Innenpolitik | 01.11.2016

Für manche Bewohner von Kafr Kassem ist die Erinnerung an das Massaker noch ganz frisch

Für manche Bewohner von Kafr Kassem ist die Erinnerung an das Massaker noch ganz frisch
Foto: Avi1111, Wikipedia | Public Domain

Gedenken: Mehr Aufmerksamkeit für Massaker von Kafr Kassem

Nach 60 Jahren ist das Massaker von Kafr Kassem für Bürgermeister Badir immer noch eine offene Wunde. Doch die Bewohner sehen auch positive Entwicklungen.

KAFR KASSEM (inn) – Araber und Juden haben am Sonntagabend des Massakers von Kafr Kassem vor 60 Jahren gedacht. Ein ehemaliger israelischer Geheimdienstchef bat die Bevölkerung um Entschuldigung dafür, dass Unschuldige getötet worden seien. Auch ein Rabbiner und arabischer Knessetabgeordneter beteiligten sich an der Veranstaltung im Kulturzentrum von Kafr Kassem. Am 29. Oktober 1956 hatten israelische Grenzpolizisten in der Kleinstadt 49 Zivilisten erschossen.

Der frühere Chef des Inlandsgeheimdienstes Schabak und der israelischen Marine, Ami Ajalon, sagte bei der Gedenkveranstaltung: „Ich bitte um Entschuldigung im Namen meines Landes, dessen Soldaten seine Bürger getötet haben, die nichts Falsches getan hatten. Das Kainsmal wird erst entfernt werden, wenn jeder einzelne von uns unsere Kinder darüber lehren und ihnen davon erzählen wird.“ Ajalon leitet heute das nationale Sicherheitsprogramm beim Israelischen Demokratie-Institut, das den Abend veranstaltete.

Auch Rabbi Michael Melchior, ein ehemaliger israelischer Sozialminister, sprach bei dem Gedenken. Er merkte an, der Horror des Massakers werde nur dadurch übertroffen, dass die Verantwortlichen schnell aus der Haft freikamen und einige sogar befördert wurden. Dies habe bei ihm viele Fragen über das Wesen von Israels Existenz ausgelöst.

Der frühere norwegische Oberrabbiner ergänzte, er habe seine Ausbildung im jüdischen Lehrhaus erhalten. „Dort lernte ich, warum wir Juden sind und warum wir existieren. Als Juden sollten wir eine Modellgesellschaft aufbauen.“ Das Massaker zu begreifen, sei wesentlich für die jüdische Existenz in Israel, um diese Modellgesellschaft aufzubauen. Melchior ist jetzt Gemeinderabbiner in Jerusalem.

Wachsendes Bewusstsein

Der Abgeordnete der linksgerichteten Meretz-Partei, Issawi Fredsch, lebt in Kafr Kassem. Er empfindet die anti-arabische Atmosphäre in Israel heute stärker als 1956. Die jüdische Vorstellung der Erwählung führe zu einem Gefühl der Überlegenheit und zur Dämonisierung anderer. Dass am Samstag mehr als 4.000 Menschen im Dorf den 60. Jahrestag des Massakers gedacht hatten, zeige ein wachsendes Bewusstsein in der Bevölkerung. Doch der Staat müsse das Massaker anerkennen und die Verantwortung dafür übernehmen.

Auf die Frage der „Times of Israel“, was die Regierung seiner Meinung nach tun solle, entgegnete Fredsch: „Erstens, das Massaker in den jüdischen und arabischen Lehrplan, und auch die Lektionen, die daraus gelernt wurden.“ Zweitens müsse der Staat „dafür sorgen, dass die jüdische und die arabische Jugend ihre jeweilige Geschichte verinnerlichen“. Es dürfe nicht mehr heißen: „Ich bin Teil des auserwählten Volkes und er ist ein Gast hier“, oder umgekehrt.

