Kultur | 04.11.2016

Jehuda Bacon hat sich durch die Greueltaten der Nazis nicht verbittern lassen

Jehuda Bacon hat sich durch die Greueltaten der Nazis nicht verbittern lassen
Foto: Gütersloher Verlagshaus

Die Nähe Gottes in Auschwitz erfahren

Selbst in Auschwitz hielt der Künstler Jehuda Bacon an seinem jüdischen Glauben fest. Nach dem Krieg lernte er durch die Liebe von Christen, wieder Vertrauen zu Menschen zu gewinnen. Der Psychiater Manfred Lütz hat beeindruckende Gespräche mit dem Überlebenden veröffentlicht. Eine Buchrezension von Elisabeth Hausen

Auch im Leiden können Menschen Glück erfahren. Diese Ansicht vertritt der Auschwitz-Überlebende Jehuda Bacon, der in der Scho‘ah seine Eltern und eine Schwester verlor. Der Grund für diese unerwartete Auffassung: Er habe auch im Leiden Gottes Nähe erfahren.

Der Psychiater und Theologe Manfred Lütz hat den jüdischen Künstler in Israel aufgesucht und an vier aufeinanderfolgenden Tagen sehr einfühlsam interviewt. Entstanden ist ein spannendes Buch, das der Leser nur ungern aus der Hand legen möchte. Der Titel „Solange wir leben, müssen wir uns entscheiden“ deutet es an: Bacon spricht sich dafür aus, den Weg der Vergebung und der Versöhnung einzuschlagen. Bei der Lektüre wird bereits nach kurzer Zeit deutlich, wie ungewöhnlich Jehuda Bacon ist. Er zeichnet sich durch eine positive, hoffnungsvolle Grundhaltung aus.

Der Jude kam 1929 in Mährisch-Ostrau in der Tschechoslowakei auf die Welt. Seine ältere Schwester Rella wanderte 1939 ins britische Mandatsgebiet Palästina aus. 1942 wurde er mit seiner Familie nach Theresienstadt deportiert, ein Jahr später nach Auschwitz. Die Eltern und die jüngere Schwester Hana wurden in der Scho‘ah ermordet. Bei der Befreiung im österreichischen Konzentrationslager Gunskirchen war Jehuda 15 Jahre alt – und hatte es verlernt, Menschen zu vertrauen. Doch dies sollte sich durch die Begegnung mit einem Christen ändern: Premysl Pitter. Der Tscheche nahm nach dem Zweiten Weltkrieg Waisenkinder auf – Juden, aber auch ehemalige Hitlerjungen.

„Er war ein Mensch, der uns nicht durch Predigen und viel Reden, sondern durch seine Güte und Liebe gewonnen hat“, erzählt Bacon im Rückblick. „Das Eigenartige war, dass er nichts von uns wollte, sondern uns einfach nur seine Liebe gab, sich mit seiner ganzen Persönlichkeit dahingab.“ Der Waisenhausleiter war Prediger der Böhmischen Brüder. „Premysl Pitter hat mir den Glauben an die Menschheit zurückgegeben. Er hatte ein großes Charisma und alle seine Mitarbeiter waren getragen von diesem Geist. Dank der wunderbaren Menschen, die wir um uns hatten, gab es auch nie Rachegefühle zwischen deutschen und jüdischen Kindern, wir wollten sie niemals verprügeln, weil da sofort eine andere Atmosphäre war.“

Keine Verbitterung

Während der Verfolgung durch die Nationalsozialisten, aber auch nach dem Zweiten Weltkrieg, half Bacon seine künstlerische Begabung: Durch Zeichnen verarbeitete er die furchtbaren Erlebnisse der Scho‘ah. Später erhielt er ein Stipendium an der Bezalel-Kunsthochschule in Jerusalem und gelangte auf diese Weise nach Israel.

Dass er trotz seiner schrecklichen Erfahrungen nicht verbittert ist, erklärt der Überlebende als „Geschenk von oben“: „Nach dem Krieg begegnete ich wunderbaren Menschen, deren Einfluss bis heute reicht. Diese Menschen haben mir das Vertrauen in die Menschen wieder zurückgegeben. Und das war auch sehr nötig. Denn meine Freunde und ich konnten nach all dem, was wir erlebt hatten, niemandem mehr Glauben schenken.“

Sein eigener Glaube gab ihm Kraft, das Leiden durchzustehen. In dem Interview erzählt Bacon, wie er auch im Vernichtungslager am Großen Versöhnungstag Jom Kippur fastete. Zudem sprach er das jüdische Morgengebet, das er auswendig konnte. „Es ist sinnlos zu sagen, ich glaube an Gott, so wie ich sage, ich glaube an einen Tisch. Denn den Glauben muss man verwirklichen“, ist seine Auffassung. „Wenn ich sage, ich glaube an den Tisch, dann verändert mich das nicht, ich bin nachher derselbe Mensch. Wenn ich aber aus tiefster Überzeugung sage, ich glaube an Gott, dann ist mein nächster Schritt schon anders.“

Dem christlichen Glauben steht der Jude infolge der Begegnungen mit Pitter und anderen offen gegenüber: „Für mich sind Christen und Juden wirklich Brüder, die auf verschiedenen Wegen gehen.“ Er könne mit seinen katholischen und protestantischen Freunden auf derselben Ebene wunderbar zusammen sein. „Ich kann sie verstehen, denn sie haben dieselben Gedanken, sie auf ihre Weise, ich auf meine Weise. Denn der Gott ist derselbe, das heißt die Suche nach etwas Höherem, die Sehnsucht nach einer gewissen Ruhe.“

Das Wissen um Gott bringt das Glück

Die Nähe Gottes ist denn für ihn auch der Sinn von Glück. „Denn das ist für mich der Schlüssel zu allem und dieses Glück kann man auch im Leiden erfahren. Das Wissen um Gott, das heißt, das Wissen darum, dass man auch anders leben kann, dass man anders sehen, anders empfinden und als Mensch anders lieben kann, das bringt das Glück. Wir versuchen das ja tagtäglich, versagen aber leider meistens, doch es bleibt eine Möglichkeit. Darum geht es, sonst hat das Leben keinen Sinn.“

Nicht alle Fragen, die der katholische Psychiater dem Künstler stellt, werden in den Interviews beantwortet. Manches bleibt offen. Dennoch ist es ein empfehlenswertes Buch, das zu Herzen geht. Lütz sagt: „Seit ich Jehuda Bacon begegnet bin, lebe ich anders. Mein Leben ist heller geworden.“ Auch wenn der Leser dem beeindruckenden Juden nicht persönlich begegnet, könnte sich allein durch die Lektüre der Interviews sein Leben ebenfalls verändern.

Jehuda Bacon, Manfred Lütz: „Solange wir leben, müssen wir uns entscheiden. Leben nach Auschwitz“, Gütersloher Verlagshaus, 192 Seiten, 16,99 Euro, ISBN: 978-3-579-07089-6

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