Innenpolitik | 26.10.2012

Lieberman (l.) und Netanjahu (r.) haben sich verbündet. Bild: Wahlplakat aus dem Jahr 2006, Lieberman verspricht Kampf gegen Kriminalität.
Foto: TLVshac, flickr | CC-BY-NC 2.0
Führende Oppositionspolitiker reagierten jubilierend selbstsicher, wie es im Wahlkampf üblich ist, zugleich irritiert.
Netanjahu steht an der Spitze der Likudpartei, vergleichbar mit der CDU als konservative Partei der Mitte, während Lieberman an der Spitze der „Unser Haus Israel Partei“ (Israel Beiteinu) eher als Rechtsaußen definiert wird. Das neue Wahlbündnis wirft viele Rätsel auf. Ist Netanjahu doch nicht sicher, die Wahlen mit großer Mehrheit zu gewinnen, wie seine linke Opponentin Schelly Jachimowitsch von der sozialistischen Arbeitspartei behauptete und das Bündnis als „Kurzschlusspanik“ charakterisierte?
TV-Star Jair Lapid mit seiner neuen Partei der „Mitte“ bezeichnete sich als Alternative zu den „Linksradikalen“ der Arbeitspartei und den „Rechtsradikalen“ der Likudpartei mitsamt dem von ihm so bezeichneten „Rechtsfaschisten“ Lieberman.
Netanjahu rechtfertigte das Bündnis als „Stärkung“ zum Wohle des Staates Israel. Einheit und Kooperation seien positiver als Zwist und Zersplitterung, sagte der Premier, während Lieberman in seiner Stellungnahme die Erfolge der gemeinschaftlichen Koalitionsregierung mit Netanjahu lobte. Er erklärte, dass künftig eine starke Regierung auch die Kraft haben werde, historische Beschlüsse zu fassen. Er erwähnte die „Sicherheitspolitik“, womit der Iran gemeint sein könnte, und eine Reform des Wahlsystems in Israel.
Die Kommentatoren waren ratlos und meinten, dass alle bisherigen Umfragen zum künftigen Wahlergebnis erst einmal begraben werden müssten. Unvorhersehbar sei, ob gemäßigte, rechtsgerichtete Likudwähler durch den Zusammenschluss mit Lieberman abgeschreckt würden und sich eher eine Alternative in dem zur Zeit noch verzettelten linken Lager der „Mitte“ suchen, etwa bei der konzeptlosen Kadima -Partei, bei Jair Lapid, der immer noch keine politische Farbe bekannt hat, oder bei der traditionellen sozialistischen Arbeitspartei, die mit Jariv Oppenheimer von der „Frieden Jetzt Bewegung“ schon in den Ruf geraten ist, ins „linksextreme“ Lager abzudriften.
Die am Donnerstag verkündete „Bombe“ von Netanjahu und Lieberman hat jedenfalls die Karten zu den vorgezogenen Wahlen am 22. Januar neu gemischt, ohne dass jemand vorhersehen könnte, welche Auswirkungen dieser Schritt auf die mutmaßlich verwirrten Wähler hat, solange keine neuen Umfragen vorliegen.
Interessant ist immerhin, dass sogar Jachimowitsch von der linken Arbeitspartei zu keiner klaren Antwort bereit war, ob sie infolge des Bündnisses des rechten Netanjahu mit dem noch rechteren Lieberman eine Beteiligung an einer Koalitionsregierung unter Netanjahu ausschließe. Mit blumigen Worten ließ sie das offen.
Der Kampf um die Macht in Israel scheint keine ideologischen Hemmungen mehr zu kennen und dürfte noch einige Überraschungen liefern. Schon jetzt haben sich in Israel wohlbekannte Zelebritäten der einen oder anderen Partei angeschlossen, oder die Partei gewechselt. Bis die Wähler endgültig wissen, wem sie in welcher Parteienkombination die Stimme geben sollen, dürfte noch einige Zeit vergehen.
