran & Israel. Eine Musikalische Affäre“, Label: Spinnup, Copyright: 2016 Sistanagila, distributed by Spinnup, 4,95 Euro, ASIN: B01H49R3I6,

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