Der 72-jährige Sarsur Mustafa erinnert sich nach eigener Aussage gut an das Massaker. Sein Schulfreund und Nebensitzer sei dabei ums Leben gekommen. Dass jedes Jahr mehr Menschen zum Gedenken an die Tragödie erschienen, sei „ein guter Fortschritt für Kafr Kassem“, sagte der Araber.

Bürgermeister: Positive Entwicklung in Kafr Kassem

Bürgermeister Adel Badir bezeichnete die Tragödie als „eine Wunde, die immer noch blutet“. Das Massaker sei ein willkürlicher Akt gewesen, der aus bestehenden Vorurteilen und Normen hergerührt habe.

Im Gespräch mit der Tageszeitung „Jerusalem Post“ äußerste sich Badir indes positiv über die Entwicklung seiner Ortschaft. Vor drei Jahren habe nur die Hälfte der Einwohner Kommunalsteuer bezahlt, heute seien es bereits 83 Prozent. Dieser Anteil sei hoch für eine arabische Kommune und ähnlich wie in vielen jüdischen Städte. Er habe viele Familien persönlich angerufen, um sie davon zu überzeugen, dass die Steuer ihnen zugute komme. Drei neue Parks seien kürzlich errichtet worden, weitere Entwicklungsprojekte seien in Planung. Dies helfe, die Bewohner zu überzeugen, dass ihr Geld gut angelegt sei.

In diesem Monat plant Kafr Kassem die Einweihung einer neuen Hightech-Hochschule. Dabei arbeitet die Ortschaft mit der Regierung, der nichtstaatlichen Organisation „Tsofen“ und dem „Massachusetts Institute of Technology“ in den USA zusammen. Später sollen dort auch Hightech-Firmen unterkommen, um Arbeitsplätze für die Absolventen zu schaffen. „Es ist im Interesse der Regierung, zu helfen, dass Kafr Kassem aufblüht“, ist Badir überzeugt.

Gericht: „Illegaler Schießbefehl“

Am 29. Oktober 1956 hatte die israelische Armee eine Ausgangssperre über mehrere arabische Orte verhängt. Hintergrund war der Sinaifeldzug. Die Grenzpolizei sollte die Araber über das Verbot informieren, aber nicht alle erfuhren davon. Als Bewohner von Kafr Kassem am Abend ahnungslos von der Arbeit nach Hause kamen, eröffneten Grenzpolizisten das Feuer auf die Zivilisten. 43 Araber wurden getötet und 13 weitere verwundet. Bei Zusammenstößen am Abend starben außerdem sechs Bewohner.

Unter den Opfern waren sechs Frauen sowie 23 Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 17 Jahren. Die Grenzpolizisten beteuerten, sie hätten auf die Araber geschossen, weil diese gegen die Ausgangssperre verstoßen und somit ein Sicherheitsrisiko dargestellt hätten. Doch ein israelisches Gericht wies diese Darstellung zurück. Es stufte den Befehl, das Feuer auf Zivilisten zu eröffnen, als „offenkundig illegal“ ein. Deshalb hätten sich die Grenzpolizisten der Anordnung widersetzen müssen.

Acht Offiziere wurden zu Gefängnisstrafen zwischen sieben und 17 Jahren verurteilt. Keiner von ihnen verbüßte die volle Haft. Einige wurden durch Präsident Jitzhak Ben-Zvi begnadigt. Den Angehörigen der Opfer bot Israel eine finanzielle Entschädigung an.

Im Jahr 2007 bat der damalige Staatspräsident Schimon Peres beim muslimischen Opferfest Eid al-Adha offiziell um Entschuldigung für die Opfer. Sein Amtsnachfolger Reuven Rivlin nahm 2014 als erstes israelisches Staatsoberhaupt an einer Gedenkzeremonie teil. Er bezeichnete das Massaker als „furchtbares Verbrechen“, das schwer auf Israels kollektivem Gewissen laste. (eh)

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