Das neue „rechts-rechtsradikale“ Bündnis lässt jedenfalls fromme und linke Parteien hoffen, den klassischen Likudwählern eine neue Heimat bieten zu können. Ob deren Rechnung aufgeht, wird sich im Januar erweisen. Genauso mag niemand abschätzen, welche Auswirkung Netanjahus angepriesener „Zusammenschluss der Kräfte“ haben werde.
1 Kommentar
Netanjahu und Lieberman, wer von beiden ist der Teufel und wer der Bezlebub? Ist letztendlich auch egal, beide sind Hardliner und Einpeitscher einer für Israel sehr schädlichen, vielleicht sogar verhängnisvollen Politik.
Wäre es nicht für die friedliebende arbeitsame Bevölkerung dieses Landes eine Befreiung, endlich in normalen Verhältnissen leben zu können? Ohne Kontrollstellen, ohne die Angst vor Anschlägen. Eben so normal, wie wir das in Mitteleuropa eigentlich kennen?
Ich würde es diesem Volk ehrlich gesagt, von Herzen gönnen. Aber seit Jahrzehnten kommt dieses Land nicht zur Ruhe. Einmal, weil es einigen vernagelten Palästinenserführern, vor allem von der Hamas nicht gefällt, andererseits weil von israelischer Seite genauso uneinsichtig eine Politik der Konfrontation verfolgt und von der Warte der militärischen Überlegenheit her rücksichtslos umgesetzt wird.
Es ist ein ewiger Kreislauf. Aktion - Reaktion. Wer will sagen, was Aktion ist, die gleichzeitig schon wieder Reaktion ist.
Irgendwo und das sehr schnell muß dieser Kreislauf durchbrochen werden, ansonsten wird es in fünfzig Jahren noch genauso sein. Und das ist irre.
Mit Netanjahu und Lieberman hat das israelische Volk meiner Ansicht nach die berühmte Arschkarte gezogen.
Netanjahu hat massive innenpolitische Probleme, derer er nicht Herr wird. Offensichtlich hat er keinen Ausweg, außer einem, dem - Krieg - . Die israelischen Medien trommeln seit Monaten, daß der Iran Israel überfallen will, wenn er eine Atombombe hat. Um das zu beweisen, werden die unmöglichsten Storys in die Welt gesetzt, iranische Menschen in die Luft gesprengt. Die israelischen Geheimdienste bewegen sich wie Terrororganisationen.
Hat sich mal jemand der Mühe unterzogen, sich dieses ganze Szenario aus iranischer Sicht zu betrachten?
Ich weiß, Achmadineschad. Eine nicht ganz eindeutige Figur und hat oft ein "großes Maul". Aber entscheiden über Krieg und Frieden kann der nicht. Dafür sind seine Stellvertreter Allahs in Teheran zuständig. Und die wollen offensichtlich noch nicht ins Paradies zu den immerwährenden Jungfrauen. Ansonsten wären sie schon längst als als Selbstmordattentäter dort angekommen.
Diese Mullahs in Teheran wissen doch ganz genau, daß alleine die Vorbereitung, nicht einmal der Versuch eines Überfalls auf Israel den großen Racheengel zuschlagen läßt, und das dann ohne Vorwarnung. Dann hat es sich mit dem Mullahregime. Also was soll diese ganze Kriegshysterie von Netanjahu? Ganz einfach. Er weiß, daß im Falle einer auswärtigen Gefahr die Israelis die inneren Streitigkeiten und Schwierigkeiten ausklammern und zusammenstehen. Dann ist er der große Führer der Nation und hat die Situation im Griff (glaubt er jedenfalls).
Die Auswirkungen eines solchen "Präventivschlags", der ja in Wirklichkeit keiner ist, können für das israeliche Volk verheerend sein. Aber der große Netanjahu erkennt nicht die Gefahr, will sie nicht erkennen oder nimmt sie billigend in Kauf.
Irgendwie mußte er doch aber bei seiner Vereidigung zum Premierminister schwören, zum Wohle des israelischen Volkes zu handeln.
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